Jahrgang 
1 (1879)
Seite
160
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160 Concordia.

wir es fertig, und daran ſoll es nicht fehlen! Ueberlaß mir das nur! Du biſt die Einzige hier in der ganzen Penſion, der ich ſo etwas proponiren kann, auf alle die Anderen gebe ich keinen Deut(und dabei ſchnippte ſie mit ihren Fingern), das iſt eine Geſellſchaft von Schlafmützen, die keine Ahnung vonChic haben. Doch Du biſt anderer Art, darum auch meine Freundin, Du biſt ſchlau und gewitzt und haſt mir ja auch gleich zugeſagt, als ich Dich bat.

Hätte ich dieſes unſelige Verſprechen nicht ſchon gegeben, ſo wäre ich trotz meiner Liebe zu Felicite und trotz meinem Verlangen, etwas von dem Leben der Erwachſenen zu er⸗ fahren, doch nicht auf ihren Vorſchlag eingegangen; ich wußte wohl, daß dieſer unrecht war, doch aus reiner Neugierde und aus falſcher Scham bei dem Gedanken, mit den Deutſchen und Holländerinnen in eine Rubrik geſtellt zu werden, kam ich ſchließlich ſoweit, daß ich mein Verſprechen nochmals wieder⸗ holte. Da nun doch einmal mein Schickſal beſiegelt war, wollte ich gern erfahren, wie die Sache ausgeführt werden ſollte, doch in dieſer Beziehung wünſchte Felicite ihre eigenen Wege zu gehen, und da ſie darüber noch nicht ganz mit ſich im Klaren war, bat ſie mich, mir keine weitere Sorge zu machen und ihr Alles zu überlaſſen. Das Eine war ausgemachte Sache gehen wollten wir.

Doch wie kommſt Du gerade auf heute? fragte ich noch flüchtig, als ich ſchon an den ſich nähernden Fußtritten hörte, daß die Klaſſen ſich wieder verſammelten,heute Morgen in Deiner Verſtimmung dachteſt Du doch noch nicht daran?

Schelmiſch lachend legte ſie den Finger auf die Lippen und ſagte:Schweige nur, Du wirſt es ſchon erfahren.

11. Kapitel. Jortſetzung.

Während der nun folgenden Uuterrichtsſtunden weilten alle meine Gedanken bei dem mir bevorſtehenden Abendvergnügen, und mit meiner Aufmerkſamkeit war es vorbei! Offenbar aber waren es mehr Gefühle der Furcht wie der Freude, die mich bewegten; ſolche geſetzwidrige Heimlichkeiten waren mir noch ganz neu, und ich hatte gewaltige Angſt vor den Folgen, falls wir ertappt würden. Doch auf der anderen Seite hatte ich unbändiges Vertrauen zu Felicite und war ſehr begierig, zu erfahren, wie ſie die ganze Sache einfädeln und ausführen wollte. Langſam ſchlichen die heißen Nachmittagsſtunden da⸗ hin; endlich waren ſie vorüber und die Hauptbeſchäftigungen des Tages verrichtet. Gegen fünf Uhr verließen die Lehrer und Schülerinnen aus der Stadt die Penſion, bald nach ſieben Uhr thaten Miß Little und Madame Gabeaux und die Lehrerinnen aus der Anſtalt desgleichen, und ſo blieb denn die ganze Schafheerde ausſchließlich der Aufſicht von Fräulein Netta und Fräulein Graub überlaſſen, die Beide eigentlich mehr Angſt vor den ihnen anvertrauten Schafen hatten, wie dieſe vor ihnen.

So wie Fräulein Graub ſich davon überzeugt, daß von der Heerde nichts zu befürchten ſei, zog ſie ſich nach ihrer Stube zurück, um Briefe zu ſchreiben, und Fräulein Netta ſetzte ſich oben an den Tiſch, an dem wir fleißig mit Arbeiten be⸗ ſchäftigt ſaßen. Die Gute war ſo kurzſichtig, daß ſie ſich ihre Strümpfe dicht an die Naſe halten mußte. Felicite

ſchlich ſich unbemerkt an mich heran und flüſterte mir in's Ohr:

Halte Dich bereit, ſo wie zum Hinaufgehen geläutet wird. Wir müſſen auf und davon ſein, noch ehe die Schlafzimmer gefüllt ſind!

Die Ordnung oben war ungefähr folgende: Die Schlaf⸗ zimmer, die früherhin wohl Nonnenzellen geweſen waren, lagen an beiden Seiten eines langen Korridors, ſie waren klein und hatten nur vier Betten, zwei für ältere und zwei für jüngere Penſionärinnen. Beim An⸗ und Auskleiden mußten die Großen den Kleinen behilflich ſein; die Waſchanſtalt war für Alle ge⸗ meinſchaftlich und die Kleider wurden in einem Raume am Ende des Korridors aufgehängt. In jedem Zimmer ſtanden zwei Stühle, und mitten darin hing eine Lampe. Die jüngeren Penſionärinnen gingen um acht Uhr zur Ruhe, und punkt neun Uhr erſchallte eine Glocke, dann mußten die älteren auch hinauf; oben hatten ſie noch eine halbe Stunde zum Ent⸗ kleiden, dann ging eine der vorhin erwähnten Damen umher, löſchte alle Lampen aus und machte die Thüren zu; wo die Lampen nicht mehr brannten, beſchränkte ſie ſich nur auf letzteres. Durch dieſe Ordnung wurde uns der erſte Theil unſeres Unternehmens ſehr leicht gemacht. So wie die Glocke erklang, eilten wir Beide nach Felicite's Inſtruktion raſch die Treppe hinauf in unſere Zelle. Die beiden jüngeren Pen⸗ ſionärinnen von neun und zehn Jahren lagen ſchon in ſüßem Schlummer, Felieite zog unter ihrem Bette zwei dunkle Bün⸗ del hervor und gab mir dieſe in die Hände.

Das ſind unſere Mäntel, mehr brauchen wir nicht; jetzt komm', Mamie!

Felicite, wie wußteſt Du es nur einzurichten, dieſe zu bekommen?

Ruhig jetzt, nachher will ich es Dir erzählen, wir haben keine Zeit zu verlieren! Damit löſchte ſie die Lampe aus und zog mich mit ſich wieder die Treppe hinunter; unten miſchten wir uns unter den großen Haufen und benahmen uns, als wollten wir zu Bett gehen.

Gute Nacht, Fräulein, gute Nacht, hieß es dort von allen Seiten, und die Mädchen gingen zur Treppe und ver⸗ ließen den Saal. Felicite und ich aber ſchlüpften in ein Nebenzimmer und gelangten ungehindert durch daſſelbe in den Garten.

Wie aber ſollen wir herauskommen? wagte ich zu fragen, als wir dort einen Seitenpfad einſchlugen.

Durch die kleine Seitenpforte, antwortete ſie,den Schlüſſel dazu habe ich. War das nicht ein guter Gedanke? dort paſſirt Niemand, und wir können aus⸗ und eingehen, ſo oft wir wollen.

Aber die Hausthür wird doch gewiß nachher zugeſchloſſen? warf ich ein, indem ich meine Hand auf ihren Arm legte.

Darum ſorge weiter nicht, Mamie, ich zog vorhin den Schlüſſel heraus und warf ihn in die Büſche, auf die Weiſe kann Suſette heute nicht zuſchließen. Doch Du zitterſt ja ordentlich, Du wirſt mir doch nicht weiß machen wollen, daß Du Dich nicht freuteſt?

Nein, nein, Felicite, das wird ſich ſchon geben! Doch bedenke nur, was wollen wir anfangen, wenn wir ertappt werden?

Meine kleine Belgierin lächelte ſelbſtbewußt über meine Beſorgniſſe.Bah, Kind, ängſtige Dich nicht, weder Miß