Jahrgang 
1 (1879)
Seite
197
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Wirklich? Ihr ſprecht aber Beide das Engliſche nicht wie Leute, die aus dem Auslande kommen.

Ich ſagte nicht, daß wir Fremde ſeien, erwiderte das Mädchen ſchlau.Wenn Ihr mehr über den Ort und die Leute fragen wollt, thätet Ihr beſſer, Euch an die Haushälterin Mrs. Darvis zu wenden; und wenn Ihr das Haus ſehen wollt, müßt Ihr die Erlaubniß von ihr haben. Dies iſt die Glocke, wo Ihr läuten müßt, wenn Ihr ſie zu ſehen wünſcht.

Sie befanden ſich an einem Ende der Terraſſe, einer Glasthüre gegenüber, die ſich in eine kleine dunkle Vorhalle öffnete, wo ſich an den Wänden die Bildniſſe einiger Vorfahren der Penwyn's befanden, die mit finſterem Ausdrucke herab⸗ blickten, wie zürnend darüber, daß man ſie in einen ſo obſkuren Winkel verwieſen.

Maurice zog die Glocke, und nachdem er dies mehr als einmal wiederholt und mit vollkommener Geduld auf das Reſultat gewartet, ward er durch das Erſcheinen einer älteren Frauensperſon belohnt, die häuslich und angenehm ausſah, in wohlthuendem Kontraſt mit der ſeltſamen Phyſiognomie des Weibes in dem Landhauſe am Thore, welche den Reiſen⸗ den mit einem unangenehmen Gefühle auch in Bezug auf das Schloß Penwyn erfüllt hatte.

Mr. Cliſſold nannte ſeinen Wunſch, und nachdem Mrs. Darvis ſeine Karte buchſtabirt und ein wenig nachgedacht, ſtimmte ſie bei, ihn einzulaſſen und ihm das Haus zu zeigen.

Wir pflegten das Haus ſonſt Fremden bereitwillig zu zeigen, bis der neue Squire in Beſitz kam, ſagte ſie;aber er iſt etwas eigen. Indeß, wenn Sie ein Freund von ihm

Ich kenne ihn ſehr wohl; der arme James Penwyn war mein intimſter Freund.

Der arme Mr. James! Ich ſah ihn nur einmal, als er herab kam, den Ort zu ſehen, bald nach dem Tode des alten Squire. Er war ein ſo ſchmucker und offenherziger Gentleman. Es war ein ſchrecklicher Schlag für uns Alle, als wir von ſeiner Ermordung laſen! Nicht daß der jetzige Herr nicht gut und freundlich wäre; er iſt es, und dabei mildthätig gegen die Armen. Es könnte keinen beſſeren Herrn geben für das Gut Penwyn.

Es freut mich, zu hören, daß Sir ihm ein ſo gutes Zeugniß geben, ſagte Maurice.

Elsbeth war ihm uneingeladen in das Haus gefolgt und ſtand jetzt mit weitgeoffneten Augen und zuſammengepreßten Lippen aufmerkſam zuhörend im Hintergrunde.

Was Mrs. Penwyn betrifft, ſagte die Haushälterin, iſt ſie eine Lady, die kaum unter tauſend ihres Gleichen findet. Sie könnte eine Königin ſein, ſo etwas Erhabenes hat ſie. Sie kann an keinem armen Schulkinde vorübergehen, ohne ihm etwas Freundliches zu ſagen, und an die Armen denkt ſie ſoviel, daß dieſe gar nicht nöthig haben, ihre Wünſche zu nennen; ſie ſorgt ohnedem ſchon für ſie.

Alſo eine wahre Wohlthäterin für dieſe Gegend! ſagte Maurice.

Du kannſt nach Hauſe gehen, zu Deiner Großmutter, Elsbeth, ſprach Mrs. Darvis.

Ich ſollte dieſem Herrn die Gärten zeigen, antwortete das Mädchen,er hat ſie aber noch nicht halb geſehen. In der Hingebung an den Dienſt, den ſie übernommen,

folgte ihnen das Mädchen auf den Ferſen durch das ganze

Concordia.

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Haus und verſchlang jedes Wort, das von Mrs. Darvis oder dem Fremden geſagt wurde.

Das Haus war alt und etwas düſter, es gehörte zu der architektoniſchen Schule aus den Zeiten der Tudor's. Die ſchweren Steineinfaſſungen der Fenſter, die gewichtigen Fenſter⸗ rahmen waren ſehr geeignet, das Licht nur geſchwächt ein⸗ dringen zu laſſen. Und dazu kamen die auf die Scheiben gemalten Wappen und Motto's der Familie in allen Verzweig⸗ ungen mit anderen Familien, von Thomas Penwyn an, der ſich in den Kreuzzügen durch ſeine Tapferkeit ausgezeichnet.

Die Zimmer waren geräumig, aber nicht hoch, mit ge⸗ ſchnitztem Holzwerk getäfelt, und vielfach erſchien auf dem letzteren das Wappen von Penwyn mit dem Motto:Ich wache!

Die Tapeten waren ziemlich abgenützt, denn das Haus war in der Zeit zwiſchen der Revolution und den Tagen König Georg's III. ſehr vernachläſſigt worden, als die Familie Penwyn in Armuth verfallen und das ſchöne alte Herrenhaus wenig mehr als ein Farmhaus geweſen war. In der Bankethalle hatten wirklich kräftige Feldarbeiter gekochten Schinken mit Bohnen und Kartoffelbrot verzehrt; jetzt aber war ſie ein ſtattliches Speiſezimmer, mit ſchönen und maſſiven Eichenholz⸗Möbeln, welche der alte Squire, Churchill's Großvater, angeſchafft.

Dieſes Zimmer war eines der größten im Hauſe und hatte die Ausſicht auf das Meer. Der Bilderſaal, das Muſikzinner, Bibliothek und Boudoir waren an der Gartenſeite, mit Fenſtern, die ſich auf die Terraſſe öffneten. Der Bilderſaal und das Boudoir waren von Churchill nach ſeiner Heirat neu ein⸗ gerichtet worden.

Der alte Squire empfing ſehr wenig Geſellſchaft und kam kaum jemals in dieſe Zimmer, ſagte Mrs. Darpis. Im Sommer, wenn das Diner vorbei war, pflegte er in der Taxuslaube bei der Kegelbahn zu ſitzen, und im Winter rauchte er ſeine Pfeife meiſt im Zimmer des Verwalters, und ſprach dabei mit dieſem. Das Speiſezimmer war das einzige große Zimmer, welches er benützte, und ſo fand Mr. Churchill Penwyn den Salon faſt ganz ohne Einrichtung; was da war, fand er für ſeinen Geſchmack zu ſchlecht, deshalb ließ er es auch nach altem Styl neu einrichten und ſetzte ein Piano und ein Har⸗ monium in das Muſikzimmer. Auch die Tapeten im Salon oder Bilderſaal ſind neu und echte Gobelins, wie Mrs. Pen⸗ wyn mir ſagte, wofür ſie, wie ich glaube, eine beſondere Vor⸗

liebe hat.

Die Dame öffnete die Thür, als ſie ſprach, und ließ Maurice in dieſes geheiligte Apartement eintreten, wo die Seſſel und Sopha's mit holländiſcher Leinwand verhüllt waren.

Die Tapeten waren von ausgezeichneter Arbeit und ſtellten die Mythe Arion's vor. Da waren der freundliche Delphin, der ſommerlich blaue See, griechiſche Matroſen, der weiße Palaſt Periander's. Schränke von geſchnitztem Ebenholz ſchmückten die Ecken des Zimmers und waren reich mit Nippſachen der Bellingham's belegt, der einzige Brautſchatz, den Sir Nugent fähig geweſen war ſeiner Tochter zu geben. Die Stühle und Sopha's, von denen Mrs. Darvis die holländiſche Leinwand abhob, waren, ebenfalls von Ebenholz, mit ſchwerem grünen Seidendamuſt gepolſtert, der ein mittelalterliches Muſter zeigte. Die Fenſtervorhänge von demſelben dunklen Stoff harmonirten trefflich mit den helleren Farben der Tapeten. Der Fußboden war von dunklem Eichenholz und nur in der Mitte mit einem