Jahrgang 
1 (1879)
Seite
176
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Concordta.

Das wird ja intereſſant; alſo nur weiter, bitte, lieber Rohrbeck.

Na, ſehen Sie, Römer, jedes Ding muß ſeinen Anfang haben; auch die ärztliche Praxis. Ich wartete auf dieſen Anfang das heißt auf einen Anfang, der auch Honorar abwerfen konnte; denn die Praxis um Gottes Lohn war be⸗ reits da, ehe ich noch mein Schild hatte anſchlagen laſſen. Ich lauerte alſo mit Schmerzen auf den erſten guten Patienten, als ich eines Tages von der Straße zu einem ſolchen gerufen wurde. Der Mann war eigentlich ſchon todt, als ich ihn zu ſehen bekam; aber ein guter Patient ſollte er für mich den⸗ noch werden. Meine vergeblichen Bemühungen, den Verſtorbenen wieder in das Leben zurückzurufen, wurden von deſſen An⸗ gehörigen ſo glänzend honorirt, daß dadurch der Grund zu einer Zukunft für mich gelegt ward!

Recht ſchön, bemerkte Römer,aber ich ſehe immer noch nicht ab, was der Paul damit zu thun hatte

Sogleich werden Sie das erkennen, Beſter! Der Menſch war es, welcher mich Gott mag wiſſen, wodurch ich ihm als Arzt bekannt war von der Straße hereinrief. Er war es auch, der mir das Honorar überbrachte. Ich durfte damals für einen aus Uebermuth und Gutherzigkeit zuſammeugeſetzten Springinsfeld gelten. Der Anblick des Geldes verſetzte mich in himmliſche Verzückung; ich gab dem Kerl einen Dukaten und geſtand ihm, daß ſein todter Herr der erſte Patient ge⸗ weſen, der mir Honorar eingebracht. Das war dumm, ſehr dumm von mir!

Römer verrieth eine lebhafte Unruhe bei der letzten Rede des Doktors; einen Moment ſchien es auch, als werde ſeine Geſichtsfarbe um ein Bedeutendes heller.

Ich kann dieſen erſten lohnenden Patienten faſt errathen, lieber Rohrbeck! ſagte er langſam.

Nun ja, es iſt nicht eben ſchwer für Sie; er war der erſte Gemahl Ihrer Frau!

Römer fuhr ſich mit der Hand über das Geſicht, als wolle er eine unangenehme Erinnerung fortwiſchen oder verſcheuchen.

Ich ſollte aber doch meinen, Rohrbeck, daß Paul Ihre wir wollen ſagen Unvorſichtigkeit nicht zu verantworten hatte!

Nein, zum Henker, gewiß nicht; auch nicht, daß ich ſo unklug war, zu äußern, die junge Frau ſei gewiß froh ge⸗ weſen, den alten Mann loszuwerden!

Das war höchſt taktlos, Doktor! rief Römer, wie es ſchien, unwillig.

Ich gebe es ja zu; der Taktſinn hat überhaupt nie eine Beule in meinem Schädel hervorgerufen. Aber ich habe meine Unklugheit ſchwer büßen müſſen. Als Sie mich zu Ihrem Hausarzt wählten, traf ich auch wieder mit Freund Paul zuſammen, und ſo oft er mit mir allein zu ſein wähnte, be⸗ gann er von dem erſten Patienten, der Geld gebracht, und von der jungen Frau, die froh geweſen, den alten Mann loszuwerden, zu ſprechen!

So das that er? fragte Römer erſtaunt.

Was ich Ihnen ſage. Ich verſuchte ihn zuerſt durch Güte und Geſchenke zu kirren. Umſonſt, er ward nur frecher! Als ich mich endlich feſt eingeniſtet hatte, kehrte ich die rauhe Seite nach außen und ward grob; das half beſſer. Doch durch Geſichterſchneiden und Pantomimen hat er mich bis auf den letzten Tag gekränkt.

l mit, daß er meine Beſtimmungen für morgen in der kleinen

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Dieſe Mittheilungen hätten Sie mir längſt machen müſſen, Doktor!

Konnte ich denn wiſſen, wie Sie dieſelben aufnehmen würden? Sie ſchickten alle Leute, die mit dem Diener in Streit geriethen, aus dem Hauſe, und ich glaube, ſogar Ihr früherer Geſchäftsführer iſt ſeinetwegen von Ihnen gegangen. Wie ein abhängiger Mann mochte ich mich aber nicht maß⸗ regeln laſſen!

In Betreff des Prokuriſten ſind Sie im Irrthum, Doktor, und was die von mir entlaſſenen Leute betrifft, ſo hatten ſie ſich meiſtens deſſelben Vergehens, wie jetzt Paul, ſchuldig gemacht, wenn auch in geringerem Maße. Doch glau⸗ ben Sie wirklich, daß Ihnen meine Frau jener Zeit das hohe Honorar geſendet hat?

Wer ſollte es ſonſt gethan haben?

Soviel ich weiß, fand die Regelung aller Zahlungen durch einen Mandatar der Haupterben ſtatt, zu denen meine jetzige Frau nicht gehörte. Sie wiſſen alſo nicht beſtimmt, daß jenes Geld von der jungen Wittwe ſein kann?

Es war nur Vermuthung!

Ich habe keine Veranlaſſung, dieſe Thatſache jetzt noch näher feſtzuſtellen; aber ich habe ſchon lange den Wunſch ge⸗ hegt, etwas Näheres über den Tod des

Eine Dienerin betrat das Zimmer und meldete Römer die Ankunft eines Herrn, welcher ihn dringend zu ſprechen wünſche. Dem Bankier war die Unterbrechung ſeines Ge⸗ ſpräches mit dem Doktor offenbar unangenehm. Doch nach einigem Beſinnen gab er die Beſtimmung, den Fremden bei ihm einzuführen. Das Mädchen ging, kehrte jedoch ſofort zurück, um zu berichten, daß der Fremde den Bankier durch⸗ aus und in ſeinem Intereſſe unter vier Augen ſprechen müſſe.

So führen Sie ihn nach oben, in mein Zimmer! ſagte Römer verdrießlich, während er ſich erhob.Sie bleiben noch, Doktor, fuhr er, gegen dieſen gewendet, fort,wir ſind da auf ein Thema gekommen, welches ich ſchon längſt zum Gegen⸗ ſtande des Geſpräches zwiſchen uns machen wollte. Ich denke bald wieder da zu ſein, denn noch geſchäftlich thätig zu ſein, habe ich heute keine Luſt mehr!

Römer folgte der Dienerin. Dieſe Letztere war kaum wieder in den unteren Räumen angelangt, als die Klingel des Hausherrn ſie zurückrief. Das Mädchen folgte dem Rufe, und als es jetzt aus den Gemächern des Hausherrn zurück⸗ kehrte, ſuchte es die Gemahlin deſſelben auf, um ſie zu er⸗ ſuchen, ſich ſchleunigſt im Zimmer des Erſteren einzufinden.

Frau Römer eilte nach oben; ſie fand ihren Mann am Tiſche ſitzend und mit Schreiben beſchäftigt; ein fremder Herr ſaß ihm gegenüber.

Liebe Marie begann Römer, mit Abſätzen ſprechend, ja ſo ein Geſchäftsfreund von außerhalb ich muß ganz nothwendig heute noch verreiſen ich möchte aber unten nicht ſtören es wäre mir überhaupt nicht lieb, daß Je mand von der Reiſe erführe nur bei Doktor Rohrbeck magſt Du mich mit derſelben entſchuldigen ich denke mor⸗ gen meine Geſchäfte beenden zu können. Vielleicht kommt Wellmann heute Abend noch wieder ſollte es nicht der Fall ſein, ſo ſende morgen bei Zeiten zu ihm und theile ihm

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