Concordia. 189
Es mochte bereits gegen fünf Uhr Nachmittags ſein, als der Fürſt ſich bei Verfolgung eines Hirſches von der Jagd⸗ geſellſchaft trennte und nun, die Büchſe auf dem Rücken, im Walde umherſchlenderte. Es wäre ihm ein Leichtes geweſen, zurückzukehren, doch fühlte er das Bedürfniß, allein zu ſein. In tiefen Gedanken ging er einen ſchmalen Waldpfad entlang. Es mochten wohl recht ernſte Gedanken ſein, die ihn beſchäf⸗ tigten. Er achtete nicht auf das Reh, das aus dem dichten Unterholz hervortrat, ihn mit ſeinen weichen Sammet⸗Augen einige Augenblicke anſchaute und dann pfeilſchnell nach der entgegengeſetzten Seite flüchtete. Auch der Vögel achtete er nicht, die, ſich auf den Zweigen wiegend, ihre melodiſchen Lieder erſchallen ließen.
Ernſt ſchritt er, ohne auf die ihn unigebenden Schönheiten zu achten, weiter.
Iſt doch auch keine Zeit ſo ſehr zu ernſten Betrachtungen geeignet, als gerade der Herbſt, namentlich für ſolche Men⸗ ſchen, die den Lebensfrühling längſt hinter ſich haben, die die Schwüle des Sommers gebeugt, und die nun den Einbruch des ewigen Winters erwarten.
Und ein ſolcher war der Fürſt.
Jedes von den Bäumen fallende Blatt rief ihm ein Memento mori! zu. Sein weißes Haar und die tiefen Falten, die ſein Geſicht durchfurchten, berechtigten ihn wohl zu ſo ernſten Gedanken.
Er mochte bereits eine halbe Stunde ſo fortgeſchritten ſein, als nahende Tritte ihn aus ſeinen Träumereien weckten. Er hob die ſanften, milden Augen empor und gewahrte in kurzer Entfernung vor ſich zwei Männer, die ſein Intereſſe im höchſten Grade erregten.
Beide waren Greiſe und mochten wohl dem ſiebenzigſten Lebensjahre naheſtehen. In dem Einen mit dem weißen, lang herabwallenden Bart und Haupthaar erkennen wir den alten Blumau; der Andere, der den ſo hart geprüften Greis führte, war der penſionirte Lehrer Bernſtein aus Erlbach. Auch ſein Aeußeres hatte etwas Ehrfurchterweckendes, und ſo
war das Intereſſe des Fürſten an dieſen beiden Geſtalten wohl gerechtfertigt.
Er bog von dem Waldwege ab und lehnte ſich an einen von hohem Unterholz umgebenen Baum, um die Greiſe in ihrer Unterhaltung nicht zu ſtören.
War es Fügung oder Zufall? Die Alten nahmen unweit des Fürſten an dem mit Moos bewachſenen Waldgraben Platz und Blumau begann:
„Hier laſſen Sie uns etwas ausruhen, Freund!“
„Bernſtein war Blumau beim Niederlaſſen behilflich und entgegnete:
„Nicht wahr, Sie haben ſich zu viel zugetraut?“
„Ja, ich habe meine Kräfte doch überſchätzt; die lange Ge⸗ fangenſchaft hat den Reſt meiner Kräfte aufgezehrt und ach, ich fürchte, ich werde die ſo lang erſehnte Freiheit nicht lange genießen können.“
„Armer Freund! abgeſchloſſen?“
„Achtzehn Jahre!“
„Großer Gott! Wurde denn von Ihren Verwandten kein Verſuch gemacht, Sie zu befreien?“
„Ich weiß es nicht.— Ich hatte nur noch eine Schweſter; aber ſie iſt lange, lange todt. Ich habe viele Briefe geſchrieben, ja, ich habe mich ſelbſt an den Fürſten gewandt; allein ich fürchte, dieſe Briefe ſind nicht an ihre Adreſſen gelangt.“
„Und Sie hatten viel Vermögen, ſagten Sie?“
„Gewiß; das verwaltet jetzt, wie mir Herr Werner, der mich zu Ihnen brachte, ſagte, der Geheimrath von Salfeld. — Deshalb hat er wohl geſtern ſeinen Sohn ausgeſendet, mich wieder einzufangen und einzuſperren.“
„Auch Werner hat von dem Geheimrath viel zu leiden gehabt. Der Fürſt glaubt dem Geheimrath zu viel und die Klagen des Volkes dringen nicht bis an das Ohr des Landes⸗
Wie lange waren Sie von der Welt
herrn.“
„Das fürchte ich auch; denn ſonſt hätte er auch mich nicht ſo lange in meinem Kerker gelaſſen.“(Schluß folgt.)
Wirklichkeit und Dichtung.
Novelle von K. Labacher. (Fortſetzung.)
„Du wohnſt allerliebſt, Meta,“ ſagte Adele.„Doch ſage, wie kommt es, daß der prächtige Flügel hier ſteht? Unten im Salon vermißte ich ſogleich bei meinem Eintritt ein Klavier. Ich habe davon gehört, daß Du recht niedlich ſpielſt; bitteſt Du denn die Leute, welchen Du etwas vortragen willſt, hier⸗ her in Dein Zimmer?“
„Die Leute, denen ich vorſpiele, dürfen wohl hierher kom⸗ men,“ ſagte Meta lächelnd,„denn dieſe Leute ſind nur meine Eltern, mein Bruder und mein Robert. Der Flügel ſteht aber deshalb in meinem Zimmer, damit ich Erich, der ſeit einiger Zeit mein gelehriger Schüler iſt, ungeſtört unter⸗ richten kann.“
„Das wäre nicht nach meinem Geſchmacke, mich mit den Stümpereien eines Anfängers zu befaſſen, wenn derſelbe noch überdies ungelenke Mannesfinger hat,“ ſagte Adele ſpöttiſch. Dann blickte ſie mit ihren großen Augen ſuchend umher.
„Wo haſt Du Deine Bücher?“ fragte ſie.
„Meine Bücher? Alles, was ich davon habe, ſiehſt Du hier,“ erwiderte Meta, einige Reiſebeſchreibungen aus einer Tiſchlade ziehend.„Aber Du thuſt Erich unrecht. Er hat wirkliches Talent für das Klavierſpiel.“
Adele warf nur höhniſch ihre zartrothen Lippen auf. Sie blätterte in den ziemlich abgegriffenen Büchern.
„Iſt das Dein ganzer literariſcher Reichthum?“ fragte ſie.
„Ja, liebe Adele.“
„Du haſt ſonſt gar nichts, keine Romane von den hervor⸗ ragenden Schriftſtellerinnen unſerer Zeit? Jedes Mädchen ſollte ſie beſitzen. Ich habe ſogar die meiſten in doppelten Exemplaren. Ich will Dir davon abtreten.“
Etwas verlegen erwiderte Meta:
„Papa meint, das Leſen verdrehe den Frauen die Köpfe und verderbe ſie für ihren eigentlichen Beruf. Einen Roman duldet er vollends nicht im Hauſe.“
„Da habe ich ja Contrebande in meinem Koffer einge⸗


