184 Concordia.
daß wir außerhalb der Gartenmauer geweſen ſeien. Durch ihre Liebkoſungen und Worte erreichte ſie glücklich, daß die Flamländerin ſich einbildete, wir wären eben erſt aus der Thüre herausgegangen und außerhalb der Mauer promenirt. Stumm ſtand ich da, als ich den Weg ſah, auf dem unſere Rettung verſucht wurde; durch Küſſe allein war Fanchette nicht zu gewinnen, das trat allmälig zu Tage, es ſtand in dem Augenblick zu viel auf dem Spiele, ſo mußten noch andere Minen und zwar materielle ſpringen. Das war aber leicht zu bewerkſtelligen, denn wir hatten gutgefüllte Börſen bei uns. Mir war dieſe Art und Weiſe, das Stillſchweigen des geldgierigen Weſens zu erkaufen, bei Weitem zuſagender als die andere, die ich vorher mit anſehen mußte. Fanchette hatte bald ihr flämiſches Gewiſſen beruhigt, und geſtattete uns, einzutreten und heimlich nach unſerer Zelle zu ſchleichen; wir erreichten dieſe glücklich ohne weitere Beläſtigung.
„Der heiligen Jungfrau ſei gedankt!“ rief Felicite aus, nachdem ſie die Thür hinter uns geſchloſſen,„da wären wir glücklich durch! Biſt Du ſehr angegriffen, Mamie? Es wäre am beſten, wir gingen gleich zu Bett und blieben den ganzen Tag liegen; was meinſt Du dazu? Doch wenn wir das nicht wollen, haben wir noch Zeit genug, uns zu waſchen und uns das Haar zu machen, bis die Morgenglocke läutet. Heute ſind wir die Erſten in der Klaſſe, Fräulein Graub wird ganz entzückt über uns ſein, wir ſind exemplariſche Vorbilder für das ganze Penſionat! Nicht wahr?“ ſchloß ſie lachend.
Ich war nicht im Stande, zu antworten, ich war zu ſehr überwältigt von meinen Gefühlen. Jetzt, in dem Augenblick, wo wir der Gefahr glücklich entronnen, trat mir dieſe noch einmal in ihrer vollen Größe vor die Augen, und unwillkürlich entfloh mir der Ausruf:
„O, Vetter Ulih, o, Vetter Ulih!“ Dann ſank ich am Bette in die Kniee und brach in Thränen aus.
„Närriſches Kind!“ lächelte Mademoiſelle d'Alvan.
13. Kapitel.
Unſere Ausflucht nach dem zoologiſchen Garten hatte die gute Folge, daß ich ein⸗ für allemal von der Sehnſucht nach ähnlichen kurirt war. Nie hatte ich eine Idee davon gehabt, daß eine ſolche Nachtpromenade durch die Straßen Antwerpens, die auf den erſten Blick nur ein Schulmädchenſcherz zu ſein ſchien, ſo große Gefahr für unſeren guten Ruf haben könnte; einige wenige Worte, die mir Herr David in der Droſchke auf unſerer Rückfahrt zuflüſterte, klärten mich vollſtändig darüber auf, in welche zweifelhafte Lage wir uns gebracht hatten. Ich war ſchon alt genug, um dieſe zu verſtehen, und fortan vermochte weder Ueberredung noch Schmeichelei von Felicite mich wieder dazu zu bewegen, durch die Pforte zu ſchlüpfen. Meine Liebe zu ihr hatte durch die Gefahr, in die ſie uns gebracht, nicht gelitten, ihrer Führung aber wollte ich mich nicht wieder anvertrauen; meine Bewunderung für ihre Klugheit hatte abgenommen, und ſo war ich fortan nicht mehr ihre Sklavin.
Anfänglich ſchien dieſe Veränderung Felicite tief zu be⸗ trüben, ſie beſchuldigte mich der Undankbarkeit und Treu⸗ loſigkeit und verſchiedener anderer Vergehen gegen unſere Freundſchaft; ich that mein Möglichſtes, um ſie zu beruhigen, doch Vetter Ulih's Urtheil ſtand mir höher als ihre Liebe,
deshalb blieb ich konſequent und verweigerte hartnäckig meine Mitwirkung, ſobald es ſich um ein Unternehmen gegen die Regeln der Penſion handelte. Ueber die Sorge, daß ich nach der Erkenntniß unſerer begangenen Todſünde hingehen würde, um öffentlich ihren und meinen Antheil zu bekennen, be⸗ ruhigte ich ſie gänzlich, wenn ich aber einmal verſprochen hatte, zu ſchweigen, hielt ich es auch, und ſie konnte ſich dann darauf verlaſſen, daß weder Ueberredung, noch Kreuz⸗ und Querfragen mich zum Verrath bringen würden. Ich liebte zwar keine Geheimnißkrämerei, doch was mir anvertraut war, konnte ich für mich behalten. Einige Küſſe und Thränen fielen noch vor, dann waren die Meinungsverſchiedenheiten zwiſchen uns ausgeglichen und Felicite und ich wieder die beſten Freundinnen.
Die Sommerferien kamen und mit ihnen die Trennung; ich nahm meine verſchiedenen Skizzen und Erſtlinge von Waſſerfarben⸗Bildern mit mir. Von Jugend auf hatte ich eine entſchiedene Neigung für Zeichnen und Malen gehabt; ſchon als Kind in Saltpool war es mein größtes Vergnügen, wenn ich Papier und Pinſel zur Hand nehmen konnte, und als ſich mir in Antwerpen die Gelegenheit zum Erlernen der Malerei darbot, ergriff ich dieſe mit Eifer. Für den Unter⸗ richt in der Arithmetik, Geſchichte und Geographie war ich wenig empfänglich, auch in der Muſik waren meine Fort⸗ ſchritte nicht ſonderlich groß, doch für Sprachen und Zeichnen hatte ich eine wahre Paſſion, und es fehlte mir nur die Ge⸗ legenheit, um hierin zu noch größerer Vollkommenheit zu ge⸗ langen. Ich plapperte Deutſch und Franzöſiſch faſt mit derſelben Leichtigkeit und Sicherheit wie Engliſch und war der Liebling des Zeichenlehrers in der Penſion von Anfang an. Ich trieb dieſe Kunſt mit Leidenſchaft und verſäumte keine Gelegenheit, mich darin weiterzubilden. Aufmerkſam lauſchte ich den theoretiſchen Vorträgen, die wir hierüber mehrfach hörten, und jeden freien Augenblick widmete ich meinem Pinſel.
Die natürliche Folge war, daß ich raſche Fortſchritte machte und in Gefahr gerieth, beim Anhören der Belobungen meines Zeichenlehrers meine Beſcheidenheit zu verlieren, doch zu meinem großen Leidweſen hatte der Vetter Ulih, deſſen Lob mir über Alles ging, ganz und gar kein Intereſſe für dieſe Art von Fortſchritten, auf die ich ſo ſtolz war. Ich hatte ſchon früher immer meine Zeichnungen mit nach Rock⸗ bury genommen, war auch ſo kühn geweſen, ihn darauf aufmerkſam zu machen, aber immer ohne den gewünſchten Er⸗ folg— er ſah ſie an, ſeufzte, ſagte wohl auch ‚recht gut, wirklich ſehr hübſch!“ wurde dann aber ganz einſilbig. Daraus ſchloß ich, daß der Vetter trotz aller ſeiner Weisheit von dieſer Kunſt nichts verſtände, und hielt es für Zeitverſchwendung, ihm meine Bilder wieder vorzulegen; es war und blieb mir aber die ganze Sache ſehr empfindlich. So war es auch in dieſem Sommer; immer zeigte er dieſelbe Freundlichkeit, viel⸗ leicht noch größere als früher, nur mitunter, wenn wir Beide allein waren, war er ganz nexvös, und ſonderbar, es ſchien dann, als ob ich für ihn eine Zentnerlaſt ſei, die er nicht abſchütteln konnte; meine Bilder ignorirte ich ebenſo wenig wie früher. Wie ich einige in Waſſerfarben, die be⸗ ſonders gut gelungen waren, auf dem Tiſche ausbreitete, erklärte ſelbſt die Conſine Marcia, die ſonſt kaum dieſe Art von Bildern von Kreidezeichnungen unterſcheiden konnte, ſich
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