180 Concordia.
Jemanden, der von unſerer Anweſenheit keine Ahnung hat, hier zu treffen. Mitten im Garten erhob ſich eine bedeckte Rotunde, war umgeben von Käfigen mit wilden Thieren, die infolge des ungewohnten Lebens und Treibens ängſtlich und ſcheu ſchienen, durchzogen von blühenden Schlinggewächſen und hell erleuchtet durch chineſiſche Lampions; darunter ſaß ein Muſikkorps und führte die ſchönſten Konzertſtücke auf, rund umher ſtanden zahlloſe kleine Tiſche, an denen Partien von zwei bis vier Perſonen ſaßen, die vergnüglich rauchten, ſchwatzten und lachten und Bier, Kaffee und Limonade tranken. Aufwärter liefen geſchäftig hin und her und den Ruf„Kellner“ hörte man oft durch die Muſik. In den ſchmalen Gaſſen zwiſchen dieſen Tiſchen tanzten und ſpielten phantaſtiſch an⸗ gezogene Kinder umher, während die äußeren Wege des Gar⸗ tens voll von Menſchen waren. Das Gedränge war dort ſo groß, daß man ſich kaum vorwärtsbewegen konnte. Dieſes Alles, das Geflimmer der Lampen, die aufregende Muſik, die hübſchen Toiletten und das fortwährende Geplauder berauſchten und amüſirten mich derart, daß ich gar nicht mehr auf Felieite und Herrn Moore achtete und lauſchte, und da wir aus nahe⸗ liegenden Gründen meiſtens nur die dunklen Gänge ausſuchten, konnte ich ſorglos Alles mir betrachten, ohne zu befürchten, er⸗ kannt zu werden.
Nach einiger Zeit verließ uns unſer Führer und kehrte in Begleitung von Kellnern zurück, die einen Tiſch und Stühle für uns trugen. Nachdem wir einen uns zuſagenden Platz gefunden, etablirten wir uns dort ganz wohnlich und wurden mit Allem, was wir uns wünſchten, bedient. Es war wirk⸗ lich ein entzückendes Vergnügen! Felicite und ich ſagten uns dieſes unaufhörlich, wir fühlten uns ſo ſicher und verzehrten mit großem Behagen unſeren Kaffee und Kuchen. Gern wären wir dort die ganze Nacht geblieben, hätten der Muſik gelauſcht und uns über das Treiben rund um uns her gefreut, doch bald, nachdem zehn Uhr vorüber war, mahnte Felicite zum Aufbruch. Sie blieb feſt dabei, daß wir noch vor elf Uhr wieder zu Hauſe ſein müßten.
„Es iſt dieſes das erſte Mal,“ ſagte ſie, als wir uns unluſtig die Kapuzen überzogen und uns zum Rückweg rüſteten, „damit iſt aber nicht geſagt, daß es auch das letzte Mal zu ſein braucht!“ Hierin pflichtete Herr Moore ihr ſelbſtverſtänd⸗ lich bei, und ich war ſo vollſtändig befriedigt über den ganzen Verlauf unſeres Unternehmens, daß ich vorſchlug, wir wollten es täglich wiederholen. Nach der Kapuzinerſtraße kamen wir ganz ohne Zwiſchenfall; Felicite hatte ſehr richtig prophezeit, daß alle Welt noch im Konzert bleiben und die Straßen in⸗ folge deſſen leer ſein würden. Grau und düſter lag das alte Kloſter vor uns; kein Licht brannte, kein Ton ließ ſich darin vernehmen.
„Alles ſo ſicher, wie nur möglich,“ rief Felicite aus, als wir Drei vor der kleinen Pforte anlangten und ſie in die Taſche nach dem Schlüſſel griff.„Mamie, wir brauchen nur durch unſer Schlüpfloch einzutreten, die Treppe heraufzugehen und Niemand bemerkt uns; die guten Deutſchen ſchlafen wie die Siebenſchläfer!“
Plötzlich hielt Felicite inne und ſuchte erſchrocken immer tiefer und tiefer in ihrer Taſche.
„Könnte ich Ihnen vielleicht dienlich ſein, mein Fräulein?“ fragte Herr Moore verbindlich.
„O weh, o weh, der Schlüſſel fehlt!“ rief ſie aus,„ich habe ihn verloren; was ſollen wir nun anfangen?“
„Unmöglich!“ rief ich zweifelnd, ich mochte durchaus nicht an ſolches Mißgeſchick glauben. Haſtig kehrten wir die Taſchen um und um, doch kein Schlüſſel war zu finden, wir bemerkten nur ein Loch, durch das ſich zweifelsohne das ſchwere Metall hindurchgearbeitet hatte.
„Was ſollen wir Unglücksvögel anfangen?“ fragten wir und ſahen uns gegenſeitig in die bleichen Geſichter. Herr Moore drehte ſeinen Schnurrbart und ſchien auch rathlos.
„Sollen wir über die Mauer klettern?“ wagte ich zu fragen und ſah mir dieſe an.
„Wie aber das anfangen, ſie iſt ja über zwanzig Fuß hoch und glatt wie ein Tiſch? Ach, Mamie, weißt Du keinen anderen Rath?
„Meine Schuld iſt es doch wahrlich nicht!“ antwortete ich ärgerlich.
„Niemand iſt ſchuld daran,“ ſagte Felicite,„es iſt reines Malheur. Hier aber dürfen wir unter keiner Bedingung länger bleiben, Miß und Madame können jeden Augenblick zurückkehren, dann würden ſie uns hier ſicher ſtehen ſehen, wir müſſen weitergehen.“
„Biſt Du denn aber in Deiner Sache ganz gewiß, haſt Du den Schlüſſel wirklich verloren?“
Hieranf fingen wir eine neue Suche an, doch Alles ver⸗ geblich, immer daſſelbe Reſultat! Nichts kam aus der Taſche zum Vorſchein als ein Taſchentuch, einige Pfeffernüſſe und das unglückſelige Loch, das alles Unheil angerichtet. Wir mußten den Schlüſſel verloren geben.
„Sollte es von Nutzen ſein, wenn ich wieder nach dem zoologiſchen Garten ginge und dort auf unſerem Platze nach⸗ ſuchte?“ fragte Herr Moore.
Doch davon wollte Felicite nichts hören, ſie meinte, das wäre ganz unnütz, bis wir hinkämen, wäre das Konzert zu Ende und das Thor geſchloſſen. Die einzige Hilfe wäre, wenn es uns gelänge, irgend Jemand von den Domeſtiken im Kloſte wachzurufen, bevor Miß und Madame zurückkämen; wir müßten dann hoffen, daß unſere kleine Sünde verheimlicht würde.
Somit näherten wir uns vorſichtig der Eingangshalle, be⸗ merkten aber zu unſerem Schrecken, daß dieſe ſchon beſetzt war und zwar gerade von der Partei, die wir zu vermeiden ſuchten. Unerwartet früh waren ſie zurückgekehrt und zogen jetzt kräftig an der Glocke, um eingelaſſen zu werden.
Nun war uns die letzte Möglichkeit, unbemerkt einzudringen,
genommen, und mir in meinem kindlichen Gemüth ſchien weiter nichts übrig zu bleiben, als ein reumüthiges Bekenntniß. Doch während ich darauf wartete, daß Felicite vorſtürzen würde, um Miß und Madame zu berichten, drängte ſie mich nach der entgegengeſetzten Seite der Straße— in derſelben Minute
öffnete und ſchloß ſich die Thür, und wir ſtanden allein auf
der Straße.
„O, Felicite,“ rief ich weinend,„warum ſprachſt Du nicht zur rechten Zeit? Jetzt ſind ſie im Hauſe und wir müſſen läuten, um hineinzukommen.“
„Läuten, Mamie? Glaubſt Du denn, ich thäte das und
bekennte unſer Unrecht, im zoologiſchen Garten geweſen zu ſein, vor Netta und Graub und vor der ganzen Geſellſchaft, und wollte dann erleben, auch von hier ebenſo wie damals


