188
Concordia.
„Gewiß!“ entgegnete der Hofrath,„und da auch Herr Werner gerade dort war und mit dieſem der alte Blumau verſchwand, ſo wird es Ihnen wohl erklärlich ſein, wenn ich den irrſinnigen Alten hier ſuche.“
Er trat an das Fenſter, öffnete es und zog ein kleines Pfeifchen hervor, mittels deſſen er zwei im Wagen ſitzende Gerichtsdiener herbeirief.
Bald waren dieſe zur Stelle.
„Sie kennen Ihre Ordre, meine Herren!“ rief der Hof⸗ rath den Leuten zu.„Thun Sie Ihre Pflicht.“
Nun begann in dem kleinen Zimmer eine äußerſt auf⸗ regende Szene.
Die Beamten machten ſich daran, das Logis zu durch⸗ ſuchen, und drangen ſelbſt in das Stübchen ein, in welchem ſich die Mutter und Schweſter Werner's aufhielten. Arthur ſetzte den Beamten heftigen Widerſtand entgegen und Edgar bot vergebens Alles auf, ihn zu beruhigen. Die Frauen rangen verzweifelt die Hände, fürchtend, daß Werner mit dem Alten in die Hände der Schergen des Geheimraths gefallen ſei— genug, es war eine Szene, wie ſie aufregender kaum gedacht werden kann.— Endlich kehrten die Beamten zurück, nachdem ſie vergeblich das ganze Haus durchſucht hatten, und meldeten dem Hofrathe die Erfolgloſigkeit ihrer Bemühungen.
Dieſer knirſchte vor Wuth und ſchrie Frau Werner an:
„Wo iſt Ihr Sohn?“
„Ich weiß es nicht!“ entgegnete dieſe.
„Lügen Sie nicht!“ forſchte er weiter,„ich frage zum letzten Male: Wo iſt Ihr Sohn?“
In dieſem Augenblicke öffnete ſich die Thür.
Werner trat ein. Er ging feſten Schrittes auf den Hof⸗ rath zu und ſprach:
„Hier bin ich.— Was wollen Sie von mir?“
„Sie haben dem alten Blumau zur Flucht aus dem Els⸗ ner'ſchen Hauſe verholfen.“
„Flucht?“ fragte Elsner,„der alte Mann braucht Nieman⸗ den zu fliehen.“
„Ohne Umſchweife, wo iſt der wahnſinnige Alte?“
„Was weiß ich?“ antwortete er leichthin.„Der Greis bat mich, ihm einen Wagen zu beſorgen; das habe ich gethan. Ich war ihm ſogar beim Einſteigen behilflich, habe die In⸗ diskretion aber nicht ſoweit getrieben, ihn zu fragen, wohin er fährt.— Jetzt habe ich Ihre Frage beantwortet, nun werden Sie auch die meine beantworten. Was berechtigt Sie, des Abends in meine Wohnung zu dringen?“
„Darüber bin ich Ihnen keine Rechenſchaft ſchuldig. Was ich thue, das vertrete ich,“ entgegnete er trotzig.
„Nun denn, ſo fordere ich Sie hier vor dieſen Zeugen auf, ſofort mein Haus zu verlaſſen!— Abgeſehen davon, daß Sie mir Ihr Chrenwort gaben, daſſelbe nie wieder zu betreten, würde das ſofortige Verlaſſen meiner Wohnung um⸗ ſomehr in Ihrem Intereſſe liegen, als ich ſonſt von meinem Hausrechte ernſtlichen Gebrauch machen müßte.“
„Nun denn, ich gehe!“ rief der Hofrath wüthend,„aber beim Teufel, wir ſprechen uns noch!“
Er verließ mit den Gerichtsdienern das Haus und ſchlug die Thür heftig hinter ſich zu.
Kaum hatte Werner Mutter und Schweſter begrüßt und beruhigt, ſo wurde er von den beiden Brüdern mit Fragen betreffs Blumau's beſtürmt.
Er erzählte ſein Zuſammentreffen mit dem Greiſe, und als er ſchilderte, wie der Alte ſich über ſeine Neffen aus⸗ geſprochen, da ſtürzten beiden Brüdern die Thränen aus den Augen. Arthur ſprach gerührt:
„Ach, Bruder, ich habe nichts gethan, um den armen Mann aus ſeiner ſchmählichen Gefangenſchaft zu retten!“
Edgar beruhigte ihn und fragte Werner:
„Wo befindet ſich jetzt mein Onkel und wie gelang es Ihnen, den Greis vor den Klauen des Hofrathes zu retten?“
Werner begann:
„Kaum hatten Sie ſich entfernt, Herr Walther, ſo trat der Greis dort ein und erzählte ſeine erſchütternden Erlebniſſe. Am Fenſter ſtehend, gewahrte ich zufällig, wie der Hofrath auf das Haus zuſchritt, und nichts Gutes ahnend, bat ich Fräulein Agnes, den Greis zu verbergen. Der Hofrath ſtürmte herein und ſeine erſte Frage war nach Blumau. Frau Elsner ſtellte ſich unwiſſend, und da der Hofrath ſie höchſt arrogant behandelte, gerieth ich mit ihm heftig zuſammen. Ich that, als ob ich mich aus Furcht vor ihm zurückzöge, und ging ſcheinbar ruhig an dem Fenſter vorüber. Kaum aber war ich aus dem Bereiche ſeiner Augen, ſo nahm ich raſch einen Wagen und fuhr auf Umwegen in die Nähe des Hauſes. —— Frau Elsner hatte dem Hofrath glücklicherweiſe noch nichts geſtanden, und während des Verhörs gelang es mir, den Greis aus dem Hauſe und in den Wagen zu bringen, ohne von dem Hofrathe bemerkt zu werden.“
Die Brüder überſchütteten Werner mit herzlichem Danke für ſeine Umſicht und Edgar fragte:
„Wo haben Sie meinen Onkel hingebracht?“
Werner fuhr fort:
„Lange war ich unſchlüſſig, wohin ich den Greis bringen ſollte. Hier in meiner Wohnung, das ahnte ich wohl, würde man zuerſt Nachforſchungen halten. Endlich entſchied ich mich, ihn zu einem alten penſionirten Lehrer zu bringen, der in dem Dörſchen Erlbach wohnt und auf deſſen Verſchwiegenheit ich rechnen kann.“
Er beſchrieb den Brüdern den Ort und das Haus, und man einigte ſich dahin, den Greis am Abende des nächſten Tages zu beſuchen. Um aber keinen Verdacht zu erregen, wurde beſchloſſen, einzeln nach einem kurz vor Erlbach ge⸗ legenen Gaſthofe zu gehen und ſich dort zu treffen.
Erſt ſpät trennten ſich die drei Männer, und Werner bat die Brüder, daß Einer von ihnen am nächſten Morgen in die Elsner'ſche Wohnung gehen und die Frauen beruhigen möge.
Edgar erklärte ſich ſogleich dazu bereit, doch Arthur bat:
„Ueberlaſſe das mir, Bruder; ich habe dort viel, ſehr viel wieder gut zu machen.— Oder noch beſſer, laß uns zuſam⸗ men gehen und mich verſuchen, mir die Umgebung der durch mich ſo unglücklich gewordenen Menſchen zu erwirken.“
Dem trüben, regneriſchen Abende war ein herrlicher Herbſt⸗ tag gefolgt. Es war, als wollte ſich die Sonne noch einmal in ihrer vollſten Pracht zeigen, ehe ſie von den herbſtlichen Fluren Abſchied nahm.
Wie ſo viele Leute, hatte auch der Fürſt, der ſeit einigen Tagen in die Reſidenz zurückgekehrt war, den ſchönen Tag zu einem Ausfluge benutzt. Ein leichter Jagdwagen führte ihn in einen unweit der Stadt gelegenen Wald, um dort dem edlen Waidwerk obzuliegen.
——— ——
————


