Jahrgang 
1 (1879)
Seite
167
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Concordia. 167

Bergmann wendete ſich ab, um ein unwillkürliches Lächeln zu verbergen. Meta's Geſicht drückte einige Ver⸗ wunderung aus.

Wollen wir jetzt heim zur Mutter, liebe Adele? fragte ſie.Mein Vater und Erich erwarten Dich gleichfalls ſchon voll Ungeduld.

Wer iſt Erich? fragte Adele neugierig.

Ach, Du kennſt den Namen meines Bruders nicht? lachte Meta, während ſie Adele mit ſich nach der Ausgangsthür zog.Wie fremd ſind wir uns doch geblieben, ſetzte ſie ernſter hinzu.Aber jetzt wollen wir uns Alle recht genau kennen lernen.

Iſt Dein Bruder ein ſchöner Mann? fragte Adele, leicht erröthend.

Schön? Genau weiß ich das nicht zu ſagen. indeſſen mir wenigſtens gefällt er recht gut.

Dann heißt es ſich mit Kälte und Unnahbarkeit wappnen, murmelte Adele.

Was ſagſt Du, Couſine? fragte Meta.

Adele kam nicht dazu, etwas zu antworten. Robert, der den beiden Mädchen gefolgt war, trat ſoeben an die Seite ſeiner Braut.

Du entſchuldigſt mich wohl, liebe Meta, ſagte er;Du weißt, meine Patienten warten. Unterhalte Dich recht gut mit Deiner Couſine. Auf Wiederſehen, Fräulein Adele!

Damit drückte er Meta's Hand, ſah ihr noch einmal liebevoll in's Auge, lüftete den Hut vor den beiden Damen und enteilte mit raſchen Schritten.

Jetzt ſage mir, warum Du meinem Robert zuerſt ein ſo finſteres Geſicht machteſt? fragte Meta, den Arm ihrer Cou⸗ ſine wieder ergreifend.

Närrchen, das kommt daher, weil ich ihn anfangs nicht kannte, ihn für Deinen Bruder oder einen Freund Eures Hauſes hielt. Gegen Männer muß man ſpogleich auf der Hut ſein und recht kalt und ſtolz erſcheinen, ſonſt läßt ſich das nicht mehr einholen. Als ich aber erfuhr, daß Herr Bergmann Dein Verlobter iſt, hatte ich auch keinen Grund, länger un⸗ freundlich gegen ihn zu ſein. Denn weder er kann Abſichten auf mich haben, noch darf ich mit einem Gedanken an ihn denken. Mein Grundſatz iſt: Mit keinem Blick rühr' an, was einem Anderen gehört.

Das iſt ein braver, ſchöner Grundſatz, ſagte Meta herz⸗ lich.Aber Deine andere Maxime begreife ich viel weniger. Ich würde kalt und ſtolz gegen einen Mann ſein, den ich von mir entfernen wollte, nicht umgekehrt.

Ich kann die beſten Romane zu Gunſten meiner Methode anführen, erwiderte Adele lebhaft.All' ihre Freundlichkeit mag ein Mädchen immerhin den ſchon verſagten, verlobten Männern zuwenden. Ihre ganze Kälte und Unnahbarkeit muß ſie für diejenigen aufſparen, die noch frei ſind und mit Abſichten auf ihr Herz und ihre Hand an ſie herantreten können. Mein Vater ſagt zwar, ich verſcheuche durch dieſe Maxime jeden Freier aus meiner Nähe. Aber ſelbſt, wenn es ſo wäre, würde ich mich doch nicht ändern, der Rechte wird ſich ſchon noch einfinden, der mir Widerpart hält, meine Kälte beſiegt und mein Herz ſeiner edlen Stärke unterwirft!

Sage, Adele, wer hat Dir dieſe außergewöhnlichen Grund⸗ ſätze eingeprägt? fragte Meta, einen beinahe ſcheuen Blick in das Antlitz ihrer Couſine werfend⸗

Ich denke

Dieſe Grundſätze habe ich mir ſelbſt geſchaffen; nur zum kleineren Theile ſchöpfte ich ſie aus den Werken berühmter Schriftſtellerinnen, die das weibliche Herz ſo recht verſtehen.

Ich fürchte, Du wirſt Dich in meiner Nähe nicht behag⸗ lich fühlen und mich nie als Deine Freundin annehmen können, ſagte Meta traurig.Ich bin ein ſehr proſaiſches Geſchöpf, ich verſtehe nicht einmal recht, was Du zu mir ſprichſt. Nie wirſt Du in mein armes Alltagsleben herab⸗ ſteigen.

Nicht zu Dir herabſteigen will ich, ſondern Dich empor⸗ heben in das Paradies, das Phantaſie und Dichtkunſt mir ſchufen! rief Adele ſo laut und begeiſtert, daß die Vorüber⸗ gehenden ſie neugierig anſtarrten.

Bitte, ſprich leiſer, Couſine, ſagte Meta verlegen.Die

Leute ſind hier ſo eigen und gaffen gleich. Alltagsgeſichter, lauter Alltagsgeſichter! entgegnete Adele geringſchätzend;dumpfe Augen, niedrige Stirnen. Daß doch der echte, der wahre, der nur dem Ideale lebende Menſch unter Tauſenden kaum einmal anzutreffen iſt. O, wie haſſe ich dieſes gemeine Jagen nach Erwerb, dem man auch hier in den Straßen begegnet. Ich würde lieber hungern, als mich mit ſo niedrigen Dingen befaſſen. Aber, weil wir ſchon bei dem leidigen Eſſensthema angelangt ſind ſpeiſt man gut in Eurem Hauſe? Ich bin etwas verwöhnt und liebe auch in der Koſt das Feine, Aetheriſche.

Unſere Köchin wird Dir zu Ehren gewiß ihre ganze Kunſt aufgeboten haben, erwiderte Meta.Alſo Du über⸗ trägſt die Poeſie auch auf das Eſſen?

Auf alle Dinge, liebe Meta. Ich ſchlafe mit romantiſchen Ideen ein, ein Bild der Phantaſie beſchäftigt mich, wenn ich am Morgen meine Toilette mache. Und ſo umſchweben mich den ganzen Tag poetiſche Fiktionen und Träume.

Ich bewundere Dich wirklich, ſagte Meta mit einer auf⸗ richtig ehrerbietigen Miene.Aber da iſt unſer Haus; ich fürchte, Du wirſt es gar nicht poetiſch finden. Es iſt ſo grau und alt.

Bei Gebäuden macht gerade das Alter die Poeſie, er⸗ widerte Adele belehrend.Ich hoffe, die paar Wochen, die ich bei Euch verweilen will, in einem dieſer mittelalterlichen Giebelzimmer ebenſo traumhaft ſchön verbringen zu können, wie mein bisheriges Leben.

2. Kapitel.

Adele hatte abgelehnt, an dem Mittagstiſche der Kauf⸗ mannsfamilie theilzunehmen. Sie fühlte ſich plötzlich ſehr leidend und angegriffen von der Reiſe, deshalb ſpeiſte ſie in dem ihr angewieſenen Zimmer. Meta leiſtete ihr dabei Ge⸗ ſellſchaft und freute ſich, daß wenigſtens der Appetit ihrer Cou⸗ ſine durch deren Unwohlſein nicht gelitten hatte. Als der Tiſch abgedeckt war, lehnte ſich Adele mit erſchöpfter Geberde in die Kiſſen des Ruhebettes zurück und ſchloß ihre Augen. Aber nach wenigen Augenblicken ſchnellte ſie wieder empor.

Ich vermiſſe meine Bücher, ſagte ſie gähnend,ich bin es ſo ſehr gewöhnt, nach Tiſche ein wenig zu leſen. Bitte, liebe Couſine, möchteſt Du nicht Auftrag geben, daß mein Koffer vom Bahnhofe hereingeſchafft wird?

Das iſt bereits geſchehen, Adele; ich laſſe den Koffer ſo⸗ gleich zu Dir heraufbringen, er ſteht im Hausflur.