Jahrgang 
1 (1879)
Seite
157
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Concordia. 157

Umgebung war mir ſo neu und ſo intereſſant; dazu wurde ich ſehr bald bekannt und geſucht, denn die wirklich liberale Art, wie ich ausgerüſtet war, und die Verabredungen, die über meine Behandlung und Ausbildung getroffen waren, hatten einen magiſchen Eindruck auf meine Mitſchülerinnen gemacht, ſodaß ſchon vor Ablauf weniger Tage alle Freund⸗ ſchaft mit mir ſchließen wollten und ich mit meinem dummen, leeren Kopf zwiſchen ihnen ſaß wie eine Königin ich arme, ungebildete Seele! Schulmädchen ſind faſt immer kleine Kröten; es gab aber Niemanden, der überhebender hätte ſein können als ich, die von Allen auserkorene Favoritin! Woher es wohl kam, daß mir in Nr. 40 der Kapuzinerſtraße dieſe Rolle zuſiel, weiß ich wirklich nicht zu ſagen, möglicherweiſe kam es von der großartigen Ausrüſtung, mit der der Vetter mich ver⸗ ſehen, vielleicht auch von dem Gerücht, das mir voranging, daß ich die Erbin irgend eines großen engliſchen Mylords ſei. Gleichviel, es hatte zur Folge, daß ich ſehr bald mit all' den Mädchen in der Klaſſe bekannt wurde und ſo ganz über die Unannehmlichkeiten hinwegkam, die Neulinge in großen Pen⸗ ſionen in der Regel durchzumachen haben.

Daspensionat de demoiselles der Miß Little und Madame Gabeaux war, wie man ſich leicht vorſtellen kann, ſehr gemiſcht; darin waren Katholiken und Proteſtanten. Unter Letzteren waren die meiſten Engländerinnen, und bei dieſen fand ich die beſte Vildung und die feinſte Erziehung. Die gute, ſimple Mrs. Bertram(von der ich ſpäter hörte, daß ſie meinem Vormund dieſe Schule ſo beſonders anempfohlen hatte) und der gute Vetter Ulih, der ganz von ſeinen Ge⸗ ſchäften in Anſpruch genommen war, hatten wahrſcheinlich nie erfahren, daß in den erſten Familien Frankreichs, Belgiens und Deutſchlands die Töchter faſt ausſchließlich im elterlichen Hauſe oder in Klöſtern erzogen und ausgebildet werden, und daß es dort nicht mit der Würde übereinſtimmend gefunden wird, ſie nach ſolchen Penſionaten zu ſchicken. So erklärt es ſich, daß die jungen Damen, die die Engländerinnen dort finden und von denen ſie die franzöſiſche Sprache erlernen, meiſtentheils aus Handlungshäuſern und Familien der mitt⸗ leren Klaſſen ſtammen. Meine ſpäteren, eigenen Erfahrungen gaben mir ein Recht zu dieſer Behauptung.

Das Inſtitut, in das ich trat, war keine Ausnahme von der Regel. Das Gebäude ſelbſt war ſehr geräumig und ausgedehnt. In früherer Zeit war es ein Kloſter geweſen, es lag inmitten eines großen Gartens, um den eine hohe Mauer führte; dieſer Garten war unſer Haupttummelplatz, und mit Ausnahme der Gänge zur Kirche, hatten wir ſelten Gelegenheit, hinauszukommen. Die Zahl der Zöglinge war nahe an hundert, dazu kamen noch die vielen Hoſpitantinnen, wie wir die jungen Mädchen nannten, die aus der Stadt regelmäßig zum Unterricht kamen. Faſt alle Länder von Europa waren unter jenen vertreten, England allein lieferte etwa zwanzig. Dort gab es vierſchrötige, häßliche Holländer⸗ innen, gutmüthige, einfache Deutſche, blauäugige, ſorgloſe Belgierinnen und ſchmachtende, dunkle Franzöſinnen. Waren wir auch Alle ſtets gleich angezogen, ſo bildeten wir doch ein auffallendes Gemiſch, wenn wir in den Klaſſenſtuben oder im Garten vereint waren. Unſer Anzug war einfach und ge⸗ ſchmackvoll; an den Wochentagen trugen wir ſchwarze Alpacca⸗ Kleider und ein breites Band vor der Bruſt, worauf die Klaſſennummer ſtand, Sonntags ſchwarzſeidene Kleider mit

weißen Schleifen auf den Schultern, dazu kleine ſchwarze Hüte mit gefaltetem Bande und außerdem im Winter ſchwarze Tuchmäntel, die bis auf die Füße reichten. Für Eitelkeit hatten wir im Anzuge auf dieſe Weiſe kein weites Feld, doch ſtudirten wir darauf, unſere Schleifen zu binden und unſere Haare phantaſtiſch zu tragen; die Eitelkeit weiß ſich immer im Geheimen zu entſchädigen, wenn ſie auch öffentlich noch ſo ſehr im Zaume gehalten wird. Unſere Freiheit war ſehr ein⸗ geſchränkt, mir wenigſtens ſchien dieſes ſo in der Erinnerung an meine Vergangenheit in Saltpool. Die ganze Schulplan war wohl von Miß Little und Madame Gabeaux gemein⸗ ſchaftlich entworfen und vereinigte in ſich viel von der Frei⸗ ſinnigkeit der engliſchen Inſtitute ähnlicher Art und von der Beſchränkung anderer. Während für unſere Verpflegung ſehr gut und für verſchiedene andere Annehmlichkeiten vor⸗ trefflich geſorgt war, war uns die Zeit, in der wir ohne ſpezielle Aufſicht waren, doch nur ſehr karg zugemeſſen. Dieſe Beſchränkung, die immer für nothwendig erachtet wird, mag wohl viel Gutes haben, doch in den meiſten Fällen regt ſie den Wunſch an, durch kleine Betrügereien die Ueberwachung zu umgehen. Man ließ uns nie allein, es ſei denn, daß ſich eine der Unterlehrerinnen eine Nachläſſigkeit zu Schulden kommen ließ, und Manche unter uns ſuchten etwas darin und waren unermüdlich in ihren Beſtrebungen, dieſe unter⸗ geordneten Perſönlichkeiten zur Untreue zu bereden. Der ganze Unterricht wurde geleitet, wie es gewöhnlich bei öffentlichen Schulen der Fall iſt, er war auch gewiß ſehr gut; wem es jedoch bei ſeinem Eintritt an einer gründlichen Vorbildung fehlt, wie es bei mir zum Beiſpiel der Fall war, der iſt immer in einer ſchlimmen Lage. Ein Lehrer folgte dem anderen und eine Dame der anderen auf dem Katheder in der großen Klaſſenſtube. So ging es Tag für Tag, und in den erſten Wochen kam ich aus dem Erröthen gar nicht heraus, ſo oft mir Fragen vorgelegt wurden, bis endlich eine meiner Mitſchülerinnen mir zu Hilfe kam, indem ſie erklärte, ich ver⸗ ſtände die franzöſiſche Sprache, in der der Unterricht ertheilt, wurde, noch gar nicht. Jetzt erſt wurde mir Alles klar; allein ich verlor darum nicht den Muth. Ehrgeizig und dabei leicht, auffaſſend, lernte ich bald ſoviel im Franzöſiſchen, daß ich meine Studien darin verſuchen konnte, und als ich erſt den Anfang überwunden, ging es raſch vorwärts. Die gütige Mutter Natur hatte mich mit einer köſtlichen Geſundheit und mit einem kräftigen, regen Geiſt ausgerüſtet, dazu war ich ja in dem Alter, wo das Lernen keine Laſt iſt; wenn ich einen guten Platz oder eine günſtige Cenſur erreicht, war ich über⸗ glücklich und hatte ſelbſt die größte Freude über meine Fort⸗ ſchritte. Ja im Auguſt, als es hieß, ich ſollte mit den Bertram's in die Ferien reiſen, wäre ich faſt betrübt geweſen, wenn nicht die Ausſicht auf das Wiederſehen mit dem Vetter Ulih mich belebt hätte..

Welche Ueberraſchung harrte meiner! Ich ſollte meine Ferienzeit nicht in Rockbury, ſondern auf dem Lande in einem Orte, der Orley hieß, in der Familie von Jeſſy und Ellen Bertram hinbringen! Anfänglich betrübte mich dieſes, doch bald freute ich mich darüber, denn die Bertram's waren ſehr liebenswürdig und gegen mich ſo freundlich und heszlich, als ob ich ganz zu ihnen gehörte, ſie gaben mir während der ganzen ſechs Wochen volle Freiheit, mit meinen Schulfreund⸗ innen durch Felder und Wieſen zu laufen und Blumen zu