194 Concordia.
fahren nicht kennen lernte. Ich dachte oft daran, einmal nach Cornwall hinabzugehen und den alten Ort zu ſehen, ohne Jemand wiſſen zu laſſen, daß ich da ſei; aber ich war ſtets zu viel beſchäftigt, um dieſe Idee zur Ausführung zu bringen.“
„Mit welch' anderen Gefühlen werden Sie jetzt als Be⸗ ſitzer dahin gehen!“ ſagte Viola.
„Ja, es wird ohne Zweifel ein angenehmeres Gefühl ſein!“—
Es war zwiſchen drei und vier Uhr Nachmittags, als Churchill das niedliche kleine Speiſezimmer verließ, um in die St. James⸗Street in Sir Nugent'’s Klub zu gehen, in der Hoffnung, dieſen Gentleman dort zu finden und ohne Aufſchub Alles in Ordnung zu bringen.
„Kommen Sie Nachmittags zum Thee, wenn Sie können,“ ſagte Viola, die jetzt gegen ihren künftigen Schwager ganz beſonders freundlich erſchien.
„Wenn möglich, theure Viola— ich denke, ich darf Sie jetzt Viola nennen?“
„Natürlich! Sind wir hinfort nicht Bruder und Schweſter?“—
„Nun, meine Theure, haſt Du es nun verſucht, ihm gut zu ſein?“ fragte Madge nachdem ihr Geliebter ſich entfernt hatte.
„Ja, und ich fand es ganz leicht, liebſte Madge! Er ſchien mir heute viel liebenswürdiger. Vielleicht war es, weil ich ſah, daß er Dich ſo verehrt. Ich habe mein Lebtag kein Paar geſehen, das eine ſolche gegenſeitige Ergebenheit zeigte. Das Glück ſteht ihm wundervoll gut, obgleich der umwölkte Ausdruck, den ich oft an ihm bemerkt, noch dann und wann über ſein Geſicht kommt.“
„Er fühlt ſehr tief den ſchauerlichen Tod ſeines Couſins.“
„Thut er das? Das iſt ſehr ſchön von ihm, da er durch
dieſes Unglück ſo viele Vortheile gewinnt. Nun, Theuerſte,
ich denke, ich werde ihm recht gut ſein können und ihm ſo zugethan werden, als ob er wirklich mein Bruder wäre.“
„Und er wird Dir Alles ſein, was ein Bruder Dir ſein könnte.“
„Ich weiß nicht ganz, ob ich das gerade wünſche,“ er⸗ widerte Viola, wie im Zweifel;„Brüder können mitunter auch läſtig ſein. Ein Schwager wird ſich gewiß beſſer be⸗ nehmen, ſchon aus Beſorgniß, ſeine Frau nicht zu kränken.“
Churchill fand Sir Nugent in ſeinem Klub. Er ſaß im Leſezimmer gähnend hinter einer großen Zeitung, als Mr. Penwyn an ihn herantrat. Sein Gruß war gerade um einen Schatten herzlicher, als er es immer geweſen, aber nur um einen Schatten, denn es war Sir Nugent's Regel, gegen Jedermann höflich zu ſein.„Man weiß niemals, ob ein Mann nicht ſeinen Weg machen kann,“ ſagte er; und in einer Welt, in der es ſo viele jüngere Söhne und präſumtive Erben giebt, war dies eine goldene Regel.
Sir Nugent drückte ſeine tiefſte Theilnahme über James Penwyn's Tod aus. Er wußte ſehr wohl, welches Geſchäft Churchill dieſen Nachmittag mit ihm habe, aber er affektirte eine wahrhaft arkadiſche Unſchuld.
„Sir Nugent,“ begann er ernſt,„während ich ein Mann war, der um ſeinen Lebensunterhalt zu ringen hatte, fühlte ich, daß es ein Uebernehmen und eine Thorheit geweſen wäre, mich um die Hand Ihrer Tochter zu bewerben; aber die Hoff⸗ nung, dereinſt ihr Gatte werden zu können, hegte ich, ſeit ich
ſie zuerſt ſch. Der Tod meines Couſins hat meine Glücks⸗ umſtände total verändert.“ „Natürlich, mein lieber Freund. Sie ſind von einem
armen Rechtsfreunde zu einem wohlhabenden Grundbeſitzer
avancirt. Aber verzeihen Sie mir die Bemerkung, daß ich für meine älteſte Tochter höhere Ausſichten haben könnte. Madge iſt eine junge Dame, die unter tauſend kaum ihres Gleichen findet. Wenn es ihre Schweſter geweſen wäre, nun — ſie iſt ein gutes kleines Ding und ungewöhnlich hübſch— aber ich habe keine höheren Erwartungen für ſie.“
„Zum Unglück für Ihre ehrgeizigen Träume, Sir Nugent, iſt Madge die Dame meiner Wahl, und wir lieben einander. Ich denke, Sie ſollten an meiner jetzigen Poſition nichts aus⸗ zuſetzen haben— das Rittergut Penwyn trägt ſiebentauſend Pfund jährlich.“
„Nicht ſchlecht,“ ſagte der Baronet ſanft,„für einen Bürgerlichen. Aber Madge könnte eine Adelskrone gewinnen, wenn ſie es wollte; ich bekenne, daß ich erwartet, ſie einſt
einen Platz unter dem Adel des Landes einnehmen zu ſehen.
Indeß, wenn Sie von ihr wirklich geliebt werden und ſie ſich
dafür entſchloſſen hat, dann würden Einwürfe meinerſeits ohne
Zweifel nutzlos ſein; und was meine perſönlichen Gefühle für Sie betrifft, wüßte ich Keinen, der mir als Schwiegerſohn er⸗ wünſchter ſein könnte.“
Die beiden Gentlemen ſchüttelten einander die Hände und Sir Nugent fühlte, daß er ſeine Tochter nicht zu wohlfeil hingegeben, und daß er den Weg eingeſchlagen hatte, die An⸗ gelegenheit anſtändig zu ordnen. Er lud ſeinen zukünftigen Schwiegerſohn zum Diner und Churchill, der den verſprochenen
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Nachmittags⸗Thee nicht um die Welt aufgegeben haben würde,
nahm den raſcheſten Hanſon⸗Wagen, den er finden konnte,
fuhr nach Cavendiſh⸗Row zurück, brachte eine Stunde mit
den zwei Mädchen und einer kleinen Anzahl weiblicher Be⸗ ſucher zu, fuhr dann nach dem Temple zurück, um ſich um⸗ zukleiden, und erſchien wieder vor Sir Nugent's Hauſe, als die benachbarten Thurmuhren eben die achte Stunde ſchlugen.
„Nun, der Himmel ſegne den jungen Mann,“ ſagte der Hausmeiſter;„aber es iſt wunderbar, wie raſch er vorwärts kommt, ſeit er zu einem Eigenthum gelangte!“
Er hatte die Nachricht von James Penwyn's Tode in den Zeitungen geleſen.
„Ich hatte immer den Verdacht,“ ſetzte er hinzu,„daß er es auf Lady Bellingham abgeſehen, und nun iſt es klar, daß ſie ein Paar werden.“
„Ich hoffe, daß Du mir nicht zürneſt, Papa,“ ſagte Madge endlich, nachdem ihr Geliebter Gute Nacht geſagt und ge⸗ ſchieden war, und als Vater und Tochter ſich allein befanden.
„Dir zürnen? Nein, meine Liebe, ich bin nur ein wenig enttäuſcht. Es ſcheint mir das eben keine glänzende Partie für ein Mädchen von Deinen Vorzügen.“
„Ah, Papa, Churchill hat ſiebentauſend Pfund jährlich; denke dagegen an unſer Einkommen.“
„Meine Liebe, das iſt hier nicht der Fragepunkt. Woran ich denken muß, iſt, was für eine Heirat Du hätteſt machen können ohne dieſe unglückliche Verblendung. Da iſt Mr. Balecroft, mit einem Palaſte in Belgrave, einer Bilder⸗ galerie, die eine Viertelmillion werth iſt, und mit der ſchönen Beſitzung zu Windermere—“
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