Jahrgang 
1 (1879)
Seite
202
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Concordia.

ung gegeben haben, daß ſich die beiden befreundeten Guts⸗ nachbarn überwarfen und das gute Einvernehmen zwiſchen ihnen ſchließlich in eben ſo böſe Feindſchaft ausartete. Mohr⸗ mann beſuchte infolge deſſen zuerſt ſein Gut nicht mehr und verkaufte daſſelbe endlich ſogar. Die Familien ſchienen auf immer von einander getrennt und entfernt zu ſein.

Für die Kinder des Gutsbeſitzers Römer hatte dies was auch immer die Eltern dabei empfinden mochten eigentlich keine Bedeutung. Mohrmann's hatten nur eine Tochter, die zu jener Zeit noch ſehr jung war. Die Römer'ſchen Kinder hatten zwar zu verſchiedenen Zeiten mit der Kleinen Umgang ge⸗ habt, doch ſie ward vergeſſen, ſobald ſie ihnen nicht mehr vor Augen kam.

Ueber Römer's Familie brach bald ein eigenes Unglück herein. Vater, Mutter und ſieben Kinder erlagen innerhalb vierundzwanzig Stunden der ſchrecklichen Seuche, womit uns Oſtindien beſchenkt hat, als dieſelbe wieder einmal ihren Rundgang durch Europa hielt. Nur ein Sohn und eine Tochter des Paares blieben am Leben; erſterer dadurch, daß er in der Stadt künſtleriſchen Studien oblag, und letztere, weil ſie ſich zufällig bei Verwandten zum Beſuche befand.

Der den Kindern beſtellte Vormund wünſchte nun zwar, daß der junge Arwed Römer die erwählte Künſtlerlaufbahn aufgeben möchte, um Landmann zu werden; doch Jener hatte dazu keine Luſt, und deshalb ward die Römer'ſche Beſitzung unter entſprechende Verwaltung geſtellt. Die Schweſter des jungen Mannes fand vorläufig Aufnahme im Hauſe des Vormundes und Jener ſetzte ſeine begonnenen Studien fort, doch nicht mehr zum Zwecke einſtigen Broterwerbes, ſondern lediglich aus Neigung und zu ſeinem Vergnügen.

Als die Geſchwiſter ſich nach und nach von dem gewaltigen Schickſalsſchlage erholt hatten, begann für Beide eine höchſt angenehme Zeit. So ziemlich unbeſchränkt in ihrem Wünſchen und Wollen, mit reichlichen Mitteln ausgeſtattet, durften ſie ſich jedem erlaubten Genuſſe hingeben, und beſonders nutzte der junge Arwed dies günſtige Verhältniß aus, indem er ſeiner Neigung, fremde Länder und Menſchen zu ſehen, die Zügel ſchließen ließ. Noch ſehr jung, brachte er faſt drei Jahre auf Reiſen zu und kehrte hiernach, an Körper und Geiſt gereift, in die Heimat zurück.

Aber ſeine Neigung zum ausübenden Künſtler war ſo ziem⸗ lich erloſchen. Der Anblick ſo vieler Meiſterwerke der Kunſt hatte ihn belehrt, daß der Weg bis zum Ruhme für ihn noch weit, vielleicht zu weit ſei, um denſelben, wie er es wünſchte, zurückzulegen, und im Dilettantismus ſtecken zu bleiben, konnte ihm nicht als Lebensberuf gelten. Er war faſt ſchon mit ſich einig, ſein bisheriges Streben aufzugeben, als ein Umſtand eintrat, welcher ihn völlig zum Entſchluſſe brachte.

Arwed Römer beſuchte nach ſeiner Rückkehr in die Heimat ein Seebad und traf hier mit dem Bankier Mohrmann und deſſen Tochter Marie zuſammen. Die Gemahlin des Erſteren und Mutter Letzteren war vor Jahresfriſt verſtorben.

Der junge Römer hatte lange nicht mehr an dieſe Leute gedacht, und wenn es früher wirklich einmal geſchehen, ſo war Marie Mohrmann immer nur als das unbedeutende Kind im kurzen Röckchen in ſeiner Erinnerung aufgetaucht. Jetzt ſah er ſie als herrlich aufblühende Jungfrau von bedeutender Schönheit wieder. Es war eben kein Wunder, daß dieſe

der ungefähr

Veränderung in der Erſcheinung der Tochter des Bankiers einen tiefen Eindruck auf das für alles Schöne empfängliche Herz des jungen Mannes machte.

Arwed Römer erinnerte ſich zwar recht gut des eingetretenen unfreundlichen Verhältniſſes zwiſchen den Vätern. Doch ſeiner Geſinnung und ſeinen Abſichten nach war daſſelbe kein Grund

für die Kinder, ihrem Beiſpiele zu folgen, um einen Groll, der vielleicht ganz nichtigen Urſachen entſprungen, zu verewigen. Der junge Mann näherte ſich daher Marie Mohrmann

und ward von dieſer nicht allein ebenfalls erkannt, ſondern mit herzlicher Freundſchaft begrüßt. Sie wußte ja noch viel weniger, vielleicht gar nichts von dem unliebſamen Zanke, der die Familien entzweit hatte, und im Uebrigen erging es ihr einigermaßen wie Römer. Aus dem in ihrer Erinnerung lebenden großen, etwas wilden Landjungen war ein ſtattlicher, gewandter Welt⸗ mann geworden.

Arwed Römer nahm die freundliche Begegnung der jungen 1 Dame als gute Vorbedeutung und hütete ſich wohl, den alten Streit der Väter zu berühren. Er ließ ſich bei Herrn Mohr⸗ mann einführen und ward zwar nur kühl empfangen aber doch aufgenommen. Es war jetzt ſeine Sache, die alten unangenehmen Erinnerungen gänzlich zu verwiſchen, und er ſuchte ſolches nach Kräften zu thun. Andererſeits traten jedoch ſeine Empfindungen für Marie Mohrmann mit einer Heftigkeit auf, von der er bisher keine Ahnung gehabt.

Dies Letztere war ebenfalls leicht erklärlich. Arwed Römer hatte in den letzten Jahren fortwährend die Bilder um ſich wechſeln geſehen. Seine Aufmerkſamkeit war auf beſtimmte Gegenſtände gerichtet, die den Verſtand in reger Thätigkeit erhielten, während ſie die Empfindung unbeanſprucht ließen. Sein Herz war daher frei geblieben, die Gefühle deſſelben waren gleichſam in Schlummer gewiegt und traten deshalb nach ihrer Erweckung mit doppelter Stärke auf.

Der junge Mann hatte nun zwar nicht nöthig, bei der 1 ſchönen Marie lange erfolglos zu werben; von gleichen Trie⸗ ben beſeelt, verſtändigte und einigte man ſich bald. Der innige Bund der Herzen war ſchnell geſchloſſen; man konnte daran denken, gemeinſam direkt auf das Ziel loszuſteuern.

Arwed Römer war zwar noch nicht mündig; doch es war nicht anzunehmen, daß der Vormund Einwendungen gegen eine Verbindung mit Marie Mohrmann machen werde. Die

Mittel, eine Frau ſtandesgemäß zu erhalten, waren ja eben⸗

falls da, weshalb ſollte man nicht ſchon in jungen Jahren

nicht 1

den Bund der Ehe ſchließen? Römer bedachte ſich 1 länger, ſondern warb bei dem Vater Marie's um deren b Hand. 1

Leider ſollten die Liebenden inne werden, daß der Vater den Groll gegen den Sohn ſeines einſtigen Gegners nur ver⸗ borgen, jedoch nicht völlig unterdrückt oder aufgegeben hatte.

Mein junger Herr, antwortete er dem eiligen Frei⸗ werber,wenn ich Ihre Annäherung nicht ſoſort zurückwies, ſo geſchah dies, weil ich den Läſterzungen am Orte keinen Stoff zu Klatſchereien dieten wollte. Konnte ich ahnen, daß 1 die neue, oberflächliche Begegnung eine ſolche Wendung nehmen würde, hätte mich jedoch auch dies nicht abgehalten, Sie von mir zu entfernen. Denn es iſt durchaus meinen Wänſchen und meinem Willen entgegen, daß meine Tochter die Frau⸗ des Sohnes eines Mannes werden ſollte, der mich durch Hohn und Spott tief gekränkt hat. Doch es kommt darauf vor⸗