Jahrgang 
1 (1879)
Seite
195
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Concordia. 195

Ein Mann, der keimH ausſprechen kann und ſich be⸗ klagt, daß eseiß iſt!

Oder Sir Henry Featherſtone, aus einer der älteſten Familien in Yorkſhire, mit zwölftauſend Pfund jährlich.

Und mit keiner Idee im Kopfe, die er nicht von ſeinem Erzieher oder Jockey gelernt hat! O, Papa, vergiß nicht Tennyſon's edle Worte:Verwünſcht ſei das Gold, das die ſchmalgedrückte Stirn des Narren vergoldet!

Es iſt ganz gut für Poeten, ſolchen Unſinn zu ſchreiben, aber ein Mann in meiner Stellung liebt es nicht, zu ſehen, wie ſeine Tochter ihre Chancen wegwirft. Nun, wie dem auch ſein mag, ich denke, daß ich mich nicht beklagen darf. Das Rittergut Penwyn iſt ein ganz artiger Platz.

Nun, Papa, Du mußt jedes Jahr auf eine lange Zeit hinkommen.

Meine Liebe, ein ſolcher Ort wäre der Tod für mich, ausgenommen für eine Woche im Oktober. Ich glaube, es giebt viel Faſanen da?

O, ſicher, Papa. Und wenn ſie nicht da ſind, werden

wir für welche ſorgen.

Nun, es hätte ſchlimmer werden können, ſeufzte Sir Nugent.

Nicht wahr, Papa, Du wirſt Viola erlauben, daß ſie bei mir wohnt, wenn ich verheiratet bin? bat Madge ſchmeichelnd, als ob ſie damit eine ungeheuere Gunſt erbäte.

Mein theures Kind, von ganzem Herzen, erwiderte ihr

Vater mit liebenswürdiger Bereitwilligkeit.Wo könnte ſie

beſſer aufgehoben ſein? In dieſem Falle werde ich das Haus⸗ halten aufgeben, ſobald Du verheiratet biſt. Dieſes Haus iſt immer eine Plage für mich geweſen, man hat Steuern und Reparaturen, und der Sorgen iſt kein Ende. Für meine Zimmer in Jermyn⸗Street pflegte ich hundertundfünfzig Pfund jährlich zu zahlen und das Geſchäft war geordnet. Der Himmel ſegne Dich, mein Liebling! Du biſt immer ein Troſt geweſen für Deinen armen alten Vater.

So ſanft und mild, mit der Miene der Selbſtaufopferung, entledigte ſich Sir Nugent Bellingham ſeiner zwei Töchter.

18. Kapitel.

Was die Großen thun, davon ſchwatzen die Kleinen.

Ein Jahr war vergangen, ſeit James Penwyn an dem einſamen Fluſſe zu Eborsham ſeinen Tod fand, und wieder brachte Maurice Cliſſold einige freie Zeit im Sommer auf Ausflügen zu. Diesmal war er ganz allein. So angenehm und geſellig er war, machte er doch nicht leicht und raſch Freundſchaft. Er hatte in dem abgelaufenen Jahre keinen Freund gefunden, der ihm James Penwyn erſetzen konnte.

Er hatte eine Fülle angenehmer Bekanntſchaften, kannte viele

Männer, denen es Vergnügen machte, mit ihm zu diniren oder ihm ein Diner zu geben. Er war bereits berühmt, in einer kleinen Art, in dem literariſchen Klub, wo er viele ſeiner Abende zubrachte, wenn er in London war; man liebte es, ihn ſprechen zu hören, und prophezeite ihm eine ſchöne Zu⸗ kunft als Schriftſteller, um ſo mehr, da er nicht gezwungen war, für Brot zu ſchreiben(die geiſtige Galeere für viele ſchöne Talente!), ſondern jedem Impulſe, der ihn bewegte, folgen und warten konnte, bis der Moment der Begeiſterung

kam, niemals gezwungen, den erlahmenden Pegaſus zu ſpor⸗ nen oder das bereitwillige Thier zu Tode zu reiten.

Nicht Einer von ſeinen Kameraden, die ihm zwar für einen fröhlichen Abend oder für ein gemüthliches Diner an⸗ genehm waren, hatte ſein Herz ſo gewonnen, wie der Jüng⸗ ling, den zu lieben und zu leiten er vor fünf Jahren einer ſterbenden Frau verſprochen. Als daher die Roſen blühten, London heiß und ſtauberfüllt zu werden begann und das Grün ſeiner Parks die Frühlingsfriſche verlor, ging Maurice Cliſſold allein hinaus in's offene Land, einen Shakeſpeare und ein Buch Schreibpapier in ſeiner alten ledernen Reiſetaſche und gerade ſo viel Kleider und Wäſche, als er für kurze Reiſen nöthig hatte.

Wir brarchen wohl nicht zu ſagen, daß er diesmal Ebors⸗ ham, wie die Gegend um dieſe nördliche Stadt vermied, wo ein ſo plötzlicher Kummer über ihn gekommen, ſowie die ganze Route, die er vor einem Jahre mit dem leichtherzigen, hoff⸗ nungsvollen Jüngling durchzogen, der nun in einem der Grab⸗ gewölbe zu Kenſal⸗Green ſchlief, an der Seite der Mutter, die er ſehr geliebt und tief betrauert hatte.

Anſtatt nordwärts, nach dem Lande der See'n und Berge, wendete ſich Maurice gegen Weſten. Oft hatten er und James Penwyn von den Tagen geſprochen, die ſie miteinander in Cornwall auf dem alten Schloſſe Penwyn zubringen wollten, und dieſer Beſuch war nur in der Abſicht aufgeſchoben worden, vorerſt die nördlichen See'n und Berge in Augenſchein zu nehmen. Jetzt freilich konnten die Beiden niemals wieder ge⸗ meinſchaftlich ſich in Cornwall, an der atlantiſchen Küſte, ergehen, niemals die ſchroffe Höhe von Tintagel erſteigen oder herumwandern unter den Felſen von Bude.

Maurice hatte ein lebhaftes Verlangen, die alte Heimſtätte zu ſehen, um welche der Tod James Penwyn beraubt hatte. Er hätte als Beſucher nach dem Schloſſe gehen können, wenn es ihm ſo gefallen, denn Churchill war äußerſt höflich gegen ihn geweſen, als ſie ſich zuletzt bei dem Begräbniſſe trafen,

und hatte ihm ein herzliches Willkommen zu Penwyn ver⸗

ſprochen, wenn immer er es wünſche, dahin zu kommen; aber Mr. Cliſſold zog es vor, als ein unbekannter Fußreiſender zu gehen, die Reiſetaſche über der Schulter, und er hatte ſich ſogar erſt die Mühe gegeben, ſich zu vergewiſſern, daß Chur⸗ chill Penwyn und ſeine ſchöne junge Gattin in London waren, wo ſie für die Saiſon ein wohleingerichtetes Haus in Upper Brook Street bewohnten. Er ſah ihre Namen in der Liſte von Gäſten bei einem faſhionablen Empfange, und wußte, daß alſo die Küſte klar ſein würde und er in der Nachbar⸗ ſchaft des Stammſchloſſes ſeines todten Freundes ohne Hinder⸗ niß und ohne erſt eine Erlaubniß nachzuſuchen, werde umher⸗ wandern können. Er fuhr mit einem Eilzuge geradezu nach Plymouth, kreuzte den Tamar und ſetzte dann ſeine Reiſe mit gemächlichem Schritt zu Fuß fort, an allen hübſchen Punkten verweilend jetzt einen oder zwei Tage in irgend einem ländlichen Gaſthauſe zubringend zeichnend, leſend, ein wenig ſchreibend, denkend und oft und viel träumend.

Es war eine müßige Phantaſie, die ihn hierher gebracht, und er ließ auch allen müßigen Phantaſien, die ihn auf dem Wege erfaßten, die Zügel ſchießen. Es war vielleicht eine kränkliche Phantaſie, denn es mußte in der That nur ein melancholiſches Vergnügen ſein, die Domäne zu beſuchen,

deren ſich ſein Freund niemals erfreut, lich en die vielen