Jahrgang 
1 (1879)
Seite
196
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196 Concordia.

knabenhaften Pläne zu erinnern, die unerfüllt geblieben, an alle die ſchönen Hoffnungen, welche die Scheere der Parze durchſchnitten.

Die lange blaue Linie des atlantiſchen Ozeans und das weite Moorland waren in das goldene Licht eines ſchönen Sommernachmittags getaucht, als Maurice in die Nähe des Schloſſes Penwyn gelangte. Die Szene war weit einſamer, als er es ſich vorgeſtellt hatte. Vor ihm erſtreckte ſich der unermeßliche Ozean, der mit dem ſchimmernden Horizonte zu⸗ ſammenſchmolz See und Himmel nüäherten ſich in Bezug auf Farbe derart, daß man kaum ſagen konnte, wo das Waſſer endete und das Himmelsgewölbe anfing auf der anderen Seite weithin geſtreckte Hügel und, ausgenommen eine An⸗ zahl weißer Schafe auf einer grünen Anhöhe, kein Zeichen von Leben. Er hatte das Dorf Penwyn bereits eine anſehn⸗ liche Strecke hinter ſich, war aber noch nicht zum Anblicke des Schloſſes gekommen, obgleich er getreu dem Wege gefolgt war, den ihm die Wirthin einer kleinen Schänke, wo er ſeine Reiſe⸗ taſche zurückgelaſſen, bezeichnet, und die ihm dabei ihr Be⸗ dauern ausgedrückt, daß ſie keine Schlafzimmer für Reiſende beſitze, um ihn über Nacht zu beherbergen.

Im ſchlimmſten Falle kann ich auf der Leeſeite eines dieſer Hügel ſchlafen, ſagte er zu ſich ſelbſt.Es kann kaum ſehr kalt ſein, auch bei Nacht nicht, in dieſem weſtlichen Klima.

Er ging auf einem ſchmalen Fußpfade weiter, der ſich hoch über das Niveau des Meeres erhob. Zu ſeiner Rechten waren weite Kornfelder, hier und da durch andere Feldfrüchte unter⸗ brochen; zur Linken erſtreckten ſich weite Moorland⸗Weiden, wellenförmig wie ein grüner See. Der Grund hatte ſich end⸗ lich eine Strecke weit geſenkt, und als er ſich wieder erhob, ſah Maurice Cliſſold mit einem Male die Zinnen des Schloſſes zwiſchen ſich und dem Ozean.

Es war ein anſehnlicher Bau von grauem Stein, lang⸗ geſtreckt, aber niedrig, mit Gartenanlagen, die bis an den Rand der Klippen reichten, geſchützt durch einen Gürtel von Tannen und Eichen. Der blaue See blickte in ſchimmernden Flecken durch das dunkle Gebüſch, und der würzige Duft der Tannen parfümirte die warme, ſtille Luft. In ſeiner voll⸗ ſtändigen Einſamkeit bot das Schloß einen düſteren Anblick, trotz der Erhabenheit ſeiner Lage über dem See. Die Gärten waren ausgedehnt, aber Maurice ſchienen ſie etwas er⸗ findungslos in der Anlage, wohlgepflegt und gebüſchreich, aber ſie ermangelten jener üppigen Fruchtbarkeit, jenes Reichthums der Ausſchmückung, welche ein Kenner von Horaz und Plinius von einem Garten⸗Ideale erwartet.

Aber Mr. Cliſſold konnte nicht ohne einige Schwierigkeit das Innere der Gärten kennen lernen. Sein Fußpfad brachte ihn zuletzt auf einen ländlichen Fahrweg, und auf dieſem ge⸗ langte er gerade vor die Thore von Penwyn. Neben dem Gartenthore befand ſich ein kleines von Quaderſteinen erbautes Landhaus, mit Myrthen, Geisblatt und Roſen bedeckt, aus der eine ältere Frauensperſon hervortrat, deren ſtark markirte Geſichtszüge von dem krauſen Beſatz einer Haube eingerahmt waren, was dem braungelben Antlitz ein faſt groteskes Aus⸗ ſehen gab.

Kann ich das Schloß und die Gärten ſehen, Madame? fragte Maurice, indem er ſich der etwas grimmig ausſehenden Perſönlichkeit ſehr höflich näherte.

Er hatte eine unbeſtimmte Idee, daß er dieſes Geſicht ſchon zuvor geſehen haben müſſe, aber er erinnerte ſich nicht, wann und wo dies der Fall geweſen.

Das Haus wird Fremden niemals gezeigt, antwortete die Frau.

Ich kenne Mr. Penwyn, und will meine Karte für ihn dalaſſen.

Ihr werdet beſſer thun, Euch an die Haushälterin zu wenden. Was die Gärten betrifft, kann Euch mein Enkel⸗ kind darin umherführen, wenn es Euch ſo beliebt. Els⸗ beth, rief die Frau, und ein ſchwarzäugiges Mädchen von zwölf Jahren erſchien an der Thür des Häuschens, wie ein Geiſt auf die Zauberformel einer Hexe.

Führe dieſen Gentleman durch die Gärten, ſagte die alte Frau und verſchwand, ehe Maurice mit ſich ſelber einig werden konnte, ob er ein Geſicht wie dieſes bereits wirklich in Fleiſch und Blut oder nur auf der Leinwand eines Malers geſehen.

Das Mädchen, welches, wie er dachte, ein faſt dämoniſches Ausſehen hatte mit ihren aufgelöſten ſchwarzen Locken, ihrem ſcharlachrothen Röckchen und mit einem abgetragenen rothen Shawl, den es über die knochigen Schultern geſchlagen, führte ihn durch einiges wild ausſehendes Buſchwerk, wo große Granitblöcke zwiſchen Farrenkräutern zerſtreut lagen, die in großer Ueppigkeit zwiſchen den geraden Fichtenſtämmen wuchſen. Ein ſandiger Pfad wand ſich zwiſchen den Bäumen und Ge⸗ ſträuchen hin, bis Maurice und ſeine Führerin auf einen weiten Raſenplatz hinter dem Gebäude kamen, deſſen viele Fenſter ſchimmerten, beſchienen von der im Weſten ſtehenden Sonne. Es waren keine Blumenbeete auf dem Raſenplatze, ſondern an einer Seite des Hauſes befand ſich ein kleiner viereckiger Blumengarten in holländiſchem Style und an der anderen eine Kegelbahn. Vor den Fenſtern erhob ſich der Gartenboden zu einer Terraſſe, drei oder vier Fuß über dem Niveau des Raſenplatzes, und eingefaßt von einer ſteinernen Baluſtrade, welche durch die Zeit ſchon etwas geſchwärzt war. Eine ſchöne alte Sonnenuhr markirte den Mittelpunkt in dem holländiſchen Garten, wo die geometriſchen Blumenbeete ſorg⸗ fältig gepflegt waren und wo Maurice ein paar Gärtner, beide ältere Männer, an der Arbeit fand, jätend und die Blumenbeete bewäſſernd.

Ein wahres Paradies für Alte! dachte Maurice;jene Frau iſt alt, die Gärtner ſind alt, Alles an dieſem Platze iſt alt, ausgenommen dieſes gnomenhafte Mädchen, das aber mit ſeinen böſen ſchwarzen Augen und ſeiner ſauertöpfiſchen Stimme wie die Aelteſte von Allen ausſieht.

Mr. Cliſſold knüpfte bald ein Geſpräch mit dem Mädchen an; er fragte ſie aus über den Ort und deſſen Bewohner. Aber ihre Antworten waren ſehr kurz und ſie affektirte über Alles und Jedes die größte Unwiſſenheit.

Du ſcheinſt erſt kurze Zeit hier zu ſein, ſagte er endlich mit einem Anfluge von Erregtheit,ſonſt würdeſt Du mehr wiſſen.

Ich bin ſeit ſechs Monaten hier.

Ah! Aber Deine Großmutter hat wohl immer hier gelebt?

Nein. Die Großmutter kam mit mir her.

Und von wo kamet Ihr Beide?

Aus einer fremden Gegend.