Jahrgang 
1 (1879)
Seite
190
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ſchmuggelt, lachte Adele muthwillig.Köſtliche Contrebande, von der auch Du naſchen ſollſt, Mädchen. Du wirſt Dich und Dein Leben erſt kennen lernen, wenn ich Dich einführe in die Welt der Phantaſie und der Romantik.

Sie hatte die Bücher ſchon wieder auf den Tiſch geworfen und trippelte unruhig hin und her. Vor einem Bilde, das über der Kommode hing, blieb ſie plötzlich ſtehen.

Dein Bräutigam iſt wohlgetroffen, ſagte ſie.

Meta nickte mit einem leichten Erröthen.

Du haſt ihm hier einen hübſchen Platz gegeben, Meta. Wenn Du des Morgens aus dem Bette ſteigſt, fällt Dein erſter Blick auf ihn. Nun, er iſt wirklich auch recht hübſch, hübſch im Bilde wie im Leben. Seine Stirn hat etwas Eigenſinniges, und das liebe ich. Du hatteſt wohl einen ziemlich harten Kampf mit ihm zn beſtehen, ehe Ihr zu Eurer jetzigen gegenſeitigen Zärtlichkeit und Hingebung gelangtet? Schade, daß ich zu ſpät kam; wie gern hätte ich dieſes Ab⸗ ſtoßen und Wiederanziehen, all' die erzwungene Kälte und das endliche Schmelzen der Eiskruſte, das Ueberwallen der Liebe zur Liebe, das mich in Romanen ſchon ſo mächtig er⸗ greift, auch einmal im Leben betrachet. Erzähle mir wenigſtens davon, Meta, erzähle mir von dem Kampfe und dem Siege Eurer Liebe.

Ich weiß nicht, was Du meinſt, Couſine, erwiderte Meta, die Adelen ſehr aufmerkſam zugehört hatte.In meiner und Roberts Liebe gab es weder Kampf noch Sieg, ſondern nur ein langſames, aber ſtetiges Zunehmen unſerer Neigung, eine immer heller aufdämmernde Erkenntniß, daß wir Beide geſchaffen ſeien, zuſammen durch's Leben zu gehen. Ich will Dir er⸗ zählen, wie es kam, daß Robert mein Verlobter wurde; ich brauche Dich um keine lange Geduld zu bitten, die Geſchichte iſt ſehr kurz und einfach. Ich hatte gerade das ſiebzehnte Jahr erreicht, als ich meinen erſten und zugleich letzten Ball beſuchte. Ich war recht niedlich ausgeſchmückt, ſogar meine Mama fand das, und ich ſelbſt gefiel mir ganz außerordent⸗ lich. Voll Stolz und Vergnügen trat ich in den Saal und hatte nicht über Mangel an Tänzern zu klagen. Sogleich umringten mich einige recht angenehme Herren von Erich's Bekanntſchaft. Ich wagte die erſten Touren und der Unter⸗ richt meines Tanzmeiſters erwies ſich als vortrefflich. Nach einer Stunde ſchon hatte ich den Ruf einer guten Tänzerin erworben. Da plötzlich, mitten in einem Walzer, ſtrauchelte ich ein wenig, mein Fuß knackte und unter heftigen Schmerzen hinkte ich zurück zu dem Tiſche meiner Eltern. Weiter zu tanzen, daran konnte ich natürlich nicht denken; ich litt immer mehr und endlich war ich zu der Erklärung gezwungen, daß ich nach Hauſe müſſe. Es betrübte mich recht tief, das be⸗ greifſt Du gewiß. So mitten aus der Ballfreude geriſſen zu werden! In meinem Zimmer angekommen, mußte mir Mama den Atlasſchuh aufſchneiden, ſo ſehr war mein Fuß ſchon angeſchwollen. Erich holte einen Arzt, und dieſer Arzt war Robert Bergmann. Ich ſah ihn damals zum erſten Male. Er bemühte ſich ſehr um meinen Fuß. Ich war früher niemals krank geweſen und mit Schmerzen unbekannt, daher mochte ich mich etwas ungeduldig geberden. Er tröſtete und beruhigte mich und erzählte dazwiſchen von den heiterſten Dingen, ſodaß ich mich, nachdem der verſtauchte Fuß zurecht gerichtet war, ziemlich gelaſſen zeigen konnte. Am nächſten Tag kam er wieder; da begann ich von Neuem in eine gelinde

Verzweiflung zu fallen, denn auf meine Frage, wann ich wohl wieder aufſtehen dürfte, entgegnete er, daß ich immerhin einige Wochen im Bette werde verbringen müſſen. Aber er wußte mir meine Faſſung bald zurückzugeben; er erzählte mir von Kranken in ſeiner Praxis, die, durch Monate an das Leidenslager ge⸗ feſſelt, ihr Schickſal ohne einen Laut der Klage trugen. Ich ſchämte mich, ſo ungeberdig geweſen zu ſein, und alle die folgenden Tage fand er mich ganz ſtill und ruhig liegen. Freundlich lobte er meine Geduld und widmete mir ſtets einige Minuten mehr als gerade nöthig war. Ich gewöhnte mich all⸗ mälig an ſein tägliches Kommen, ich lernte ſeinen Schritt unter⸗ ſcheiden und ein Gefühl des innigſtens Behagens überkam mich, wenn mein Blick auf ſeinem ernſtmilden Geſichte ruhen durfte. Als mein Fuß wieder hergeſtellt war, dachte ich mit Weh⸗ muth daran, daß nun die Beſuche meines lieben Doktors bald aufhören würden; Dir darf ich es ja geſtehen, ich heuchelte Schmerzen, als ich ſie ſchon lange nicht mehr fühlte. Endlich aber hatte mich Robert doch dazu gebracht, an ſeinem Arme den erſten Gang durch das Zimmer zu wagen. Er ſah mir in die Augen, ſo forſchend und ſo tief. Seine Stimme klang ſo weich an mein Ohr, und die Hand, die mich unterſtützte, zitterte. Zu meiner eigenen Ueberraſchung ſtürzten mir plötzlich Thränen hervor, und um ſie zu verbergen, flüchtete ich mich an's Fenſter. Robert folgte mir. Leiſe legte er ſeinen Arm um mich.Meta, warum weinſt Du denn? fragte er, und als ich nicht antworten konnte, da zog er meinen Kopf an ſeine Bruſt, da fühlte ich den erſten heißen Kuß. Das iſt die Geſchichte meiner Liebe, Adele. Die Eltern hatten nichts gegen meine Verbindung mit Robert einzuwenden, und wenn der Himmel es will, ſo werde ich im nächſten Monat ſeine hochbeglückte Frau.

Die Erinnerung an die Entſtehung ihrer Liebe hatte eine höhere Gluth auf Meta's Wangen gebracht und ihre Augen leuchteten in den Strahlen einer reinen, innigen Zärtlichkeit. Adelens Miene war ſehr nachdenklich geworden und wiederholt ſchüttelte ſie ihren feingeformten Kopf.

Das iſt nicht gut, ſagte ſie endlich faſt ſchwermüthig.

Was iſt nicht gut? fragte Meta, während ihr Geſichtchen merklich bläſſer wurde. meiner Liebe nicht, wie es ſein ſollte?

Gerade das Friedliche, das Kampfloſe in der Entwickelung Eurer Neigung beunruhigt mich, erwiderte Adele ernſt.Jeder Charakter hat ſeine Härten und Schroffheiten; und wenn zwei Menſchen gut zuſammen durch's Leben kommen ſollen, ſo müſſen

ſie dieſe Ecken aneinander abſtoßen; geſchieht es nicht vor der

Ehe, ſo bricht der Kampf nach derſelben aus und iſt dann um

ſo heftiger und um ſo ſchwerer beizulegen, weil die erſte Gluth der Liebe fehlt, die alle Gegenſätze zu verſöhnen pflegt. Ihr

kennt Eure gegenſeitigen Unebenheiten noch nicht einmal, Ihr verbergt ſie voreinander, wie die Katze ihre Krallen unter die ſammetweichen Pfoten zurückzieht. Wie wird es Euch aber ergehen, wenn Ihr erſt einige Jahre verheiratet und ernüchtert und kälter ſeid? Es kommt eine Meinungsverſchiedenheit unter Euch zu Tage, etwa über den Haushalt oder die Kinder, und Ihr werdet Euch befehden auf Tod und Leben. Mein Gott, ich fürchte, Eure Ehe kann nur eine unglückliche ſein.

Mit ſteigender Beſtürzung hörte Meta ihre Couſine an. Alles Roth war aus ihren Wangen gewichen; ſie ſchien nach

Was findeſt Du an der Geſchichte