Jahrgang 
1 (1879)
Seite
178
Einzelbild herunterladen

44-

QQZ˖:

r.

Concordia.

Die Frau entfernte ſich.

Endlich darf ich Sie begrüßen und herzlich willkommen heißen, mein doppelter Retter aus ſchwerer Noth! begann Graupner lebhaft;ich glaubte ſchon, der ſchnelle Entſchluß ſei Ihnen eid geworden. Haben Sie daher vor allen Dingen Dank wegen Ihres Erſcheinens. Aber wollen Sie nicht Platz nehmen? ich bitte Sie! Freilich ſteht es mir ſchlecht an, den Wirth machen zu wollen, wo ich nichts bin und nichts habe!

Wellmann kam der Aufforderung Graupner's nur zögernd nach. Er war offenbar noch nicht mit ſich einig, wie er mit Jenem verkehren, überhaupt ſein Benehmen an dieſem Orte einrichten ſollte. Er hing ſich denn auch nur auf die Seiten⸗ lehne des vorhandenen kleinen Sopha's und überließ es Graupner, Platz zu nehmen, wie und wo er Luſt hatte.

Ich habe die Abſicht, Ihnen einige Fragen vorzulegen, Herr Graupner! begann er die Unterhaltung;es wird von Ihrer Beantwortung derſelben abhängen, ob ich in Zukunft etwas für Sie thun kann oder nicht. Wenn meine Erinnerung nicht trügt, wurden Sie auf zehn Jahre der Freiheit verluſtig, und dieſe Friſt muß ſoeben verſtrichen ſein. Sind Sie ſchon lange auf freien Füßen?

Ich bin erſt vor vier Tagen aus dem Zuchthauſe ent⸗ laſſen, antwortete Graupner, der bei den Worten des jungen Mannes in ſich ſelbſt zuſammengeſunken war.Sie wundern ſich vielleicht, daß ich noch keine Frage in Betreff Ihrer Per⸗ ſon und Ihrer Familie an Sie gethan, Herr Wellmann; aber ich wage es nicht. Erlauben Sie mir wenigſtens, meine Freude auszudrücken, daß aus dem noch im Heranwachſen be⸗ griffenen jungen Menſchen, welchen ich früher kannte, ein ſo ſtattlicher und auch wohl gutſituirter Mann geworden iſt!

Sie ſollen Alles erfahren; doch wiſſen Sie etwas über Ihre Familie? fragte Wellmann.

Nur, daß ſie Rumſtadt verlaſſen hat! erwiderte Graupner.

So kann ich Ihnen weiteren Aufſchluß geben, fuhr Wellmannn fort;mein Vater hat Ihrer Frau und Ihrem älteſten Sohne in der Provinzialhauptſtadt entſprechende Stellungen verſchafft. Letzterer iſt ſeit Jahren daſelbſt ein angeſehener Beamter; durch ſeine Unterſtützung ſind auch noch drei weitere Ihrer Kinder dahin gekommen, für verſorgt gelten zu dürfen, und die übrigen Drei ſind auf dem Wege dahin. Es geht alſo Allen wohl, ſo ſchrieb es unlängſt ein Bruder von mir, der ſich in derſelben Stadt befindet. 3

Knieend will ich Ihrem Vater die Hände küſſen für die den Meinen gewährten Wohlthaten! ſagte Graupner mit be⸗ wegter Stimme.

Das wäre unnöthig und iſt auch nicht mehr möglich, entgegnete Wellmann.Mein Vater iſt faſt ſeit ſieben Jahren todt. Auch konnte er wohl nicht weniger für die Angehörigen eines Mannes thun, der ihm einſt nahe geſtanden und den er trotzdem verderben mußte.

So lohne ihm Gott ſeine edle That, meinte Graupner, während ich dem gleich ihm edlen Sohne meine Empfind⸗ ungen für den verſtorbenen Vater und mein Bedauern über deſſen Verluſt ausſpreche! 4

Die Wirthin, gefolgt von einem Mädchen, Beide mit allerlei Geſchirren, Flaſchen und Gläſern verſehen, unter brachen ſehr zur Unzeit das Geſpräch. Sie deckten einen im Zimmer befindlichen kleinen Tiſch, bedeckten ihn mit den

8.QO˖,

heraufgeſchafften Speiſen und Getränken, um ſich dann wieder zu entfernen.

Sie haben mir eine große Laſt vom Herzen genommen, begann Graupner von Neuem.Ueber alles Andere hätte ich mich hinweggeſetzt, denn ich hatte ja Strafe verdient. Aber das war der mir im Herzen nagende Wurm. Mir war zwar zugeſichert, daß für meine Familie geſorgt werden ſollte; doch mir war auch verſprochen, daß ich meine Strafe wenig fühlen und bald begnadigt werden würde. Man hat mich darin, wie in Allem, belogen und betrogen ich ſehe es jetzt ein!

So ſtehen Sie alſo noch mit Falk in Verbindung? fragte Wellmann ſchnell.

Herr Wellmann! ſtieß Graupner überraſcht hervor, Sie fragen mich da nach Etwas kurz, ich ſtehe nicht mit Falk in Verbindung!

Iſt das Ihre Bereitwilligkeit, auf meine Fragen zu ant⸗ worten? brachte Wellmann ſcharf hervor.

O, Sie verſtehen mich falſch, lieber, junger Herr! rief Graupner.Falk hatte mir ſchriftlich und mündlich für mein Verſchweigen ſeines Namens und ſeiner Schuld eine hohe Summe zugeſichert. Er hatte verſprochen, für die Meinen zu ſorgen und mich im Gefängniſſe zu unterſtützen. Letzteres ge⸗ ſchah, wie ſchon geſagt, nicht. Doch erfuhr ich in meiner Ab⸗ geſchloſſenheit, daß ſowohl er wie meine Familie Rumſtadt verlaſſen hatten. Ich glaubte, die letztere hätte es auf ſeine Veranlaſſung und mit ſeiner Unterſtützung gethan. So wie ich entlaſſen, eilte ich hierher, um ihn, von deſſen Betitelung und glänzenden Vermögens⸗Umſtänden ich ebenfalls unterrichtet war, aufzuſuchen und an ſeine Verpflichtung zu erinnern. Ich war heute früh, kurz bevor ehe ich Sie ſah, bei ihm.

Doch er leugnete Alles ab, verleugnete mich ſelbſt und vergaß

ſich ſo weit, Hand an mich zu legen, um mich hinauszuwerfen; dergleichen Verhältniſſe kann man nicht mehr Verbindung nennen!

Ah das lautet freilich anders! rief Wellmann leb⸗ haft;nun, Herr Graupner, ſetzen Sie ſich an den Tiſch, um zu ſpeiſen. Eſſen Sie tüchtig, damit Sie einige Aus⸗ dauer zu entwickeln im Stande ſind; denn Sie müſſen mich ſofort begleiten. Während Sie eſſen, ſprechen wir nebenbei weiter!

Werden Sie nichts genießen, Herr Wellmann? fragte Graupner.

Ich habe geſpeiſt! antwortete Wellmann ausweichend⸗

Graupner verſtand ihn und ſeufzte.

Und wohin werden Sie mich führen, Herr Wellmann?* fragte er,ich bin von meiner Route abgewichen und deshalb ſtraffällig!

Nicht der Rede werth, Herr Graupner; ich werde Sie zu Jemand bringen, der Sie deswegen noch beloben ſoll; aber nochmals zu Tiſche, denn es iſt nicht mehr ganz früh und unſer Weg weit!

Graupner ſetzte ſich und begann den Lebensmitteln zu⸗ zuſprechen.

Es waltet alſo darüber kein Zweifel mehr ob! begann Wellmann wieder,Falk hat Sie durch Verleitung zu ver⸗ brecheriſchen Handlungen ruinirt?

Ja, unbedingt! antwortete Graupner.

Daſſelbe hat er mit Ihrem Bruder gethan!

.

-