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Concordia.
meinte auch, dort würden wir Balken oder dergleichen finden, was zwiſchen den beiden Herren vorging und verhandelt wurde,
worauf wir uns ausruhen könnten, auch fänden wir in der Gegend gegen Morgen eine Droſchke oder einen anderen Wagen, mit dem wir unſere Rückreiſe nach der Kapuzinerſtraße machen könnten. Dieſer Vorſchlag war ganz vernünftig, und Herr
Moore erklärte ſich bereit dazu, wenn ſie die Führung über⸗
nehmen wollte, was ſie gern that. Als wir aber an einen großen freien Platz kamen, der, wie ich ſpäter hörte, la place verte genannt wird, erhob ich unwillkürlich meine Augen, und ein Ausruf des Entzückens entrang ſich meinen Lippen. Wie die Beiden von mir dieſen hörten, kehrten ſie ſich zu mir und fragten ängſtlich, ob ich mir auch keinen Schaden zugefügt.
„Nein, nein!“ rief ich aus, Hände und Blicke aufwärts richtend.„O, Felicite, ſieh' dorthin!“
„Dorthin? Du Gänschen, was iſt denn dort?— Das iſt ja nur die Kathedrale.“
Nur die Kathedrale! In meinem Staunen begriff ich gar nicht, wie ſie ſo leichtfertig über ein ſolches Prachtwerk der Kunſt reden mochte, wenn ſie es auch noch ſo genau kannte. Das Hauptgebäude war uns noch verborgen, doch weit über die Giebel der hohen benachbarten Häuſer hinaus ragte die gothiſche Thurmſpitze bis hoch in die Wolken; in den Ver⸗ zierungen der Fenſter ſpiegelte ſich der Mond und zeigte die ſchöne Steinhauerarbeit im günſtigſten Lichte. Nie in meinem Leben hatte ich Aehnliches geſehen, hatte auch keine Idee davon, daß die Kunſt es zu ſolcher Vollkommenheit bringen könnte. Bewegungslos in Anſchauen verſunken, vergaß ich Alles, was mich noch eben ſo betrübt hatte, und ſelbſt meine Begleiter.
„Komm' vorwärts, Mamiel“ ſagte Felicite ungeduldig und ergriff meine Hand,„wir ſind nahe beim Hafen.“
„O, ſtöre mich nicht und ſprich nicht mit mir,“ murmelte ich träumend,„geht weiter und laßt mich hier, ſo etwas Herr⸗ liches ſah ich noch nie im Leben.“
Im nächſten Augenblick ſchon bereute ich, dieſe Worte ge⸗ ſagt zu haben.
„Die junge Dame muß eine Künſtlerin ſein!“ hörte ich eine Stimme neben mir,„es gehört eben ſchon ein Künſtler⸗ Auge dazu, um dieſe Schönheiten ſo ganz zu würdigen.“
Erſchrocken ſah ich zur Seite, es beunruhigte mich, die Auf⸗ merkſamkeit Jemandes auf mich gezogen zu haben; zugleich ärgerte es mich aber auch, ſo öffentlich angeredet zu werden. Herrn Moore ging es ebenſo, trotzig trat er zu mir und war zur Hand, um die mir zugefügte Beleidigung energiſch zurück⸗ zuweiſen, doch ſobald er die Geſtalt neben uns näher in's Auge gefaßt, drückte ſich frohes Erſtaunen in ſeinen Mienen aus.
„Herr David!“ rief er aus,„wie in aller Welt kommen Sie hierher? Ich wußte nichts von Ihrem Hierſein!“
„Ich bin auch erſt ſeit einigen Tagen hier,“ erwiderte der Fremde;„ich kam nur in der Abſicht, eine Mondſchein⸗Anſicht von dieſem Prachtbau vor uns aufzunehmen, deſſen Schönheit die junge Dame ſo vollſtändig zu ſchätzen weiß.“ Bei dieſen Worten verbeugte er ſich gegen mich und zeigte ſein Skizzen⸗ buch, das er in der Hand hielt.
Während dieſer Erkennungsſzene hatten Felicite und ich uns unwillkürlich zurückgezogen und uns hinter unſeren Kapuzen verborgen; mit ängſtlich klopfenden Herzen ſtanden wir da und dachten darüber nach, welchen Ausgang noch dieſe neue Gefahr, in die wir gerathen waren, nehmen würde. Doch wir waren ſo nahe, daß wir Alles ſehen und hören konnten,
und wie der fremde Herr ſich uns zuwandte, konnte ich nicht unterlaſſen, einen neugierigen Blick auf ihn zu werfen. Er ſah ſehr gut aus, hatte große dunkle Augen und einen Bart, der ihm faſt bis auf die Bruſt reichte, und trug eine Blouſe und eine Malerkappe. Sein Aeußeres machte mir einen ſehr angenehmen Eindruck, doch ich war in einer wahren Todesangſt, daß er unſere Namen erfahren könnte.
„Waren Sie auch im zoologiſchen Garten?“ fragte Herr Moore, offenbar weil er nichts Anderes zu ſagen wußte.
„Einige Minuten,“ erwiderte David;„meine Zeit war mir zu theuer, um dort länger zu verweilen. Sie kamen wohl auch von Brüſſel zu dem großen Konzert herüber? Herr Servan ſcheint aber ſeinen Zöglingen hinſichtlich ihrer Rückkehr ziemlich freie Hand zu laſſen?“
Dieſe Frage, die gerade auf dieſes Begegnen auf der place verte um zwei Uhr Morgens hinzielte, machte Felicite und mich erzittern und brachte Herrn Moore gänzlich außer Faſſung.
„Nein— das heißt, er iſt immer ſehr nachſichtig und nimmt jede genügende Entſchuldigung bereitwillig an; heute Abend war ein ganz beſonderes Mißgeſchick— doch, Herr David, bitte, entſchuldigen Sie einen Augenblick!“
Damit kam er raſch zu uns.
„Geben Sie mir die Erlaubniß, ihn zu unſerem Vertrauten zu machen,“ drängte er eilig in uns,„er iſt unſer Zeichen⸗ lehrer aus Brüſſel und ein ſehr anſtändiger Herr; er wird Sie nie und nimmer verrathen!“
„Doch wozu denn?“ ſagte Felicite, die ſehr ängſtlich war, wo Entdeckung in Frage kam,„helfen kann er uns doch nicht, wir wollen ſchon ohne ihn fertig werden; ſo braucht er gar nicht zu erfahren, wer wir ſind.“
„Wenn er gar nicht weiß, wie wichtig es für Sie iſt, daß Alles geheim bleibt, kann er uns, ohne zu wollen, verrathen; ich verſichere Ihnen, nun wir ihm einmal begegnet ſind, iſt es das Beſte, wir weihen ihn in unſer Geheimniß ein.“
„Halten Sie ihn denn für ganz zuverläſſig?“ fragte ſie leiſe.
„Ja, ich ſtehe für ihn ein; er wird ein doppelter Schutz für mich bis gegen Morgen ſein.“
„Nun meinetwegen, ſo thun Sie, was Sie für gut halten,“ antwortete ſie ſorglos,„es mag auch wohl das Beſte ſein.“
Ich ſchwieg zu Allem, nach meiner Anſicht fragte auch Niemand; mir ſchien es, daß wir ſo tief im Unglück ſaßen, daß wir gar nicht tiefer mehr hinein kommen konnten. Herr Moore ging zu dem Fremden zurück, der noch mit dem Stift in der Hand daſtand und ab und zu, wenn er nach der hohen Thurmſpitze geſchaut, einige Schattenſtriche ſeiner Zeichnung hinzufügte. Dann wechſelten die Beiden leiſe, aber anſcheinend ſehr ernſt einige Worte, und Herr Moore ſchloß ſein Zeichen⸗ buch und kam auf uns zu.
„Meine Damen,“ ſagte er, die Kappe abnehmend,„mit Bedauern höre ich von Herrn Moore, in welche ſchwierige Lage Sie gerathen ſind. Ich wünſchte nur, mir wäre irgend eine ältere Dame bekannt, deren Schutz ich Sie anvertrauen könnte, doch—“
„Nein, o nein!“ rief Felicite redſelig aus, denn nichts war ihr mehr zuwider, als der Gedanke an die Einmiſchung einer Dame.„Bitte, bemühen Sie ſich unſeretwegen nicht, wir werden uns ſchon durchſchlagen; es war ein unglückliches
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