in Brüſſel weggejagt zu werden? Da wollte ich doch lieber gleich ſterben!“
„Doch was ſollen wir beginnen und wohin gehen?“ fragte ich ganz erſtaunt.
„Wir ſetzen uns an der Straße hin oder gehen in die Stadt und wandern dort bis zum Morgen umher,“ ſagte ſie entſchieden;„in vier Stunden iſt es ſchon hell, und ſobald die Leute in Nr. 40 auf ſind, gehe ich hin und ſpreche mit der alten Köchin Fanchette, die wird dann die Sache für uns durchfechten. Komm', es iſt beſſer, wenn wir hier nicht mehr umherſchleichen!“ Und uns winkend, wandte ſie ſich der Stadt zu.
Ich war zwar nur ein dummes, unerfahrenes Kind, hatte aber doch Verſtand genug, um einzuſehen, daß dieſes das Gefährlichſte war, was wir thun konnten.
„O, ſprechen Sie doch mit ihr, Herr Moore!“ rief ich aus; in Verzweiflung darüber, daß wir uns immer tiefer in's Verderben ſtürzten, vergaß ich alle Aengſtlichkeit, die ich bis dahin unſerem Begleiter gegenüber gehabt hatte.„Ueberzeugen Sie ſie doch, daß ſie Vernunft annehme; unmöglich können wir die ganze Nacht in den Straßen zubringen.“
Er ſchien auch meiner Anſicht zu ſein, war aber ganz beſtürzt und rathlos.
„Mademoiſelle d'Alvan—“ fing er endlich an, doch ſie wollte nichts von ihm hören.
„Ich wünſche Ihre Begleitung gar nicht!“ ſagte ſie heftig. „Wir bedürfen Ihrer nicht mehr, kehren Sie doch nach Brüſſel zurück! Ich bin feſt entſchloſſen, mich nicht vor Miß und Madame zu demüthigen, unſer einziger Rettungsweg iſt, den Morgen zu erwarten.“ Und damit fuhr ſie fort, auf dem ein⸗ geſchlagenen Wege weiterzugehen.
Ich ſeufzte tief auf und ſah Herrn Moore an; ſchweigend, weil wir eine beſſere Hilfe in der Noth nicht wußten, folgten wir langſam und widerwillig der ſtarrköpfigen Felicite. Die Kapuzinerſtraße liegt in der nächſten Umgebung Antwerpens; anfänglich lagen an beiden Seiten unſeres Weges ſchöne Privathäuſer, doch dann änderte ſich das Ausſehen der Vor⸗ ſtadt, die Bäume verſchwanden, die Straßen wurden ſchmaler und enger und nach einiger Zeit waren wir in der Mitte der großen Stadt, wohin ich mich ſchon ſo oft geſehnt!
12. Kapitel. Jortſetzung.
Nie werde ich jene Wanderung durch die erſte Handelsſtadt Belgiens vergeſſen! Es mochte gegen Nitternacht ſein, die Menge der vergnügungsſüchtigen Städter, die noch ſo ſpät im zoologiſchen Garten geweſen waren, hatte ſich allmälig verlaufen, Einige hatten ihr ruhiges Heim aufgeſucht, Andere aber noch die verſchiedenen Reſtaurationen und Bier⸗ und Wein⸗ ſtuben, deren es dort unzählige giebt. In den Straßen, die noch kurz zuvor voll Leben geweſen waren, war es ruhig und einſam, einige Nachzügler, die heimwärts eilten, und halb⸗ verhungerte Hunde, die ſich in den Straßenrinnen Nahrung ſuchten, waren die einzigen lebenden Weſen, denen wir be⸗ gegneten. Der Mond war aufgegangen, ſchien hell vom wolken⸗ loſen Himmel und beleuchtete faſt jeden Winkel der ſchönen alten Stadt. An den Straßenecken brannten an den Madonnen⸗ bildern Laternen, die Ausſicht war klar und ungehindert, und
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ich hätte mir keine beſſere Gelegenheit, die Merkwürdigkeiten Antwerpens zu beſichtigen, wünſchen können, doch ich war zu ängſtlich und unglücklich, um ſie wahrzunehmen.
Als Herr Moore einſah, daß Felicite von ihrem Entſchluß, vor dem Morgen das Penſionat nicht wieder zu betreten, nicht abzubringen war, verließ er mich und wandte ſich zu ihr; er mochte wohl denken, daß es nutzlos ſei, länger mit ihr zu ſtreiten, und daß er nun nichts Beſſeres für ſie thun könne, als zu verſuchen, ſie vor weiteren Folgen ihrer Thorheit zu bewahren. Er flüſterte ihr einige Worte in's Ohr, was zur Folge hatte, daß ſie ſeinen dargebotenen Arm annahm und ſich von ihm führen ließ.
So wandelte denn das Paax ganz gemüthlich immer weiter, ohne Rückſicht auf mich zu nehmen; ich folgte ihnen, bei jedem Laut und Tritt, den ich in unſerer Nähe hörte, vor Furcht und Angſt erzitternd. Wir gingen von einer Straße in die andere, an rieſenhaft hohen Häuſern von fünf und ſechs Stockwerk vorüber, die oft mit der prachtvollſten Bildhauer⸗ arbeit verziert und offenbar während der Anweſenheit der Spanier in Flandern erbaut waren. Zu jeder anderen Zeit würden ſie meine höchſte Bewunderung erregt haben, ſo aber ſah ich ſie kaum durch meine Thränen. Der Gedanke, was der Vetter Ulih wohl dazu ſagen würde, wenn er hörte, daß ich die ganze Nacht hindurch in Geſellſchaft Felicite d'Alvan's und des Herrn Moore, den ich bis dahin noch nie geſehen, in den Straßen Antwerpens umhergewandert, beunruhigte mich derart, daß ich mich weder über die Schönheiten der Architektur noch über die Neuheit meiner Situation erfreuen konnte. War es möglich, daß ein ſo wahnſinniger Streich unentdeckt bleiben konnte? Wie leicht konnte er zur Folge haben, daß ich mit dem nächſten Dampfſchiffe ſchon wieder nach Rockbury ſpedirt wurde, um dort dann beſchämt dem Zorn der Conſine Marcia und den Vorwürfen des Vetters entgegenzutreten. Den Zorn der Couſine wollte ich allenfalls überwinden, wenn ich mich auch davor fürchtete, doch der Gedanke an die Vorwürfe meines theuren Vormundes quält mich ſo, daß ich laut zu weinen anfing. Als Felicite dieſes hörte, verließ ſie den Arm ihres Führers, kam zu mir und ſagte mir ärgerlich, ich ſolle mich nicht ſo albern wie ein kleines Kind betragen, die Folge davon würde ſein, daß man uns aus den Häuſern ſehe. Die Drohung, daß ich möglicherweiſe zu unſerer Entdeckung die Veranlaſſung geben könnte, hatte zur Folge, daß ich mein lautes Schluchzen unterdrückte und nur ſtill für mich fort⸗ weinte.
So fuhren wir fort, Antwerpen zu durchwandern; Felicite hatte ſehr bald, nachdem ſie aus dem Bereich der Kapuziner⸗ ſtraße war, ihre Faſſung und Heiterkeit wiedergewonnen und war ebenſo ſorglos und vergnügt, wenn auch nicht ſo laut wie gewöhnlich. Einmal über das andere verſicherte ſie, dieſes ſei ein unvergleichliches Finale unſerer Expedition, ſie ihrerſeits amüſire ſich köſtlich und möchte um keinen Preis dieſe Mitter⸗ nachtspromenade aufgeben. Herr Moore ſchien nicht ganz ihrer Anſicht zu ſein, und wenn er auch noch ſo reſpektvoll gegen ſie war, konnte er doch nicht unterlaſſen, ſie mehrere Male zurückzuhalten, wenn ſie ſich den nächtlichen Begegnern zuwendete, und ihr die Kapuze über den Kopf zu ziehen, die ſie zurück⸗ geworfen hatte. Sobald ſie aber ſah, daß ſie ihren Wunſch, durch die belebteren Straßen zu gehen, nicht durchſetzen konnte, erklärte ſie, ſie wolle nach dem Hafen, dort ſei es kühl. Sie


