204... Concordia.
Herr Moore hatte geſagt, er ſei zuverläſſig, doch nach meiner kindlichen Auffaſſung waren alle Lehrer und Lehrerinnen nach derſelben Schablone gebildet und eng miteinander verbunden, um jede Freunde der Jugend zu unterdrücken. Ich war weit davon entfernt, meine nächtliche Promenade vergeſſen zu haben, doch die Ferienreiſe lag dazwiſchen, weshalb mir die Zeit länger erſchien, als ſie war. Und jetzt plötzlich ſollte ich einer der Hauptperſonen dieſes Drama's im Penſionate ſelbſt wiederholt entgegentreten; das ſchien mir nicht allein die Furcht vor Entdeckung wieder zu erwecken, ſondern letztere zu be⸗ ſchleunigen. Ich kann nicht ſagen, daß ich Herrn David für einen Verräther hielt; doch welcher Unſtern hatte gerade ihn in meine Nähe geführt? Schon ſein Anblick machte mich zittern. Nachdem ich mich ſoweit geſammelt, um faſſen zu können, was um uns vorging, bemerkte ich, daß Miß Little ſich rüſtete, das Zimmer zu verlaſſen.
„Nun, Herr David, werde ich es Ihnen überlaſſen, ſich ſelbſt von den Fähigkeiten Ihrer Schülerinnen zu überzeugen, ich hoffe, Sie werden Freude an deren Aufmerkſamkeit haben.“ Damit verbeugte ſie ſich gegen Herrn David und verließ das Zimmer; dahingegen etablirte ſich Fräulein Netta mit einem großen Bündel reparaturbedürftiger Gegenſtände vor dem Fenſter, um die Chaperone zu ſpielen. Da aber Fräulein Netta ſo kurzſichtig war, daß ſie nicht über ihre Naſenſpitze hinausſehen konnte, kein Wort, wenn es nicht Deutſch war, verſtand und zu ſchüchtern war, um nur einmal die Augen aufzuſchlagen, wenn ein Herr in ihrer Nähe weilte, ſo hatte ihr Duennenamt eigentlich keinen anderen Zweck, als die Rettung des Scheines.
So wie Miß Little fort war, ſprang ich hinzu, um meinen Mitſchülerinnen behilflich zu ſein, die Staffeleien zurecht⸗ zuſtellen. Ich fühlte, wie ſehr mich der forſchende Blick des Herrn David beunruhigte, und das Herz klopfte mir heftig vor Angſt, daß er mich an unſere Begegnung erinnern könnte. Doch ſein Benehmen gegen mich war äußerſt zuvorkommend, und ich wurde ruhiger; nimmer hätte es ihm Jemand anſehen können, daß er mich ſchon von früher kannte. Aufmerkſam und mit kritiſchem Blick betrachtete er meine Bilder, in ſeinen Mienen buch ſich eine Zufriedenheit aus, die meine Wangen
vor Freer zurglühen machte; ſo wie meine Staffelei aufgerichtet
war, ſtellte er ſeinen Stuhl neben den meinigen, ging aber von einer Schülerin zur anderen. Während der ganzen Stunde kam mein Herz eigentlich gar nicht zur Ruhe, und gegen Ende beſchloß ich, ihn daran zu erinnern, daß es ſehr wünſchenswerth für mich ſei, wenn er unſer früheres Be⸗ gegnen ganz ignoriren wollte. Sein Benehmen gab mir den Muth dazu.
„Mein Herr,“ flüſterte ich, als er ſich eben über meine Leinwand bückte,„nicht wahr, Sie ſprechen nicht davon, daß—“ Weiter konnte ich nicht kommen, ich glühte wie Feuer.
„Seien Sie ganz ohne Sorgen!“ antwortete er mit ſprechendem Blick,„Sie können ſich auf meine Diskretion verlaſſen.“
Er ſprach dieſe Worte ſo feſt und ſo voll Mitleiden mit meiner Angſt, daß ich Vertrauen gewann und ruhig wurde.
Die Mitwiſſenſchaft unſeres kleinen Geheimniſſes, ſeine Diskretion und die Aufmerkſamkeit, mit der er mich behandelte, legten den Grund zu einem ſo intimen Verhältniß mit mir, wie es mit den anderen Schülerinnen nicht exiſtirte. Allen
widmete er Intereſſe, ich aber war ſein entſchiedener Günſt⸗ ling. nicht aſlein im Geheimen, ſondern auch offen in der Klaſſe; es wir mir räthſelhaft, was ihm an mir beſonders anfjehend war Jedenfalls war es mein Talent, das ihn ent⸗ züch?, denn er gab ſich die erdenklichſte Mühe, dieſes aus⸗ zubilden; oft blieb er über die Zeit, um meinem Pinſel zu folgen und meine Fortſchritte zu überwachen. Inzwiſchen verſicherte er mir bei jeder Gelegenheit, daß ſeine Freude bei den Beſuchen im Penſionat nicht allein von dem Stolz her⸗ rühre, den er üyer die beſte Schülerin, die er je gehabt, fühle, ſondern daß er auch ſo innigen Antheil an meinem übrigen Wohlergehen nähme. Allen dieſen Ausdrücken der Freundlich⸗ keit des Herrn David erſchloß ſich mein Herz gar gern, nicht nur, weil ich gleiche Sympathie für die Kunſt fand, ſondern auch, weil ich Worte der wärmſten Anhänglichkeit von ihm hörte, wie ich ſie nur von Vetter Ulih und Felicite ver⸗ nommen; es beglückte mich, einen neuen Freund gefunden zu haben. So wurden meine Malſtunden nicht nur bildend, ſondern auch vergnüglich, und ich ſesate den Tag, auf den ſie fielen, wie einen Feſttag herbei; Herr Danid wußte ſehr ſpannend zu erzählen, und ich lauſchte ihm liever als jedem Anderen, ſchon weil er ein Engländer war. Die letzten Jahre freilich hatte er auf dem Kontinent gelebt.
Da er mir viel aus ſeiner Vergangenheit erzählte, kar es unwillkürlich, daß auch ich ihm meine Erlebniſſe mittheilte; ſo wußte er bald Alles, auch von dem Tode der Maimer von meiner Adoptirung. Hierbei verweilte ich lange und gern, es war mir eine wahre Freude, Jemanden zu haben, gegen den ich mich ohne Rückhalt über meinen Vetter, mein Idol, ausſprecheu konnte. Herr David veranlaßte mich, ihm Alles über unſer luxuriöſes Leben in Rockbury zu erzählen. Bei der Gelegenheit ſprach er die Vermuthung aus, daß mein Vetter, wie die meiſten Engländer, wohl ſehr reich ſein müſſe; dem widerſprach ich nicht, ich war eitel, wie alle Schulkinder, und mochte nichts lieber hören, als wenn meine Heimat ge⸗ prieſen wurde.
Ich glaubte es aber auch allen Ernſtes, denn ich hatte ſchon von verſchiedenen Rockburyern gehört, daß der Vetter Ulih ein ſehr reicher Mann ſei; man brauchte ja auch nur ſeine ſchönen Equipagen anzuſehen. Er hatte deren drei, und ſeine Pferde waren ſo elegant, wie ſie Niemand dort in der Gegend hatte; dazu hatte er mir noch ein eigenes Reitpferd in Ausſicht geſtellt, wenn ich meine Sudienzeit in Antwerpen beendigt haben würde.
„Es ſcheint mir auch,“ ſagte Herr David eines Tages, mach Allem zu urtheilen, daß Sie ein ſehr bedeutendes Taſchen⸗ geld erhalten?“
„Ja, ſicherlich! Ich bekomme viel mehr als ich bedarf, und ich habe hier keine Gelegenheit, es zu verbrauchen. Der Vetter iſt ſo liebreich— ich bin überzeugt, wenn ich ihn um 1000 Lſtr. bäte, er gäbe ſie mir gleich.“
Damit wollte ich nicht ſagen, daß ich je dazu im Stande ſein würde, ich ſchwatzte es nur ſo heraus wie eine Närrin, der das Herz auf der Zunge liegt.
„Gewiß, er muß gütig ſein,“ murmelte David;„ich glaube aber auch, es wäre ſchwer, Ihnen etwas abzuſchlagen.—— „Mademoiſelle— bitte, etwas mehr Licht— ſo iſt es gut. Wir müſſen Miß Little bitten, uns zu geſtatten, einige Stunden im Garten abzuhalten; ich wünſche, daß Sie anfangen, nach


