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die runde Summe von zwanzig Thalern und Wellmann zahlte ſolche, ohne eine Silbe deswegen zu äußern. Graupner er⸗ klärte, daß er ſich noch als in der Schuld des Wirthes ſtehend betrachte und ſich bald abzuſinden hoffe. Hiernach verabſchiedeten ſich Beide und verließen das Haus, um die draußen haltende Droſchke zu beſteigen. Als Wellmann dem Kutſcher das Ziel der neuen Fahrt angab, warf dieſer einen forſchenden Blick auf den zweiten Fahrgaſt; doch äußerte er nichts, ſondern fuhr flott darauf los.
Die Reiſe ging diesmal bis in's Herz der Stadt hinein, zu dem Platze, an welchem ſich das Kriminalgerichtsgebäude mit ſeinen Gefängniſſen befand. Hier verließen die beiden Männer die Droſchke, Wellmann befriedigte den Führer der⸗ ſelben und betrat dann, von Graupner gefolgt, das düſtere Gebäude. Der junge Mann mußte hier mit der Oertlichkeit vertraut ſein, denn er ging ohne Unſicherheit ſeinem Ziele zu, bis man ein Wartezimmer erreichte, in welchem ſich ein Be⸗ amter befand.
Wellmann fragte den Mann, ob er recht berichtet ſei, daß der Kriminal⸗Kommiſſarius Lanz den Nachtdienſt habe, und als dieſe Frage bejaht worden, reichte er Jenem ſeine Karte mit der Bitte, ihn dem genannten Herrn zu melden.
„Sie bleiben vorläufig hier!“ ſagte Wellmann zu Graup⸗ ner, während ſich der Beamte entfernte.
Graupner mochte allgemach wohl auf die Idee gekommen ſein, auch in Wellmann einen Kriminalbeamten ſuchen zu müſſen, und zu verargen war ihm ſolches, nach Allem, was bisher zwiſchen ihnen vorgegangen und verhandelt worden, eben nicht. Er antwortete daher auch nicht auf Wellmann's Weiſung, ſondern nahm dieſelbe ſchweigend als einen Befehl hin, gegen den doch keine Auflehnung zuläſſig war.
Der Beamte kehrte zurück und erſuchte Wellmann, ſich in das Bureau zu begeben.
Als dieſer das letztere betrat, erhob ſich ein Mann von ſeinem Sitze, um ſich zugleich nach ihm umzuwenden. Es war derſelbe Herr, in welchem Frau Römer einen Geſchäftsfreund ihres Gemahles ſehen ſollte— leider ein überall ſtets un⸗ erwünſchter Geſchäftfreund.
Die Herren begrüßten ſich wie alte Bekannte.
„Es thut mir leid, mein werther Herr Kamerad!“ begann der Beamte,„wirklich, ich bedauere recht ſehr— aber ich konnte nicht anders— ich folgte nicht eigenem Ermeſſen, ſondern einem mir zugegangenen beſtimmten Befehle—“
Wellmann ſah den Kommiſſarius ganz verwundert an.
„Wovon ſprechen Sie denn, Herr Lanz?“ unterbrach er denſelben.
„Nun— kommen Sie denn nicht im Intereſſe Ihres Prinzipals?“ fragte Jener.
„Sind Sie denn allwiſſend, Herr?!“ rief Wellmann aus.
„Leider nein— es iſt bisher nur immer ein unerfüllter Wunſch geblieben, ſolches zu ſein. In dieſem Falle jedoch geht es auch ohne Allwiſſenheit ab,“ meinte der Kommiſſar lächelnd.
„Das wäre wirklich merkwürdig— hören Sie mich ge⸗ fälligſt erſt,“ erwiderte Wellmann.
„Ich bin bereit, ſprechen Sie!“ entgegnete der Beamte.
„Es iſt Ihnen wahrſcheinlich bekannt,“ begann Wellmann, „daß gegenwärtig hier an der Börſe viel Unfug mit falſchen Depeſchen getrieben wird?“
Der Kommiſſarius ſtutzte.
„Nicht nur bekannt,“ rief er,„die Angelegenheit hat mir bereits viel Schmerzen verurſacht—“
„Sie erinnern ſich auch wohl noch,“ fuhr Wellmann fort, „daß vor circa zehn Jahren Aehnliches vorgekommen?“
„Jawohl—“ rief der Beamte lebhaft,„es ward auch der ſchuldige Thelegraphiſt entdeckt und beſtraft, doch nicht ſeine Mitſchuldigen, die eigentlichen Intereſſenten bei der Sache; ich erinnere mich ganz genau!“
„Nun gut,“ erklärte Wellmann,„jenes kam daher, weil man dieſelben lediglich hier ſuchte, ſtatt ſie ebenfalls außer⸗ halb zu ſuchen—“
„Sie wiſſen alſo—2“ fragte der Kommiſſar erſtaunt.
„Ich weiß, wer der Anſtifter jener früheren Unterſchleife iſt, ſowie, daß derſelbe ſich ſchon ſeit zehn Jahren in der Hauptſtadt befindet. Die Vermuthung liegt nahe, daß der⸗ ſelbe das alte lohnende Spiel von Neuem begonnen!“ lautete Wellmann's beſtimmte Antwort.
„Gewiß— und wer iſt—“ meinte der Beamte,„doch ich werde Sie gleich zu Protokoll nehmen!“
„Es wird beſſer ſein, Sie hören zuerſt meinen Begleiter und dann mich,“ mahnte Wellmann.
„Ah— es iſt noch Jemand da?“ fragte der Kommiſſar verwundert.
„Im Vorzimmer— ja!“ erwiderte Wellmann.
„Gut,“ meinte der Beamte, etwas ruhiger geworden, „aber ſagen Sie, Freund— wie kommt es, daß Sie Ihres Prinzipals noch mit keiner Silbe erwähnt haben? wiſſen Sie denn noch von nichts?“
„Mein Prinzipal hat mit der Angelegenheit direkt eigent⸗ lich nichts zu thun,“ meinte Wellmann.
„Ach, ich ſpreche nicht von dieſem Handel,“ unterbrach ihn der Kommiſſar,„aber ich habe den Bankier Römer etwa vor einer Stunde— verhaftet!“
Wellmann trat entſetzt einen Schritt zurück.
„Und weswegen—?!“ rief er mit bebender Stimme, „mein Gott, die arme Frau— ſeine armen Angehörigen!“
„Dieſe wiſſen wahrſcheinlich noch nichts davon,“ tröſtete ihn Lanz,„denn Römer iſt mir, unter dem Vorgeben einer plötzlichen Reiſe, gefolgt. Aber ich glaubte, Sie würden ſeit⸗ her im Hauſe geweſen ſein, wo Anweiſungen Ihres Prin⸗ zipals für Sie hinterblieben ſind.“
„Keine Silbe weiß ich!“ rief Wellmann;„aber kann ich den Grund erfahren, weshalb die Verhaftung des Herrn Römer verhängt worden?“
„Da der Fall bis morgen doch ruchbar werden dürfte, ſo kann ich Ihnen auch wohl mittheilen, daß man Herrn Römer die abſichtliche Tödtung eines Menſchen zur Laſt legt!“
„O— nun bin ich in der Hauptſache beruhigt!“ rief Wellmann erleichtert aus;„wie konnte aber auf die rach⸗ ſüchtige Anſchuldigung eines wegen Fälſchung und Unter⸗ ſchlagung verhafteten Dieners ein ſolches Gewicht gelegt werden?“
„Davon weiß ich nichts,“ erwiderte Lanz,„aber in der Denunziation iſt auf das Zeugniß eines Dieners des Bankier Römer Bezug genommen!“
„Dann kann nur der Kommerzienrath Falk der Urheber der falſchen Anſchuldigung ſein!“ rief Wellmann ſchnell⸗


