Jahrgang 
1 (1879)
Seite
179
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Concordia. 179

Ah mein Bruder! ſtöhnte Graupner, Meſſer und Gabel hinlegend,was wiſſen Sie von ihm?

Ich denke nämlich, es wird Ihr Bruder ſein, der ſeit ungefähr zwanzig Jahren bis heute als Diener im Hauſe des Bankiers Römer fungirte? erwiderte Wellmann.

Ja wohl ja wohl rief Graupner,ich wollte zu ihm und mußte infolge deſſen Zeuge ſeiner gewaltſamen Abführung werden was kann er verbrochen haben?

Falk hat ihn verleitet, den Spion im Hauſe ſeines Herrn zu machen, vielleicht auch zu Unterſchlagungen und anderen Veruntreuungen veranlaßt. Wegen der letzteren iſt er heute endlich verhaftet worden!

Mein Gott mein Gott ſind wir uygglüekliche Menſchen! ächzte Graupner.

Und Alles durch Falk! ſagte Wellmann mit Nachdruck.

Freilich freilich! ſeufzte Graupner.

Und ſoll dieſer Bube die Früchte ſeiner Schurkereien un⸗ geſtört genießen? fragte Wellmann.

Ich bin zu ohnmächtig, ihn zur Rechenſchaſt zu ziehen oder ziehen zu laſſen! entgegnete Graupner.

Aber Sie geſtehen unumwunden zu, daß er Sie zu den ſtattgefundenen Veruntreuungen verleitet und den eigentlichen Gewinn davon gezogen hat?

Ich habe jetzt keine Veranlaſſung mehr, es zu leugnen! ſagte Graupner.

Und Sie kennen noch weitere Theilnehmer an den Ver⸗ gehen und Verbrechen, die Sie jedenfalls auch nennen werden? fragte Wellmann.

Ja auch das! antwortete Graupner beſtimmter.

Und Sie werden die entſprechenden Angaben vor Ge⸗ richt und vor Gerichtsperſonen machen? fuhr Wellmann zu fragen fort.

Ich werde jetzt Alles bekennen und Alle angeben! er⸗ widerte Graupner mit Entſchloſſenheit.Ich ſehe ein, daß ich ein Thor mit meiner Hartnäckigkeit geweſen bin. Man hätte mir vielleicht nur die Hälfte der Strafe auferlegt, wenn ich Geſtändniſſe machte, und ich war ſo dumm, zu glauben, daß Betrüger und Gauner ihr Wort halten!

Wenn Sie bei Ihrem Entſchluſſe verharren, ſagte Well⸗ mann,durfte Herr Falk Ihr Hinauswerfen bald bitter be⸗ reuen. Es gehen nämlich augenblicklich ähnliche Unterſchleife wie vor Jahren an der Börſe vor!

Wirklich?! rief Graupner aufhorchend.

Ja, und die Folgerung iſt ſomit leicht! antwortete Well⸗ mann, ich hoffe aber, wenn Sie durch Ihre Ausſagen und Angaben die Entdeckung der Verbrecher ermöglichen, wird ſich Ihnen eine neue Zukunft eröffnen, und wenn nicht vom Staate, dürfte von Börſenleuten für Sie geſorgt werden!

(Fortſetzung folgt.)

Betronel.

Roman aus dem Engliſchen von Florence Marryat. (Fortſetzung.)

Plötzlich verſtummte Felicite, drückte meinen Arm feſt an ſich und drängte mich ganz auf die andere Seite der Straße.

Hierdurch aufmerkſam gemacht, ſah ich auf und erblickte vor uns einen jungen Herrn, der, den Hut abnehmend, gerade auf uns zukam.

Mademoiſelle d'Alvan! Wie iſt es möglich, daß ich das Vergnügen habe, Sie hier zu ſehen?

Mein Gott! rief Felicite mit dem natürlichſten Er⸗ ſtaunen aus,ich hätte doch Niemanden weniger hier erwartet, wie gerade Sie!

Dann wandte ſie ſich mit ſelbſtgefälliger Miene zu mir 9 und ſtellte mir den Herrn als Herrn Ernſt Moore vor.

Ich ſah mir ihn mit großer Neugierde an. Das alſo war nun der Anbeter Felicite's, der ihr gegen ihren Wunſch nach Antwerpen gefolgt war! Er war ein großer dunkler, ſehr anſtändig ausſehender Engländer von etwa zwanzig Jahren und ſchien hoch erfreut, uns zu treffen. Im All⸗ gemeinen aber entſprach er doch nicht dem Bilde, das ich mir von ihm gemacht hatte, ich hatte mir ſolche Liebhaber doch noch anders gedacht.

Felicite! Er wird uns doch nicht verrathen? flüſterte ich furchtſam.

Nein, das denke ich nicht, erwiderte ſie mir in ihrer Mutterſprache, denn einer anderen war ſie nicht mächtig. Dann wandte ſie ſich zu unſerem Begleiter und fragte ihn ſcherzend danach. Dieſer gelobteauf's Feierlichſte Still⸗ ſchweigen und Diskretion, erklärte zugleich, er müſſe un⸗

bedingt das Vergnügen haben, uns begleiten zu dürfen, er wolle ſpäter dann auch für unſere ſichere Rückkehr ſorgen. Felicite erlaubte ihm dies mit den freundlichſten Worten, und als wir an die Mauer des Gartens kamen, zogen wir die Kapuzen über; das Eintrittsgeld zahlte Herr Moore, und kühn traten wir in den Garten. Späterhin erfuhr ich, daß dieſes anſcheinend zufällige Begegnen der beiden Leutchen einer abgekartete Sache geweſen war; damals aber glaubte ich in meiner Unſchuld, es ſei ein reiner Zufall. Wann und auf welche Weiſe Felicite ſo genau Ort, Tag und Stunde des Begegnens hatte verabreden können, weiß nur Gott und die ſchlaue Belgierin, ich habe es nie in Erfahrung bringen können. Möglicherweiſe war Alles durch eine der Schüler⸗ innen aus der Stadt oder auch bei Gelegenheit des Gottes⸗ dienſtes, was mir ſpäter das Wahrſcheinlichſte ſchien, ver⸗ abredet und arrangirt, jedenfalls war der Plan wohldurch⸗ dacht und glücklich ausgeführt. Sobald wir in die Nähe des Konzerts kamen, waren meine Begleiter ſchon tief in die Unterhaltung verſunken und ganz mit ſich beſchäftigt, ſodaß ich mich ungeſtört meinen Gedanken überlaſſen konnte. Ich hatte in der ganz neuen Umgebung genug zu ſehen und zu hören, Alles und Jedes war vom größten Intereſſe und entzückend für mich; zuletzt vergaß ich ſogar meine Sorge, daß Miß Little und Madame Gabeaux uns begegnen könnten.

Dort, mitten im Gewühl der Menſchen, konnte ich mir die Sicherheit erklären, mit der Felicite Alles betrieben hatte; es war ſchon ſchwierig, dort einen Freund, der uns erwartet,

aufzufinden und zu erkennen, wie viel weniger denkbar alſo, 23*