Concordia.
hundert Kleinigkeiten, die der— doch ſo wichtig ſind. Erſt als ſie, am Bahnhof angekommen, in den noch ganz leeren Warteſaal traten, begann Meta wieder ein klein wenig un⸗ geduldig zu werden. Sie drückte ihre Stirn an die ver⸗ ſchloſſene Glasthür und ſah erwartungsvoll auf den Perron hinaus.
Ihrer Mutter Bruderkind ſollte kommen, Adele, die ſie ſeit langen Jahren ſo oft erſehnt, doch nicht geſehen hatte. Zwiſt und Meinungsdifferenzen zwiſchen den beiden Familien waren ſchuld an ihrer gegenſeitigen Entfremdung geweſen, und Meta hatte, ſeitdem ihr Verſtand reif geworden, daran gearbeitet, dieſe Urſachen der Entfernung von ihrer Couſine zu beſeitigen. Eine Krankheit, die Adelens Vater jäh und gefahrdrohend überfiel, war ihr endlich zu Hilfe gekommen. Frau Felden, Meta's Mutter, eilte angſtvoll und verzeihend an das Leidensbett ihres Bruders. Seitdem wechſelten die Couſinen häufig die zärtlichſten Briefchen, und nun endlich ſollte Adele, infolge einer Einladung, die an ſie ergangen war, kommen und das Freundſchaftsband der Kindheit erneut werden.
„Weißt Du, Robert, daß ich mich ganz außerordentlich auf Adelens Ankunft freue?“ ſagte Meta zu ihrem Ver⸗ lobten.„Wenn nur meine Mutter ihr gewogener wäre. Aber die nennt Adele eine Romannärrin, ein von ungeſunden Anſchauungen verdorbenes Geſchöpf. Uebrigens glaube ich ihr durchaus nicht. Adelens Briefe ſind ſo ſchön, ſo poetiſch.
Gewiß iſt ſie ein ungewöhnliches Weſen, das nicht jeder Menſch ſogleich begreifen kann. Was meinſt denn Du, Robert,
ich habe Dich ihre Briefe ja leſen laſſen?“
„Du ſollſt Adele ſehen und ohne Vorurtheil beobachten,“ entgegnete der junge Arzt ausweichend.„Aber willſt Du Dich nicht ſetzen? Ich wette, Du trippelſt ſchon den ganzen Morgen auf Deinen kleinen Füßchen herum.“
„Das haſt Du errathen, Robert!“ lachte das Mädchen. „Ich kann heute nicht ſitzen. Die freudige Aufregung zuckt mir in allen Gliedern.“
„Wenn ich einmal auf lange fortginge, Meta, würdeſt Du mich auch ſo ungeduldig erwarten?“
„Dich würde ich nicht erwarten, Robert, Dir würde ich nacheilen durch die ganze Welt!“ erwiderte ſie voll Innigkeit.
Mehrere Perſonen traten in den Warteſaal.
Meta ſetzte ſich nun doch, und zwar gerade der Uhr gegen⸗ über; leiſe Bemerkungen mit ihrem Begleiter tauſchend, kontrolirte ſie das Vorrücken des Zeigers. Es ward immer lebhafter um ſie herum; Reiſende beſtürmten den eintretenden Bahnbeamten mit Fragen, einige Kinder vermehrten den Lärm durch Lachen und Schreien und dazwiſchen ertönten von draußen
herein verſchiedene Glockenzeichen und das Pfeifen der Lokomotive. Endlich war das letzte Signal verklungen, die
Thüren zum Perron öffneten ſich und geräuſchvoll ſtrömte die Menge hinaus, während der aus München kommende Zug langſam und unter heftigem Puſten der Maſchine in den Bahnhof einfuhr.
Meta hatte ſich mit ihrem Verlobten gleichfalls auf den Perron begeben und ſah aufmerkſam nach den Waggonthüren, welche von den Kondukteuren haſtig aufgeriſſen wurden. Sie zog eine Photographie aus dem Margarethentäſchchen, das an ihrem Gürtel hing, und warf einen flüchtigen Blick darauf.
„Nach dem Bilde kenne ich Adele gewiß, es ſoll ſehr ge⸗ lungen ſein,“ ſagte ſie.
Jetzt ſprang aus einem Waggon zweiter Klaſſe leicht und graziös eine kleine, zierliche Mädchengeſtalt. Sie trug graue Reiſekleider und ein Hut von derſelben Farbe beſchattete ihr ſchmales, blaſſes Geſicht, aus dem die dunklen, faſt übergroßen Augen lebhaft in die Welt blickten. An einer blauen Schnur zerrte ſie einen weißen Seidenpintſch mit ſich aus dem Waggon. In der anderen Hand hatte ſie einen Strauß von Roſen.
Meta riß ſich von dem Arme ihres Geliebten los.
„Adele!“ rief ſie freudig,„liebe Adele!“
Das in Grau gekleidete Mädchen ſchien ſich nach dem freundlichen Rufe umſehen zu wollen. Aber ſchon fühlte ſie ſich ſtürmiſch umarmt und geküßt.
„Du biſt meine Couſine, o, ich kannte Dich ſogleich!“ jubelte Meta.„Aber Robert, ſo komm' doch näher!“
Der Gerufene trat herzu und verbeugte ſich.
Adele erwiderte mit einem leichten Kopfnicken den Gruß; ihre Züge hatten ſich ſeltſam verändert, ein eiſiger Hauch ſchien darüber geflogen zu ſein, der ſie kalt und erſtarrt zurück⸗ ließ. Die langen Wimpern warfen tiefe Schatten auf die blaſſen Wangen und der Mund hatte ſich feſt und energiſch geſchloſſen.
„Was haſt Du, Adele?“ fragte Meta, beſorgt in das Antlitz ihrer Couſine blickend.
„Nichts, nichts, mein liebes Kind,“ erwiderte dieſe, ohne die Augen zu erheben.
„Mein Verlobter, Herr Robert Bergmann— meine liebe Couſine,“ ſagte Meta vorſtellend.
Und wieder ging ein Wechſel in Adelens Antlitz voy
Eine unbefangene Freundlichkeit kehrte darauf zurück; lebhaft
bot ſie dem jungen Arzte die Hand.
„Willkommen, herzlich willkommen, Herr Bergmann,“ rief ſie mit angenehmer, aber etwas klangloſer Stimme.„Und auch Du ſei mir tauſendmal gegrüßt, Meta! Ei, Du biſt hübſcher, als ich Dich mir dachte. Aber Kocko, unartiges Thier, warum zerrſt Du ſo an der Schnur? Nun warto, ich⸗ will Dich befreien.“
Sie beugte ſich zu dem Hunde herab und neſtelte an ſeinem Halsbande.
„Was für ein unfreundlich Robert!“ flüſterte Meta.
„Verzeih',“ gab er zurück,„das war mir nicht bewußt⸗ Ich will mein Vergehen verbeſſern.“
Dabei beugte er ſich zu Adelen hinab und half ihr, die Schnur von dem Halsbande des ungeduldig hin und wider ſpringenden Hündchens zu löſen. Vielleicht dauerte dieſe Be⸗ mühung etwas zu lange, denn Meta fühlte eine unbehagliche Empfindung in ihrem Herzen erwachen. Endlich war Kocko befreit und Robert und Adele ſtanden wieder aufrecht.
„Wo haſt Du Dein Gepäck, Couſine?“ fragte Meta.
„Ich habe nichts als einen Koffer mit den nöthigſten Kleidungs ſtücken und Büchern, den man ſpäter holen laſſen kann. Ich finde es zu unpoetiſch, Hutſchachteln und der⸗ gleichen bei ſich zu führen. Lies einmal nach, ob die Heldin eines Romanes mit allerlei unnützem Geräthe bepackt aus dem Waggon ſteigt. Frei von jeder Laſt und von jedem irdiſchen Tand ſpringt ſie zur Erde!“
es Geſicht Du doch machſt,


