Jahrgang 
1 (1879)
Seite
183
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Concordia. 183

Mißgeſchick, wie Sie uns recht geben werden, doch Sie wiſſen, es giebt noch andere Gefahren, vor denen wir uns erſt recht hüten müſſen!

Ja, ich verſtehe Sie, antwortete er lächelnd,Sie können ſich ganz auf meine Diskretion verlaſſen; inzwiſchen erlauben Sie mir, für Sie nach beſten Kräften zu ſorgen. Ich fürchte, Sie ſind ſehr müde.

Seine Beſorgniß war nicht ohne Grund. Wir waren nun ſo lange umhergegangen, daß wir kaum mehr einen Fuß vor den anderen ſetzen konnten; ſelbſt Felicite's lebhafter Geiſt fing allmälig an zu erſchlaffen. Was mich anbetraf, ſo war ich vollſtändig hin vor Müdigkeit, und ſobald Herr David den Vorſchlag machte, eine Bank zu ſuchen, auf der wir uns aus⸗ ruhen könnten, gingen wir willig darauf ein.

Die place verte iſt ein großes Viereck, das rund umher von Häuſern umgeben iſt; in der Mitte ſtehen einige hohe Bäume, unter deren Schatten Blumen verkauft werden. Da⸗ hin führte uns Herr David, und als er eine Bank fand, breitete er ſeinen Plaid darüber aus und forderte uns auf, Platz zu nehmen, um darauf auszuruhen. Ich war ganz fertig. Bis zu dem Augenblick, wo wir zum Sitzen kamen, hatte ich noch keine Idee davon gehabt, wie ermattet ich war, und kaum hatte ich mich hingeſetzt oder vielmehr hingeſtreckt, ſo ſchwanden meine Sinne, ich dachte nicht mehr an Miß Little, noch Vetter Ulih, noch an Herrn David, auch nicht an Furcht vor Entdeckung ich fiel in einen feſten Schlaf. Zwei Stunden mag ich wohl geſchlafen haben, vielleicht auch noch länger; als ich erwachte, war es heller Tag und ich hörte Jemand neben mir ſagen:

Fleming, Petronel Fleming? Das iſt ja ein ganz ungewohnter Name.

Wir ſprechen eben von Dir und Deinem Namen! rief Felicite aus, als ſie ſah, daß ich die Augen öffnete,Herr David findet ihn ebenſo barbariſch wie ich.

Nein, ganz und gar nicht! zumal nicht, da ich weiß, daß ich das Glück habe, ein Landsmann von Ihnen zu ſein.

Ich ſprang auf, alle Schläfrigkeit war überwunden, als ich angeredet wurde und ſah, daß Felicite ſich zum Gehen rüſtete. Beim Schlafen war mir der Hut vom Kopfe gefallen; Herr David hob ihn auf und ſagte:

Erlauben Sie, Miß Fleming. Ich wünſche nur, daß Ihnen der Schlummer im Freien nicht geſchadet hat; ich fürchte, Ihre Frau Mutter würde nicht ganz einverſtanden damit ſein.

Ich habe gar keine Mutter! ſagte ich kurz, da mich die Erwähnung meiner Mutter und zumal von einem Fremden ſehr unangenehm berührte.

Dann bitte ich um Verzeihung; ich hätte vorſichtiger in meinen Aeußerungen ſein ſollen, doch zweifelsohne finden Sie in der Liebe des Vaters völligen Erſatz für den Verluſt!

Einen Vater habe ich auch nicht, erwiderte ich ebenſo wie vorhin; mein engliſches Blut wallte auf, ich ſah in ſeinen Worten eine Neugierde, die mich beleidigte. Herr David aber ſchien über ſeine zweifache Ungeſchicklichkeit ſo betrübt, daß ich unmöglich lange ärgerlich ſein konnte.

Felicite, ſagte ich, um das Geſpräch abzubrechen,ich muß ſehr lange geſchlafen haben; iſt es noch nicht Zeit zur Rückkehr?

Ja, gewiß, wenn wir Madame feagten, würde ſie ſagen, es wäre ſchon weit darüber hinaus; doch Herr Moore iſt fort⸗ gegangen, eine Droſchke zu ſuchen.

In demſelben Augenblick kam dieſer zurück; der Wagen ſtand bereit für uns. Herr David wollte uns auch jetzt noch nicht verlaſſen, und beſtand darauf, noch ferner für uns zu ſorgen; ſo ſtiegen denn beide Herren mit uns ein. Während der Fahrt war Felicite ganz von Herrn Moore in Beſchlag genommen, wogegen Herr David ſeine Aufmerkſamkeit vor⸗ zugsweiſe mir zuwandte, ja, es wollte mir ſcheinen, als be⸗ mühte er ſich, die unangenehme Wirkung ſeiner vorherigen Unterredung zu verſcheuchen. Ich war eigentlich ſehr wenig zum Sprechen aufgelegt, doch ſein überaus feines, zuvorkom⸗ mendes Weſen brachte mich ihm näher, ohne daß ich es be⸗ merkte, und ich überwand meine Zurückhaltung. Als wir uns endlich den Mauern unſeres Kloſters näherten, wurde es all⸗ ſeitig für rathſam erachtet, auszuſteigen, und Felicite nahm Abſchied von Herrn Moore in recht koketter und zugleich zärt⸗ licher Art, drückte Herrn David die Hand und ſprang aus dem Wagen, als ob nichts Abſonderliches paſſirt wäre. Ich war ganz wie betäubt, theils von der faſt ſchlafloſen Nacht, theils auch aus Angſt vor dem, was uns nun noch bevor⸗ ſtand. Faſt hätte ich vergeſſen, den Herren Adieu zu ſagen, das warme Intereſſe, das ſich in Herrn David's Augen ſpiegelte, als er mich beobachtete, fiel mir jedoch unwillkürlich auf. Beide Herren verſprachen, uns im Auge zu behalten, bis wir Einlaß erhalten; doch was half das mir, wenn ich zu Miß Little und zu Madame Gabeaux gerufen wurde, um von dieſen zu hören, daß ich mit Schimpf und Schande aus der Penſion gejagt und zurück zum Vetter Ulih geſchickt wer⸗ den ſollte? Ich muß offen bekennen, daß mich der Gedanke an den Vetter keinen Moment verlaſſen hatte, die Furcht vor dem Kummer, den ich ihm verurſachen würde, war meine größte Qual. So folgte ich langſam und ſchweren Herzens Felicite; meiner eigenen Betrübniß gedachte ich weiter nicht.

Unerfahren und unwiſſend über die volle Bedeutung des Wortesfinesse, ſollte ich bald Gelegenheit haben, zu er⸗ fahren, welche Fülle von Schlauheit in dem kleinen Gehirn meiner Freundin wohnte; neben ihr war ich eine wahre Stümperin.

Es war noch ſehr früh am Tage und noch ſtill in den Straßen, nur einige Hundewagen mit Milch vom Lande be⸗ gegneten uns. Die Dienerſchaft in Nr. 40 ſchien eben auf⸗ geſtanden zu ſein, der große Thorflügel ſtand offen; einen Augenblick hofften wir ſchon, unbemerkt eintreten zu können, doch ſo leichten Kaufs ſollten wir nicht davonkommen. In der Halle erſchien die behäbige Geſtalt der Köchin, um eine Decke auszuſchütteln, und bot uns das ſehr wenig anziehende Bild eines ſchmuzigen, ſchlaftrunkenen, flämiſchen Mädchens. Ich wußte wohl, daß es in Felicite's Plan lag, gerade durch Fanchette, die großes Auſehen und Uebergewicht bei dem übrigen Dienſtperſonal genoß, uns zu helfen, doch da ich nach meinen Ideen gar keine andere Art und Weiſe, ſolche Leute zu gewinnen, kannte, als durch Geld und gute Worte, war ich wie verſteinert, als ich plötzlich meine Buſenfreundin auf die korpulente Flamländerin zuſtürzen und ſie ohne Weiteres tüchtig durchküſſen ſah; dabei flehte ſie mit den zärtlichſten Worten, bei Allem, was ihr heilig ſei, nicht zu verrathen,