Jahrgang 
1 (1879)
Seite
165
Einzelbild herunterladen

alten Moor in SchillersRäubern verglichen, den Karl aus ſeiner ſchauerlichen Gruft befreit. Sein ſpärliches weißes Haar hing bis auf die Schultern herab, das Geſicht war von tiefen Falten durchfurcht und aus den etwas trüben, aber ungemein milden Augen ſprach ein ganzes Buch unſäglichen Leides.

Seine Kleidung zeugte von Reichthum, war aber von der

Zeit arg mitgenommen, und man ſah es auf den erſten An⸗ blick, daß ſie mehrere Decennien gedient haben mochte.

Etwas ſcheu, aber mit gutem Anſtande trat er näher und ſprach:

Entſchuldigen Sie ich traf Niemanden im Vorſaale wohnt nicht hier in dieſem Hauſe der Kauſmann Elsner?

Frau Elsner ſchaute den Greis forſchend an, dieſer aber fuhr fort:

Sonſt wohnte er in dieſem Hauſe wohnt er etwa nicht mehr hier?

Conco rdia. 16⁵

O, ja, entgegnete Agnes,aber er iſt nicht da.

Er wird doch wiederkommen? Nicht wahr? Oder iſt er todt? Ja, wenn er todt iſt, fuhr er weich fort,ſo iſt ihm wohl.

Heiliger Gott! wer iſt der Mann? fragte Werner ahnend.

Frau Elsner entgegnete:

Gewiß irgend ein Unglücklicher! Sie nahm etwas Geld, und es dem Alten hinreichend, ſprach ſie:Da, nehmen Sie, lieber Alter, mehr kann ich leider nicht thun.

Der Greis ſtreckte abwehrend die Hand vor und ſagte:

Ich brauche kein Geld! Ich will nur ſoviel Erde, daß ich eingeſcharrt werden kann. Du lieber Gott, ſonſt war ich oft in dieſem Hauſe und Alles freute ſich, wenn ich kam aber das iſt lange, lange her!

(Fortſetzung folgt.)

Wirklichteit

Novelle von

und Dichtung.

K. Labacher.

1. Kapitel.

In der A.... ſtraße zu Nürnberg ſteht ein hochgegiebeltes Haus mit ſo vielen Thürmichen, Balkons und weitvorſpringen⸗ den Erkern, daß dem Betrachter ordentlich das Herz aufgeht über all' die hübſchen architektoniſchen Unregelmäßigkeiten dieſes ergrauten Stück Mittelalters.

An einem feuchtklaren Junimorgen öffnete ſich eines der Erkerfenſter und, im lieblichſten Kontraſte zu den düſteren Mauern, erſchien ein roſiges, wahrhaft lenzfriſches Mädchen⸗ angeſicht; zwei tiefblaue Augen ſchauten daraus ſehnſuchtsvoll auf die Straße hinab. Es mußte ſchön ſein, von dieſen Augen ſo erſpäht und dann von den purpurrothen Lippen und den weichen Händchen begrüßt zu werden.

Jetzt bog ein junger Mann um die nächſte Ecke es war wohl der Erwartete des Mädchens, denn ihr Blick ver⸗ ließ ſeine ſchlanke und doch kräftige Geſtalt nicht früher, bis er, zu ihr aufſchauend, den Hut gezogen und das Haus be⸗ treten hatte. Dann zog ſie ſich eilig vom Fenſter zurück.

Er ſtürmte die Treppe hinauf ganz nach der Art ungeduldig Liebender. Oben öffnete er die Thür eines einfach, aber mit ſolider Eleganz ausgeſtatteten Gemaches.

Meta! rief er freudig und umſchlang die jungfräuliche Geſtalt, die ihm mit einem glückſtrahlenden Lächeln hier ent⸗ gegenkam. Eine ältere Dame erhob ſich von dem Divan und begrüßte den Ankömmling gleichfalls in der herzlichſten Weiſe.

Meta entwand ſich endlich den ſie allzu feſt umfaſſenden Armen.

Du haſt lange auf Dich warten laſſen, Robert! ſagte ſie ein wenig vorwurfsvoll;die Zeit vergeht ſo raſch, wir kommen gewiß zu ſpät an den Bahnhof und die arme Adele muß den Weg zu uns allein machen.

Ah, meine Meta will zu der kurzen Strecke eine volle Stunde brauchen, ſagte Robert lächelnd.Weißt Du, Kind, daß ich ſogar daran gedacht habe, vorher noch einen meiner Patienten zu beſuchen, der hier in der Nähe wohnt?

Das kannſt Du ſpäter thun, Robert, nicht wahr? ſchmeichelte Meta.Jetzt iſt gar keine Zeit mehr dazu.

Die Furcht, überallhin zu ſpät zu kommen, iſt eine förmliche Manie meiner Tochter, miſchte ſich die Matrone ſcherzend in das Geſpräch.Schon als Kind war ſie regel⸗ mäßig um eine halbe Stunde zu früh in Kirche oder Schule.

Dagegen kann ich Dich erinnern, Mama, daß Du voriges Jahr bei Deiner Reiſe nach München den Zug verſäumt haſt und dann zwei ganze Stunden am Bahnhofe warten mußteſt.

O, Du Kobold! lachte Robert;wie ſie ſogleich Spott mit Spott zu vergelten weiß. Aber da Du ſchon einmal das Eiſenbahnſieber haſt, ſo kleide Dich in des Himmels Namen an. Wir nehmen Deine Couſine gewiß zu rechter Zeit in Empfang.

Ungalanter Bräutigam, ſchmollte Meta,ſiehſt Du denn gar nicht, daß ich nur Hut und Handſchuhe zu nehmen brauche, um fertig zu ſein?

Ah, verzeihe, Meta, wenn ich bei Dir bin, ſehe ich nur immer in Dein liebes Geſicht und darüber vergeſſe ich auf Dein Kleid. Wahrhaftig, Du haſt Dich allerliebſt gemacht.

Liebkoſend ſtrich er über das leichte, duftige Sommer⸗ gewand, das gleich einer roſigen Wolke Meta's Geſtalt umgab⸗

Sie näherte ſich dem Spiegel, um das Strohhütchen auf ihren ſchönen Haarflechten zu befeſtigen. Robert trat an ihre Seite. Die Liebenden ſchienen von der Hand der Natur für einander gebildet. Er mit den geiſtvollen, dunklen Augen, mit dem ernſten Munde und den glänzend ſchwarzen Haaren, die lebhaft gegen die bleiche Stirn kontraſtirten. Sie blond, zart und voll blühender, lachender Reize.

Die Toilette war beendigt.

Adieu, Mütterchen! rief Meta, indem ſie die Matrone umarmte.

Adieu, Mama, ſagte auch Robert, und ohne einen Gegengruß abzuwarten, eilte das Brautpaar aus dem Zimmer⸗

Unten auf der Straße ſchien Meta ihre Ungeduld immer mehr zu vergeſſen. Oft und innig zu dem Verlobten auf⸗ blickend, ging ſie an ſeinem Arme langſam und ruhig dahin Sie fragte ihn um Vieles und lauſchte ſeinen Antworten mit, dem ſeligſten Lächeln auf den Lippen. Sie plauderten von