Jahrgang 
1 (1879)
Seite
203
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Concordia. 203

läufig auch gar nicht an. Meine Tochter iſt noch zu jung, um ſich ſchon vermählen zu können. Von Ihnen gilt daſſelbe, haupt⸗ ſächlich aber auch noch, daß Sie in bereits vorgerücktem Alter noch keinen eigentlichen Lebensberuf gewählt haben. Ein Mann, der nichts iſt und nichts Ordentliches kann, bietet trotz ſeines Vermögens keine Garantie als Begründer einer Familie. Endlich heiratet meine Tochter, nach meiner Beſtimmung, nur einen Bankier!

Dieſer Beſcheid, oder beſſer dieſe Abfertigung war in doppelter Beziehung ſcharf und bitter. Dennoch konnte Ar⸗ wed Römer dem alten Herrn, was ſeine eigene Perſon betraf, nicht ganz Unrecht geben. Er hatte, im Grunde genommen, bisher ziemlich zwecklos in die Welt hineingelebt. Mit der richtigen Einſicht in dieſer Hinſicht kam ihm indeſſen auch der rechte Entſchluß. 4

Natürlich mußte Römer's Verkehr im Hauſe Mohrmann's ſofort aufhören. Auch verbot der Letztere ſeiner Tochter ernſt⸗ lich jedes weitere Zuſammentreffen mit dem jungen Manne und wachte ſelbſt, ſo viel er konnte, über die Aufrechthaltung ſeiner Beſtimmung. Demungeachtet gelang es den Liebenden, noch einmal zuſammenzukommen und Vereinbarungen für die Zukunft zu treffen. Römer ſollte und wollte ſich mit Bank geſchäften und dem Börſenverkehr vertraut machen, um da⸗

durch die Einwendungen des Vaters der Geliebten gegen ſeine

eigene Perſon kraftlos zu machen. Das Weitere wollte

man vorlänſig auf die Zeit ſchieben, um in treuer An⸗

hänglichkeit eine günſtige Wendung der Angelegenheit herbei⸗ zuführen.

Sofort nach dieſem Uebereinkommen mit ſeiner Marie reiſte der junge Mann nach der Reſidenz ab. Der Vormund, deſſen Machtvollkommenheit überdem bald zu Ende war, hatte nichts gegen den neuen Plan ſeines Mündels für die Zukunft einzuwenden. Es kam nur noch darauf an, einen Platz zu finden, an welchem ſich Arwed in geeigneter Weiſe auszubilden Gelegenheit hatte. Ein ehemaliger Geſchäftsfreund des Vaters, der Bankier Weidenholz, war auf Anſuchen gern bereit, be⸗ hilflich zu ſein, und ſomit trat Arwed Römer in ſein Komp⸗ toir, um den letzten Hauch künſtleriſcher Anwandlungen zwi⸗ ſchen Zahlenreihen zu beſtatten.

Herr Weidenholz hatte als Geſchäftsmann einen ſehr guten, als Lebemann einen ſehr überflüſſigen Ruf. Schon ſeine äußere Erſcheinung, ſein Benehmen und ſeine Sprache, ließen ſofort den Gourmand, Weinliebhaber und Libertin erkennen. Ein längeres Zuſammenſein mit ihm verrieth leicht, daß er, wie ſo viele Schlemmer, ſtark mit aſthmatiſchen Beſchwerden behaftet war. Da er ſchon ſeit Jahren Wittwer und ohne Kinder war, brauchte er ſich um ſo weniger Zwang auf⸗ zulegen. Im Uebrigen trug er ſtets ein treuherziges, offenes Weſen und eine heitere Gutmüthigkeit zur Schau. Leben und Lebenlaſſen ſchien ſein, wenn auch nicht entſchieden aus⸗ geſprochener Grundſatz zu ſein.

(Fortſetzung folgt.)

Betronel.

Roman aus dem Engliſchen von Florence Marryat. (Fortſetzung.)

Einige Tage vergingen und ich wurde ſchon ungeduldig hinſichtlich des Zeichenlehrers, deſſen Name noch gar nicht ge⸗ nannt war; Miß Little war überhaupt nicht mittheilſam gegen ihre Schülerinnen. Sie hatte ja geſagt, daß der Unter⸗ richt eingerichtet werden ſollte, und hielt dieſes bis zum Be⸗ ginne für hinreichend. Es war für dieſen Zweck eine Klaſſe von ſechs Mädchen gebildet, und an dem Tage, wo der Unter⸗ richt beginnen ſollte, hatten wir uns in dem beſtimmten Zimmer rechtzeitig verſammelt und harrten ängſtlich auf das Erſcheinen unſeres Lehrers. Auf vier Uhr hatte er ſich an⸗ gemeldet, es hatte jedoch ſchon halb fünf Uhr geſchlagen und er war noch nicht da.

Der Brüſſeler Zug muß ſich verſpätet haben, bemerkte Miß Little, als ſie den vorgerückten Zeiger auf der Wanduhr ſah; wir rückten zuſammen und ſprachen unſer Erſtaunen darüber aus, daß für unſeren Unterricht ein Lehrer von ſo weit herkomme.

Plötzlich erklang die Hausglocke.

Da iſt der Herr! ſagte Miß Little, erhob ſich, bauſchte ihr ſeidenes Gewand auf und trat in's Vorzimmer zum Em⸗ pfang des Ankommenden.

In dem Augenblick beſchlich mich ein Gefühl von Schüchtern⸗ heit, ich wußte wohl, daß ich bei der Vorſtellung als eine Derjenigen genannt werden würde, die am meiſten zu leiſten verſprachen, aber das Herz klopfte mir laut bei dem Gedanken, daß ich der Aufgabe, die mir geſtellt würde, nicht gewachſen ſein könnte. So trat ich denn aus dem Kreiſe heraus und

ſuchte mir in der Ecke des Zimmers Beſchäftigung bei den Mappen und Vorlegeblättern. Von dort aus hörte ich, wie die Thür ſich öffnete und Miß Little und der Zeichenlehrer hereintraten, und wie dieſem jede Schülerin mit Namen ge⸗ nannt wurde; ich wagte gar nicht aufzuſehen, bis ich mit lauter, faſt heftiger Stimme aufgerufen wurde.

Miß Fleming, wo bleiben Sie denn? ich begreife Sie gar nicht. Dieſes iſt Miß Fleming, Herr David.

Bei dieſen Worten blickte ich haſtig auf und ſah mich dem Herrn gegenüber, der Felicite und mir damals auf der place verte begegnet war; ich fühlte mein Erröthen! Unwillkürlich erinnerte ich mich der Verhältniſſe, unter denen wir uns ſchon früher geſehen der Nachtzeit, der öffentlichen Straße, des Zuſammenſeins mit dem Herrn Moore und wurde ſo blutroth und ſo verlegen, daß Miß Little mich ganz er⸗ ſtaunt aublickte, und Herr David, der wohl Mitleiden mit meiner unerquicklichen Lage hatte, ſich zur Seite wandte.

Ich freue mich doch, zu bemerken, daß Sie es ſelbſt fühlen, wie unpaſſend es von Ihnen wa⸗, den Herrn David ſo wenig zuvorkommend zu bewillkommnen, ſagte Miß Little ärgerlich. Dann fing ſie an, weitläufig auseinanderzuſetzen, wie weit ich im Zeichnen ſei und wer mein Lehrer bisher geweſen.

Ich ſtand dabei, hörte und verſtand aber kaum ein Wort von dem, was ſie ſagte. Der Kopf ſchwindelte mir, und nur der eine Gedanke beſchäftigte mich, ob Herr David mich wohl

ebenſo raſch erkennen und wie er ſich dabei benehmen würde. 26