Jahrgang 
1 (1879)
Seite
158
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158 Concordia.

ſammeln, bis wir wieder nach Antwerpen gingen. Nicht als ob ich in dieſer Zeit nichts vom Vetter Ulih geſehen hätte. Denn kaum war ich einige Tage in Orley, ſo kam er ſchon und ſpäter kam er noch oft; ich war überglücklich, als ich ihn wiederſah. Er ſchenkte mir auch einen kleinen munteren Pony, auf dem Jeſſy, Ellen und ich abwechſelnd ritten, und ſagte, daß er ſich ſehr gefreut hätte über meine guten Zeugniſſe und über die Fortſchritte, die ich gemacht; bei meinem Fortgehen gab er mir ſogar eine goldene Uhr, deren Beſitz mich ganz ſtolz machte. Von der Couſine Marcia ſah ich während der ganzen Zeit nichts, ich glaube auch kaum, daß ich nach ihr gefragt habe.

Meine zweite Studienzeit in Antwerpen verſtrich noch an⸗ genehmer als die erſte; gegen Ende derſelben war ich ſchon mit allen Regeln und Gewohnheiten der Schule bekannt und fühlte mich dort ganz zu Hauſe. Gelegentlich hatte ich auch ſchon meine Neigung zur Malerei zu erkennen ge⸗ geben, was meinen Lehrern eine beſondere Freude zu ſein ſchien.

Als ich zur Weihnachtszeit wieder nach Rockbury kam, war ich mehr als einen Viertelzoll gewachſen und hatte an Wiſſen ſehr profitirt. Da ſah ich ein, wie unartig ich früher gegen die Couſine geweſen war und wie ich das ganze Haus des Vetters auf den Kopf geſtellt, und nahm mir feſt vor, ſchon des lieben Vetters wegen mich zuſammenzunehmen und zu beſſern. Miß Ford kam mir ganz unbefangen entgegen, und von der vergangenen Zeit war keine Rede weiter; nach einigen Tagen ſchon ſchien ſie mir von den Fortſchritten, die ich gemacht, überzeugt zu ſein, denn ſie forderte mich mehrfach auf, mit ihr auszugehen, und nie kam ein unfreundliches Wort über ihre Lippen.

Doch Vetter Ulih ſchien mir in Rockbury zurückhaltender zu ſein, als er es in Oxley geweſen war. Um den wahren Grund dafür aufzufinden, war ich noch zu jung und wurde aufrichtig betrübt darüber.

Friedlich und fröhlich gingen die Ferien dahin, und gegen Ende derſelben, nachdem ich bei der Trennung vom Vetter herzlich geweint, wurde mir ſelbſt von der Couſine der Ab⸗ ſchied ſchwer; wenngleich ſie ſich nie ſoweit gehen ließ, ſo freundlich wie der Vetter gegen mich zu ſein, ſo beleidigte ſie mich doch auch nie mehr durch Worte oder Winke, und wir vertrugen uns vortrefflich, obſchon wir durchaus nicht immer gleicher Meinung waren. Aehnlich verſtrichen auch die folgenden zwölf Monate, während der ich zweimal in Rockbury war; immer ſchwerer wurde mir der Abſchied von dort und immer größer die Sehnſucht dahin.

Wiederum kehrte der Frühling in's Land zurück, und zwar derjenige, in dem ich meinen fünfzehnten Geburtstag feierte, und als ich dieſes Mal mit den Bertram's in Antwerpen eintraf, fanden wir, daß ſich, wie gewöhnlich, Mancherlei dort verändert; mehrere unſerer Genoſſinnen waren abgereiſt und zehn bis zwölf Neue in ihre Plätze getreten. Unter dieſen war Eine, die in meinem folgenden Leben eine beſonders her⸗ vorragende Rolle ſpielt, darum will ich ſie nur gleich er⸗ wähnen; ſie hieß Felicite d'Alvan. Gleich vom erſten Augen⸗ blick unſerer Bekanntſchaft an fühlten wir Beide uns zu einander hingezogen. Eine intime Freundſchaft hatte ich bis dahin mit keiner der fremden Mitpenſionärinnen geſchloſſen; wenn ſie auch heiter und amüſant waren, bemerkte ich doch

oft bei ihnen Mangel an Zartgefühl und Wahrheitsliebe und hielt mich fern von ihnen. Felicite brauchte man aber nur anzuſehen, um von ihrer Treuherzigkeit überzeugt zu ſein. Von Geburt war ſie eine Belgierin, ihre Figur war nur klein, doch voll, ſie hatte köſtliches blondes Haar und große blaue Augen, welche für gewöhnlich unſchuldig wie Kinderaugen aus⸗ ſahen, ſobald ſie aber heiter und angeregt wurde, hatten ſie einen Ausdruck, der bezauberud war. Sie war zwei Jahre älter als ich, doch es ſchien, als ob wir zuſammen gehörten, und unſere gegenſeitige Zuneigung nahm bei näherer Bekannt⸗ ſchaft immer mehr zu.

Mich entzückte Felicite wahrhaft. Ich hatte ja auch die Bertram's, doch bei aller ihrer Gutmüthigkeit waren ſie als beſtändige Genoſſinnen ſehr langweilig; Felicite aber war ſtets voll Witz und voll von komiſchen Geſchichten, und ſie plauderte mit ihrem richtigen, geſunden Urtheile wie eine Weltdame über Alles, was in und außerhalb der Penſion paſſirte. In den Wiſſenſchaften war ſie mir trotz der zwei Jahre eben nicht voraus; dieſer Umſtand trug jedoch nur dazu bei, uns näherzubringen und unſere gegenſeitige Zu⸗ neigung zu erhöhen. Die Gegenwart Felicite's gab meinen Unterrichtsſtunden einen Reiz, den ich früher nicht gekannt, und bei Allem mußte ich ihre Vertraute und Begleiterin ſein nach Monatsfriſt ſchon waren wir die intimſten Freundinnen.

Dieſe Freundſchaft erwies ſich aber nicht als ein Glück für mich. Felicite war mir nicht allein an Jahren voraus, ſondern auch an Geiſt, ungeachtet ihrer mangelhaften Aus⸗ bildung, und bald wußte ſie es dahin zu bringen, daß ich ihr gänzlich unterthänig war; jede Anweiſung von ihr ſah ich an wie ein Evangelium, ihr Anſtand und ihre Erziehung ſchienen mir fein und vollendet, und ich rechnete es ihr hoch an, daß ſie mich ihrer Freundſchaft würdigte. Dankbarkeit und Verehrung feſſelten mich ſo an ſie, daß ich völlig ihre Sklavin wurde und daß ſie mich benutzen konnte, wozu ſie wollte. Sehr bald bemerkte ich, daß die Einrichtungen in unſerem Inſtitut nicht ganz nach dem Geſchmack meiner neuen Freundin waren. Sie verſicherte, nie ſo alberne Geſetze gekannt zu haben, wie die darin herrſchenden, ſie hätte erwartet, in eine anſtändige Penſion zu kommen, und nicht in ein Kloſter. Sonderbar ſchien es mir nun auch, daß man uns nie ge⸗ ſtattete, außerhalb der Ringmauer zu gehen, als höchſtens zur Kirche, und daß wir nicht einmal durch die Stadt gehen durften. Sie glaubte mir nicht, als ich ihr allen Ernſtes erzählte, daß ich noch nie die Kathedrale, das Muſeum und die St. Paulskirche geſehen, daß ich nun ſchon zwei Jahre in Antwerpen war, ohne den zoologiſchen Garten beſucht zu haben, und daß ich die Straßen, durch die wir zur Kirche gingen, nicht einmal dem Namen nach kannte. Ja, es war unglaublich! Felieite hatte nur Geringſchätzung für ſolche junge Mädchen, die ſo wenig Hang zu Abenteuern und ſo wenig Geiſt hatten, wie unſere Mitpenſionärinnen. Was konnte man ihrer Anſicht nach von Deutſchen und Holländer⸗ innen erwarten(über letztere äußerte ſie ſich ſehr wenig

ſchmeichelhaft), und gar über Engländerinnen! Dabei machte

ſie mir das Kompliment, noch nie eine Landsmännin von mir getroffen zu haben, die ſo vielChic hätte, wie ich. Wenngleich mir der AusdruckChic nicht recht verſtändlich war, fühlte ich doch, daß er ein Kompliment enthielt, und