Jahrgang 
1 (1879)
Seite
177
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Concordia.. 177

Kaſette, zu welcher er den Schlüſſel hätte, finden würde. So, leſen Sie gefälligſt!

Dieſe letzten Worte galten dem Fremden, welchem Römer das eben beſchriebene Papier hinreichte.

Frau Römer hatte ſofort bei ihrem Eintritt einen heftigen Schreck bekommen. Dieſer entſprang weniger den Worten ihres Gemahls, als dem Blicke, welchen ſie auf den Fremden geworfen. Dieſe robuſte Figur mit den gewaltigen Glied⸗ maßen, dem eckigen Kopfe, den wie aus Stein gemeißelten Zügen und einem Bartſchnitt, wie er in der Geſchäftswelt nicht gebräuchlich hielt nicht einmal werth, ihr eine Be⸗ wegung der Begrüßung zu gönnen, obwohl das ſcharfe graue Auge ſie mit einem ſtechenden Blicke faſt unbeſcheiden muſterte.

Muß es denn durchaus ſein, lieber Arwed? fragte die

Frrau zaghaft.

Ja, gute Marie! antwortete Römer in fliegender Haſt, es läßt ſich gar nicht abweiſen oder ändern; kehre nur wie⸗ der zur Geſellſchaft zurück und wie geſagt, kein Aufſehen. Sage unſerem Klärchen Adieu von mir!

Römer reichte ſeiner Frau die Hand hin; der Fremde ſchien zwar zu leſen, doch beobachtete er über das Papier fort die beiden Eheleute. Frau Römer drückte infolge deſſen dem Gemahl flüchtig die Hand und eilte hinaus. Bei Reiſen des Mannes ſchied man ſonſt nie ohne Kuß voneinander; aber vor den Augen jenes Fremden vermochte die Frau nicht an Ausübung dieſer Sitte feſtzuhalten. Der Menſch verurſachte ihr Furcht.

Die beiden Herren erhoben ſich, ſobald die Frau das Ge⸗ mach verlaſſen.

Haben Sie etwas einzuwenden? fragte Römer.

Nein! ſagte der Andere kurz.

Römer nahm das Papier zurück und ging an den Geld⸗ ſchrank; der Fremde folgte.

Der Bankier öffnete den Schrank; der Fremde ſtreckte die Hand aus und legte dieſelbe auf den im Treſor befindlichen Revolver.

Fürchten Sie nichts! ſagte der Bankier,die Waffe dient anderen Zwecken!

Er legte das Papier in den Treſor und verſchloß dieſen wie die äußeren Thüren des Schrankes. Hiernach zog er einen Rock über und nahm ſeinen Hut.

Ich bin fertig! ſagte er.

Gehen wir! meinte der Fremde.

Ungehindert und ungeſehen paſſirten die beiden Männer die Treppe und den Flur.

Machen wir den Weg zu Fuße? fragte der Bankier, als man auf die Straße trat.

Meine Droſchke wartet dort! erwiderte der Andere.

Beide ſchritten über die Straße und beſtiegen das in einiger Entfernung haltende Gefährt. Der Lenker derſelben fragte nicht, wohin er zu fahren habe; er ſchien ſchon vorher inſtruirt zu ſein.

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9. Kapitel. Der Kriminal⸗Kommiſſarius.

Als Wellmann das Geſellſchaftszimmer wieder betreten, ſpähte er nach Klara umher; dieſe bemerkte ſowohl ihn, wie ſeinen ſuchenden Blick und kam näher. Beide begegneten ſich, wie von ungefähr, um eilig einige Worte zu wechſeln.

Wieder nichts! flüſterte Wellmann,dieſer Doktor konnte

nicht ungelegener kommen!

Ich habe ihn aufzuhalten verſucht! meinte Klara eben ſo leiſe,aber es nutzte nichts!

Ich dachte es mir, Klärchen; alſo nochmals bis morgen! 9

Gut, bis morgen! erwiderte Klara und Beide trennten ſich. Wellmann ſuchte ſeinen Hut und Ueberzieher, empfahl ſich einigen Bekannten und verließ den Saal, wie das Haus.

In einiger Entfernung von dem letzteren ſtieß er auf eine leere Droſchke, welche er anhielt.

Kennen Sie dasHotel zum Eisbären? fragte er den Lenker derſelben.

Ja kennen wohl meinte der Mann zögernd; wollen Sie dahin, mein Herr?

Es iſt meine Abſicht!

Hm böſer Ort weiter Weg; bekomme keine Fuhre von dort hierher.

Ich kehre nach der Stadt zurück. Ich werde Ihren Wagen bis Mitternacht in Anſpruch nehmen.

Das iſt etwas Anderes da fahre ich bis

Wellmann ſprang in den Wagen, dieſer ſetzte ſich in Be⸗ wegung und verfolgte den uns ſchon bekannten Weg, bis er die obſkure Spelunke erreichte, vor welcher der Kutſcher ſeine Roſinante anhielt.

Wellmann warf einen Blick auf das Haus und deſſen Umgebung, ohne durch denſelben viel zu erkennen, und ſprang hiernach auf den Boden. Er forderte den Kutſcher auf, ihm in den Laden zu folgen, und betrat ſodann dieſen ſelbſt.

Wellmann wurde hier ohne Zweifel ſchon erwartet. Denn Wirth und Wirthin waren im höchſten Wichs und im Laden ſelbſt keiner der ſonſt gewöhnlichen Gäſte anweſend. Aus einem Nebengemach drang dagegen das Summen und Schwir⸗ ren verſchiedener durcheinanderſprechender Stimmen hervor.

Begreiflicherweiſe warf Wellmann auch hier, während er grüßte, einen neugierigen Blick um ſich. Doch er entdeckte nichts Auffallendes. Reinlichkeit und Ordnung machten ſich hier faſt mehr geltend, wie in ähnlichen Lokalen der inneren Stadt. Freilich war der Viktualien⸗Laden auch die Parade⸗ ſeite der Spelunke.

Geben Sie dem Kutſcher, was er wünſcht! ſagte Well⸗ mann;doch erſt führen Sie mich zu dem Manne!

Bitte ergebenſt! entgegnete Madame, eine zierliche Ver⸗ beugung machend, wodurch ſie ſich als Führerin kennzeichnete.

Wellmann mußte lächeln, während er gewohnheitsgemäß die Verbeugung erwiderte, und Beide ſetzten ſich in Bewegung, um in die Dachetage, bis zu dem Aufenthaltsorte oder Ver⸗ ſtecke Graupner's zu gelangen.

Das kleine Giebelſtübchen, in welchem Wellmann Jenen fand, war recht hübſch möblirt und machte deshalb einen freundlichen Eindruck.

Eigentlich mein Zimmer! meinte Madame verſchämt und Wellmann war genöthigt, abermals eine Verbeugung der Anerkennung zu machen.

Was befehlen die Herren? fragte die geſchmeichelte Frau.

Es lag nicht in Wellmann's Abſicht, hier etwas zu ge⸗ nießen; doch er begriff ſchnell, was ſich an dieſem Orte ſchickte, und überließ es der Dame, zu bringen, was Küche und Keller

Gutes hergeben mochten.

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