Jahrgang 
1 (1879)
Seite
159
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Concordia.

nahm ihn gern ſo auf. Doch Felicite's Bemerkungen über unſere ſtrenge Hausordnung blieben nicht ohne Eindruck auf mich. Wie oft ſchon hatte ich mich im Stillen danach ge⸗ ſehnt, mir einmal ganz nach Gefallen die ſchöne, alterthüm⸗ liche Stadt und etwas von deren Sehenswürdigkeiten anſehen zu können! Vielfach ſchon hatte ich die Katholiken mit Neid betrachtet, die täglich Morgens mit Madame Gabeaux zur Meſſe gingen und alle Feſte und Prozeſſionen mitmachten, während wir daheim bleiben und Miß Little mit näſelnder Stimme einen langen Kommentar über ein Kapitel aus der Bibel vorleſen hören mußten; im glücklichſten Falle durften wir ein halbes Stündchen im Garten ſpazieren gehen. Felicite beſpöttelte ſogar mitunter meinen Glauben und for⸗ derte von mir, daß ich den auch bald aufgeben ſolle. Dieſes Alles hatte zur Folge, daß ich, die ich bisher dort ſo glück⸗ lich geweſen war, allmälig unzufrieden und ungeduldig wurde über die Einſchränkungen, denen ich mich doch nicht entziehen konnte.

Auf dieſe Weiſe bereitete mich der Einfluß Felicite's d'Alvan von Tag zu Tag mehr vor zu dem, was folgte, und bahnte mir den Weg, ihr bei ihren rebelliſchen Beſtreb⸗ ungen zur Seite zu ſein. Für ſie war dieſes Penſionat nicht ihr erſtes; unter dem Siegel der ſtrengſten Verſchwiegenheit hatte ſie mir anvertraut, daß ſie ſchon in Brüſſel ein ähn⸗ liches beſucht und dieſes nicht freiwillig verlaſſen hatte; eines unbedeutenden, lächerlichen Scherzes wegen, wie ſie ſich aus⸗ drückte, war ſie von dort weggejagt, ſie hatte jaweiter nichts verbrochen, als Briefe ihrer Anbeter empfangen und beant⸗ wortet. Das ſchien ihr durchaus ungerecht, und ſie erklärte es für unmöglich, ohne dergleichen leben zu können, es zeige aber deutlich, wie einfältig die Vorſteherin dort geweſen ſei. Die Eltern hätten ſie von dort weggenommen und nach Ant⸗ werpen gebracht; ſie band es mir aber wiederholt auf die Seele, gegen Niemanden von dieſer kleinen Affaire zu ſprechen, ſonſt käme ſie zu Ohren vonMees und Madame, und man würde ihr jede Gelegenheit zu ſolchen Scherzen, die nun ein⸗ mal ihr Lebensglück bedingten, abſchneiden. Mit offenen Ohren und Mund lauſchte ich dieſen vertraulichen Mittheil⸗ ungen. Ein Anbeter oder Liebhaber! Das Wort allein war für einen Backfiſch von fünfzehn Jahren ein ungekannter Be⸗ griff, es ſchien mir als etwas Unerreichbares im glück⸗ lichſten Falle nicht vor zwei Jahren. Felicite wußte ſchon mehr davon, und ich brannte vor Neugierde, Näheres zu er⸗ erfahren, wie groß der Anbeter geweſen ſei, wie er aus⸗ geſehen, wo ſie ihn geſehen, und mit welchen Worten er ihr ſeine Liebe erklärt habe. Auf alle dieſe Fragen antwortete meine welterfahrene Freundin nur mit einem mitleidigen Lächeln. Sie ſagte mir, wenn ich erſt in ihren Jahren ſei, würde mich das nicht mehr ſo intereſſiren. Ihr damaliger Anbeter ſei ein Engländer, hieße Ernſt Moore, und wenn⸗ gleich er ſehr ſchön geweſen, wie ſie ſich ausdrückte, tout ce qui Py a de plus beau, ſei er nur einer der vielen ge⸗ weſen und ſie halte von ihm nicht mehr wie von den übrigen. Dieſe Aeußerung hob ſie ſehr in meiner Achtung und ich be⸗ wunderte ſie noch mehr, als ſie hinzufügte, ſie hoffe nur, daß Keiner von ihnen ihr nach Antwerpen folgen würde. Es war gerade im Hochſommer, wo die Gartenfeſte ihren Anfang ge⸗ nommen hatten, auf unſeren Hin⸗ und Rückwegen von der Kirche ſahen wir immer die großen Ankündigungen der Kon⸗

zerte und Aufführungen, kein Wunder, daß unſere Sehnſucht immer größer wurde! Dazu kam noch, daß Miß Little und Madame Gabeaur faſt jeden Abend in Begleitung der Lehrer⸗ innen nach dem zeologiſchen Garten gingen und nie vor Mitternacht von da zurückkehrten. Unterdeſſen mußten wir mißvergnügter denn je zu Hauſe bleiben, mußten unſer Pen⸗ ſum für den folgenden Tag lernen und uns unter das Szepter einer untergeordneten deutſchen Lehrerin beugen, deren Hauptfunktion eigentlich nur die war, unſere Strümpfe zu ſtopfen und für Ruhe in der Klaſſe zu ſorgen.

Eines Morgens fühlte ich mich beſonders gelangweilt. Felicite hatte ſchon von früh an auf das Inſtitut und Alles, was damit zuſammenhing, geſcholten, und über Dreiviertel⸗ ſtunde hatten wir ſtillſchweigend einem langweiligen Vortrage von Miß Little über den Leviticus zuhören müſſen. Doch während ich verdroſſen dem Rufe der Frühſtücksglocke folgte und mich innerlich freute, daß es nur noch vier Wochen ſeien bis zum Anfang der Sommerferien, begegnete mir auf dem Gange meine Freundin, die eben aus dem Gottesdienſt heim⸗ kehrte, und zu meinem Staunen bemerkte ich eine auffallende Veränderung an ihr. Unwirſch und ſchlecht gelaunt war ſie von dannen gegangen und nun glühten ihre Wangen und ihre Augen glänzten und ſtrahlten vor heimlichem Vergnügen. Ich umfaßte ſie und drang in ſie, mir die Urſache mitzutheilen; ſie bat jedoch, ruhig und ſtill zu ſein, bis wir allein und un⸗ geſtört wären. Endlich kam der erſehnte Augenblick; während der Zwiſchenpauſe trafen wir uns in einer leeren Klaſſe und ich flog auf ſie zu.

Felicite, was iſt Dir paſſirt?

Mamie! antwortete ſie(ſie konnte es nämlich nicht ſo⸗ weit bringen, meinen barbariſchen Namen auszuſprechen; dazu, meinte ſie, gehöre ein Mund, der von einem Ohre bis zum anderen ginge, überhaupt war ſie in ihren Aeußerungen über meine Landsleute nie rückſichtsvoll),Mamie, willſt Du mir einen Liebesdienſt zuſagen? Und raſch wie eine Närrin ſagte ichJa, ohne die Wortewenn ich kann hinzuzufügen.So iſt's gut! rief ſie und ſchlug dabei in ihre Hände.Das iſt bei Euch Briten ein edler Zug; was Ihr zuſagt, haltet Ihr! Auf Dich, Mamie, kann ich mich ganz verlaſſen, ohne Dich hätte die arme Felicite auch hier kein Vergnügen! Was verlangſt Du denn von mir? fragte ich; ich fürchtete ſchon, zu viel geſagt zu haben.

Ach, es iſt nichts, eine reine Bagatelle! komm' näher mit Deinem Ohre, Mamie, die Wände ſelbſt dürfen uns nicht belauſchen. Es iſt weiter nichts, als daß wir Beide heute Abend nach dem zoologiſchen Garten gehen und dort das Kon⸗ zert hören!

Nach dem zoologiſchen Garten? rief ich, in meinem Er⸗ ſtaunen mich von ihr losreißend;aber wie denn, hat Madame uns die Erlaubniß gegeben?

Wie kannſt Du nur ſo etwas denken, Du kleine Einfalt? Läßt denn ein Gefangenwärter ſeine Sklaven heraus? Viel weniger darfſt Du dieſes von Mees und Madame für uns, ihre beiden beſten Schülerinnen, erwarten. Und noch dazu nach dem zoologiſchen Garten welche Idee!

Aber ich bitte Dich, Felicite, wie ſollten wir denn dahin kommen?

Ebenſo wie ich es in Brüſſel nicht einmal, ſondern zwan⸗ zigmal gemacht. Mamie, paß auf, durch Schlauheit bringen