208
Concordia.
und hielt mich für krank, denn unmöglich hätten ſonſt meine Blicke ſo ernſt und meine Schritte ſo langſam ſein können; ſie quälte mich mit ſo eindringlichen Fragen, daß ich faſt außer mir gerieth und nur die Erinnerung an die letzten Worte des Herrn David mich zurückhielt, ihr mein ganzes Geheimniß zu verrathen. Ich blieb aber feſt, trotz aller ihrer Fragen, und es dauerte nicht lange, da waren ſie und auch die anderen Mädchen es müde geworden, weiter in mich zu dringen, und ließen mich in Ruhe. Die Woche verſtrich, und krank vor Ungewißheit erſehnte ich den Augenblick, wo ich Gelegen⸗ heit ſinden würde, ungeſtört mit Herrn David zu ſprechen. Als dieſer unter uns trat, war er ganz wie immer, gütig und freundlich gegen Jedermann; ich fühlte mein Erröthen in dem Augenblick, als er mir die Hand drückte, und befürchtete ſchon, ſeine innige Begrüßung könne den Uebrigen auffallen. Es war die letzte Stunde im Garten, ich bemühte mich ebenſo eifrig, wie mein Lehrer, meine Staffelei ſo zu ſtellen, daß wir möglichſt ſicher vor jeder Beobachtung meiner Mitſchülerinnen ſein könnten, denn ich brannte vor Ungeduld, allein mit ihm zu ſein. Er aber benahm ſich in einer Art und Weiſe, daß mir das Herz plötzlich ſank; ganz gleichgiltig und unbefangen gab er mir Anweiſungen, wie ich mein Bild entwerfen ſollte,
verließ mich und ging zu den Uebrigen, ohne mir auch nur
mit einem Worte zu verrathen, daß er meine Gefühle theile. Dieſes empörte mich auf's Aeußerſte, ich erſah darin einen gänzlichen Mangel an Gefühl und warf meinen Kreideſtift erregt zur Seite. Als er dann nach einer Weile, die er mir ganz ohne genügenden Grund verlängert zu haben ſchien, zu mir zurückkehrte, war ich, offen geſtanden, weit davon entfernt, kindliche Hochachtung für ihn zu fühlen.
„Nun?“ fragte ich, als er ſich über mich beugte und an⸗ ſing, meine raſch hingeworfene Zeichnung zu verbeſſern.
„Nun?“ ſprach er mir nach in einem Tone, der himmel⸗ weit verſchieden war von ſeiner früheren Artigkeit gegen mich.
„Ich warte auf die Mittheilungen, die Sie mir ver⸗ ſprochen,“ erwiderte ich gedrückt; Herrn David's Weiſe er⸗ innerte mich an meine Stellung zu ihm.
„Wenn Du das thuſt, Petronel, ſo kleide Deine Fragen anders ein; ich bin es nicht gewohnt, in der Art angeredet zu werden, ſelbſt nicht von meinen Schülerinnen.“
„Ich bin ſo angſtgequält,“ ſtammelte ich.
„Das finde ich natürlich, jedoch dabei brauchſt Du nicht ſo unfreundlich zu ſein, wie eben. Aber was wünſcheſt Du zu wiſſen? Ich ſtehe zu Dienſten.“
Tauſend Fragen, die ich an ihn richten wollte, hatte ich mir vorher ausgedacht, zuerſt hinſichtlich ſeiner Anſprüche auf mich als Tochter, und wenn er mir dieſe begründet, ſollte er mir ſagen, wie er es über ſich habe gewinnen können, meine Mutter und mich in Saltpool in Kummer und Elend zu laſſen; als er nun aber ſo entſchieden ſeine Autorität über mich behauptete, ſank mir aller Muth, und ich vermochte nur die Worte hervorzubringen:
„Sagen Sie mir doch Alles von Anfang an, ich möchte ſo gern Ihr ganzes Leben kennen.“
Herr David lächelte leichtfertig.„Das würde wohl etwas zu weitläufig ſein, kleine Mademoiſelle, ich denke, Du kommſt mir zu Hilfe und ſtellſt Deine Fragen.“
„Gut denn!“ fuhr ich eifrig fort, war jedoch in Zweifel, wie er meine Fragen aufnehmen würde.„Warum lebten Sie
ſtets fern von der Mama und mir, und warum holten Sie mich nicht, als Sie ihren Tod erfuhren?“
Bei dieſen Fragen ſah ich ihn frei an, und es entging mir nicht, daß ſich Falten auf ſeiner Stirn zuſammenzogen.
„Es giebt Mancherlei, was man Kindern nur ſchwer er⸗ klären kann, doch ſoweit es angeht, will ich es thun. Viel⸗ leicht hörteſt Du ſchon, daß ich Deine Mutter gegen den Wunſch ihrer Eltern heiratete?“
„Ich weiß von Nichts!“ erwiderte ich bitter. auf in völliger Unwiſſenheit über Alles.“
„Um ſo beſſer! Dergleichen unerfreuliche Dinge können nie lange genug vorenthalten bleiben. Indeſſen es war nun ein⸗ mal ſo, und Dein Großvater, Sir Lionel Halſtedt—“
„Der Herr, der in Frampton lebt?“
„Ja! ich denke, Du kennſt Frampton?“
„Ich wuchs
„Nein, ganz und gar nicht! Die Couſine Marcia ſagte
mir auch, ich würde es nie kennen lernen, da mein Großvater feierlichſt geſchworen hätte, mich nie dort aufzunehmen.“
„Haha! Die Sünden der Eültern ſollen an dem Kinde heimgeſucht werden! Iſt's nicht ſo? Das nennen ſie chriſt— liche Liebe! Nach Allem, was Du mir über Dein Leben in Rockbury mitgetheilt, ſollte ich jedoch denken, Du verlierſt nicht viel. Frampton iſt ein hübſches Beſitzthum, doch es iſt dort zum Sterben langweilig,— es war dort immer ſo, und jett—⸗
„Dort trafen Sie mit meiner Mutter zuſammen?“ fragte ich, um ihn wieder zur Sache zu bringen.
„Ja, und heiratete ſie; dieſes war der dümmſte Streich, den ich je gemacht.“
Nach einer kurzen Pauſe ſagte Herr David:„Einem Kinde, wie Du es biſt, kann ich nicht Alles ſo detaillirt erzählen, daß Dir meine Vergangenheit ganz bekannt würde; es genüge Dir nur, zu hören, daß Sir Lionel und ſeine ganze Familie ſich ſo rückſichtslos gegen Deine Mutter und mich be⸗ nahmen, daß ihr Name nicht mehr zwiſchen uns genannt wurde.“
„Sie liebten ſich aber doch und lebten zuſammen; warum trennten Sie ſich denn?“
„Mein Kind, Du biſt zu jung und unerfahren; wenn Du älter biſt, wirſt Du einſehen, daß man von der Liebe nicht leben kann, ſelbſt wenn ſie noch ſo warm iſt. und ich, wir lebten einige Jahre auf dem Kontinent, und während der Zeit wurdeſt Du geboren. Meine Geſchäfte riefen mich nach Paris; dort wurde die Geſundheit Deiner Mutter ſchwankend, und auf den Rath der Aerzte ſchickte ich ſie nach Saltpool und Dich zugleich auch.“
„Und dort ließen Sie ſie einſam ſterben!“ ſagte ich auf⸗ geregt und ſtampfte mit dem Fuß auf den Boden.
„Ei, eil was ſoll das? Laß dergleichen, wir führen hier keine Komödie auf.“.
„Warum kamen Sie denn aber nie zu uns?“ fragte ich weiter, ohne auf ihn zu hören.
„Aus dem einfachen Grunde, weil ich es nicht konnte. Wenn Du weniger ungeduldig geweſen wäreſt, hätteſt Du es ſchon früher erfahren. Ein Hauptgrund war, daß die Un⸗ koſten, die ein Familienhaushalt mit ſich bringt, ſich bedeutend höher herausſtellten, als ich mir früher eingebildet; ſie hatten mich ſo in Schulden geſtürzt, daß ich es nicht wagen durfte, mich in England ſehen zu laſſen, ohne mich der Gefahr aus⸗
Deine Mutter.
2—


