210
Concordia.
ſein Vermögen, ſondern auch ſeine Freiheit geraubt worden iſt, Gerechtigkeit oder Gnade zu erbitten; er ſoll ſogar Be⸗ weiſe in den Händen haben, wie furchtbar der Geheimrath die Gunſt des Fürſten mißbraucht;— allein was hilft's, er wird doch nicht vorgelaſſen.“
„Edgar Walther ſoll, wie ich höre, ein unruhiger Kopf ſein—⸗
„O, Herr, wer Ihnen das geſagt hat, der kennt den edlen jungen Mann nicht.— Ich kenne ihn zwar nicht perſönlich, habe aber von Werner ſoviel Gutes von ihm gehört, daß ich mich freue, ihn heute Abend bei mir zu ſehen.“
„Ach!“ fügte Blumau hinzu,„ich habe ihm auch bitter unrecht gethan, ich glaubte, er und ſein Bruder ließen mich meines Vermögens wegen gefangen halten!— Nun, ich werde ihm heute Abend meinen Verdacht abbitten.“
In dieſem Augenblicke ließ ſich der Ton eines Jagdhornes in der Nähe vernehmen.— Der Fürſt erhob ſich raſch.
„Heute Abend werden die Neffen dieſes Herrn zu Ihnen kommen, ſagten Sie?“
„Ja, Herr.“
Raſch nahm er ein Blatt Papier, ſchrieb einige Zeilen darauf, und es Bernſtein überreichend, ſprach er:
„Hier, geben Sie Herrn Walther dieſes Blatt; es wird ihm dazu helfen, bei dem Fürſten eine Audienz zu erlangen. Und nun leben Sie wohl, meine Herren; ich hoffe, wir ſehen uns bald wieder.“
Er reichte den beiden Greiſen bewegt die Hand, und ehe dieſe ſich von ihrem Staunen erholen konnten, war der Jäger im Walde verſchwunden.
Bernſtein nahm das ihm dargereichte Blatt und las:
„Vorzeiger dieſes Blattes wird mir bei ſeiner Ankunft
im Schloſſe unverzüglich gemeldet.
Franz Alexander.“
„Heiliger Gott,“ rief er aus,„es war der Fürſt ſelbſt, den wir geſprochen!“
„Wie, wäre es möglich?“ fragte Blumau.
„Gewiß! Hier ſein Name und— ja, jetzt entſinne ich mich ſeiner Züge— ich habe ihn zwar lange nicht mehr ge⸗ ſehen und meine blöden Augen wollen nicht mehr mit fort— aber jetzt iſt mir jeder Zug erinnerlich!— Es war der Fürſt ſelbſt.“
Die beiden Greiſe unterhielten ſich noch lange über das ſeltſame Abenteuer, und auf dem ganzen Wege bis zu Vern⸗ ſtein's Wohnung bildete der Fürſt die Unterhaltung.—
Der Abend war endlich angebrochen.
Am reinen, wolkenloſen Himmelszelte ſtanden die Sterne in ſchönſter Pracht und der Mond ſpendete ſein ſanftes, magiſches Licht.„
Edgar, Arthur und Werner trafen, wie verabredet, pünktlich in dem bezeichneten Gaſthofe ein und gingen nach kurzer Raſt Bernſtein's Wohnung zu.
Die beiden Alten ſaßen eben bei einem frugalen Abend⸗ brot, als die drei Jünglinge eintraten.
„Hier, Herr Blumau,“ begann Werner nach herzlichem Gruße,„hier bringe ich Ihnen die Söhne Ihrer Schweſter!“ Edgar und Arthur eilten auf Blumau zu, und ſeine Hände erfaſſend, riefen ſie mit bewegter Stimme: „Onkel! lieber, theurer Onkel!“
„Seid Ihr's wirklich?“ ſprach mit thränenerſtickter Stimme Blumau,„ſeid Ihr meiner Schweſter Marie Kinder?“
„Wir ſind's!“ entgegneten Beide, und Arthur fügte hinzu: „Hier iſt Edgar, Ihr Retter!“
Blumau zog Edgar an ſich und ſprach:
„Sieh' mich an— ja, ja, Du haſt ganz das Geſicht meiner guten Schweſter Marie!— So habe ich Euch doch wieder!— Alſo der Edgar biſt Du?“
„Ja, lieber Onkel!“
Der Alte trocknete ſich die Augen, dann fuhr er bewegt fort.
„Und dieſer iſt Arthur?— Was ſtehſt Du denn ſo bei
Seite?“
„Ach, guter Onkel! Ich habe nichts zu Ihrer Befreiung gethan!“
„Nun, komm' nur her, Du biſt ja nicht ſchuld an meinem Unglücke!“
Nun begann ein Fragen und Plaudern, wie es eben nur nach langer Trennung geführt werden kann. Endlich erzählte Bernſtein von dem heutigen Abenteuer im Walde und gab Edgar den empfangenen Zettel.
„Ja, ja!“ rief Edgar freudig aus,„das iſt der Fürſt ge⸗ weſen! Ich war im Schloſſe und erfuhr, daß er in die hieſige Gegend zur Jagd gefahren ſei! Onkel, nun ſind wir gerettet, und will's Gott, ſo ſteht unſerem ferneren Glücke nichts mehr im Wege!“
Noch lange ſaßen die glücklichen Menſchen plaudernd bei⸗ ſammen, dann aber ſetzte ſich Werner an Bernſtein's Klavier und ſang mit heller Stimme:
„Der Himmel ſtrahlt in ew'gem Licht, Gewölke zieh'n und wogen
Wie Rieſenbilder ſchwer und dicht Rings um den Himmelsbogen.
Der Wetterſtrahl in wilder Wuth Zuckt flammend hin und wider;
Doch ruhig ſchaut in Kampf und Gluth' Der Sterne Glanz hernieder.
So ſtehet in des Frommen Bruſt
Ein Himmel feſtgegründet;
Heil, wer ſich ſeiner ſtillbewußt,
Heil, wer ihn ſucht und findet.
Wie Wetter, Sturm und Wogen, geht Der Erde Kampf vorüber;
Des Herzens Friede aber ſteht,
Ein ewiger Stern, darüber.“
— /
9. Kapitel. Am Ahgrund.
Der Fürſt ging erregt in ſeinem Zimmer auf und ab, indem er murmelte: 4
„Schändlich, teufliſch iſt mein Vertrauen gemißbraucht worden! Während ich glaubte, es würde von meinen Beamten treulich für des Volkes Wohlfahrt geſorgt, werden deſſen Recht mit Füßen getreten, und ſtatt Segen ernte ich Flüche und Thränen!“— Doch bei Gott! das ſoll ein Ende nehmen!“
Er ließ ſich an dem reichverzierten Schreibtiſche nieder und blätterte in den vor ihm liegenden Papieren.
Während dieſer Zeit fand im Vorzimmer eine leiſe ge⸗ führte Unterhaltung zwiſchen dem Geheimrath von Salfeld und dem Kammerdiener des Fürſten ſtatt.
„Nun, wie befinden ſich Durchlaucht heute?“ fragte der Erſtere.
“ ——


