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daß ihr Bruder Petronel ſelbſt fortbrachte, war aber doch herzlich froh, ihre Rivalin los zu ſein; ſie hatte das ſchönſte Diner für Ulih zubereitet und empfing ihn mit dem hold⸗ ſeligſten Lächeln. Doch weder ihr Diner noch ihr Lächeln konnten ihm an dem Abend ſeiner Rückkehr ſein Haus wohnlich und traulich machen. Er rührte kaum die ihm vorgeſetzten Delikateſſen an, war ſchweigſam und zog ſich ſehr bald nach ſeiner Stube zurück, und als Wheeler ihn zum Kaffee rufen wollte, fand er zu ſeinem Erſtaunen die Stube— leer.
Am anderen Tage äußerte Miß Marcia gegen ihre Buſen⸗ freundin, Miß Mathilda Upjohn, er ſei ausgegangen, ohne ihr nur ein Wort darüber zu ſagen, wohin er wolle, noch darüber, wie ſeine Reiſe ausgefallen ſei, obſchon er wiſſe, welch' lebhaftes Intereſſe ſie für die arme Petronel habe und wie gern ſie Näheres über die Reiſe gehört hätte.„Die Männer ſind ein ſonderbares Volk!“ ſchloß ſie.„Je mehr ich davon ſehe, um ſo froher bin ich, ſie mir ferngehalten zu haben. Ein Bruder ſchon vermag es, unſer Leben zu trüben, was hätte man nun gar in der Ehe erleben können!“
„Nun, das weiß ich nicht!“ gab Miß Mathilda Upjohn zur Antwort.„Ein Jedes von uns hat nun einmal in dieſer Welt ſein Kreuz zu tragen, und ich fände es feige, wenn wir uns dagegen ſträuben wollten.“
Dieſe Bemerkung war ſehr freimüthig, doch ganz aus ihrer Seele geſprochen, denn nimmer würde Miß Mathilda vor dem Kreuz zurückgeſchreckt ſein, wenn dieſes ſich ihr in Form eines Ehebündniſſes dargeboten hätte.
Miß Ford's rührende Theilnahme für Petronel ſollte nicht befriedigt werden. Ulih ſprach nie von dieſer, obgleich es Marcia nicht entging, daß er wöchentlich zweimal Briefe von Antwerpen erhielt, die ſehr mangelhaft geſchrieben und mit Tintenflecken beſchmuzt waren; er beſchränkte überhaupt ſein Zuſammenſein mit der Schweſter auf's Aeußerſte. Nie in ſeinem Leben vorher ſchien er ſo viel Geſchäfte gehabt zu haben als gerade jetzt, und nie ſo wenig Zeit für ſie und für ſein Haus; ihre Klagen darüber gegen Pinner und andere mitleidige Freundinnen wurden täglich lauter.
Mitunter warf ſie ſogar die Frage auf, ob ihre Häuslich⸗ keit nicht gemüthlicher geweſen wäre, als Ciſſy Fleming's Tochter noch den Cirkel vergrößert, trotz deren widerwärtiger Perſönlichkeit!
10. Kapitel. Petronel's Tagebuch.
In die genaueren Details über die erſte Zeit meines neuen Lebensabſchnittes einzugehen, ſcheint mir überflüſſig; die folgende brachte Erlebniſſe mit ſich, die von bedeutendem Einfluß auf mich waren und deren Mittheilung viel Platz erfordert, daher werde ich deſſen, was mir in den erſten beiden Jahren paſſirte, nur kurz Erwähnung thun.
Am Morgen nach dem verhängnißvollen Tage fand ich, daß Miß Penfold ein- für allemal entlaſſen und daß die gewaltſam erzwungene Macht und Gewalt der Couſine Marcia über mich in ſchweigſame Kälte herabgeſtimmt war; offenbar bewegte ſich am Horizont meines Geſchickes irgend eine wich⸗ tige Veränderung herauf. In wenigen Tagen ſchon erfuhr ich dieſe; der Vetter Ulih hatte beſchloſſen, mich nach einer Schule zu ſchicken. Mich ſtimmte dieſe Nachricht keineswegs
trübe, und faſt wollte es mir ſcheinen, daß dieſes den Vetter etwas verdroß. Doch ich hatte wahre Angſt davor gehabt, daß möglicherweiſe eine andere Gouvernante engagirt werden könnte und daß dann die Quälereien in der Vorſtube der Couſine von Neuem anfingen. So begrüßte ich denn die Ausſicht auf neue Szenen und junge Freundinnen mit Freuden und zeigte dieſes offen, ſelbſt dann noch, als ich hörte, daß ich nach einer fernen Stadt, die Antwerpen hieß, geſchickt werden ſollte, und daß ich, um dahin zu gelangen, den Kanal paſſiren müßte. Trennungen und Entfernungen kannte ich eigentlich nur dem Namen nach, und in dem Lande, das ich nun für längere Zeit verlaſſen ſollte, hatte ich nur ſehr wenig, das mir an's Herz gewachſen war. Vetter Ulih war das einzige Weſen, das ich liebte; doch der Schmerz der Trennung von ihm wurde durch die Freude über den Beſuch eines frem⸗ den Landes aufgewogen. Ich bildete mir dieſes zum wenigſten ein, bis der Augenblick unſeres Scheidens herankam; da aber empfand ich den Trennungsſchmerz mit aller Tiefe, ebenſo wie damals, als meine Mutter ſtarb. Der Vetter brachte mich ſelbſt hin nach Antwerpen. Wenn ich jetzt daran zurückdenke, daß ein Mann wie er, der ſo berühmt und überhäuft mit Geſchäften war, es der Mühe werth hielt, einem Kinde, das er ſo wenig kannte, Zeit und Mühe zuzuwenden, ſo ſetzt es mich wahrhaft in Erſtaunen, während es mir damals ſelbſt⸗ verſtändlich erſchien. Als ich aber ſah, mit welcher Aufmerk⸗ ſamkeit und Liebe er während der ganzen Fahrt auf dem Dampfſchiffe und in der Eiſenbahn für mich ſorgte, wurde es mir jedoch erſt recht klar, was ich an ihm verlieren würde, und als er endlich von mir ſchied und mich der vereinten Fürſorge einer langen hageren Engländerin mit aſchgrauen Haaren, die Miß Little hieß, und einer kleinen korpulenten, vergnüglich ausſehenden Belgierin, Namens Madame Gabeaux, übergab, brach ich in Thränen aus, fiel ihm um den Hals und bat ihn flehentlich, mich wieder mit ſich nach Rockbury zu nehmen. Doch freundlich, aber feſt ſetzte er mir aus⸗ einander, warum er den Aufenthalt in der Penſion für mich für's Beſte hielt, verſuchte noch, mich durch die Ausſicht auf die Ferien aufzurichten, und nahm dann raſch Abſchied. An⸗ fänglich war ich für jeden Troſt unzugänglich. Der Vetter Ulih hatte mich beim Fortgehen noch mit einem gefüllten Portemonnaie beſchenkt und mit anderen hübſchen Geſchenken überhäuft, ich wurde auch ſofort mit zwei niedlichen jungen Landsmänninnen, die Jeſſy und Ellen Bertram hießen und Schweſtern waren von einem Herrn, den ich öfter in Rockbury geſehen hatte, bekannt gemacht, um Freundſchaft mit ihnen zu ſchließen— doch das Alles konnte mich nicht tröſten. Mir fehlte der Vetter Ulih, und ich hatte eine unnennbare Sehn⸗ ſucht, ſeine liebe ſtarke Hand zu ergreifen und in ſein treues, offenes Auge zu ſehen, und es war mir zu Muthe, als ob dieſes nie und nimmer wieder geſchehen ſollte. Kaum hatte ſich die Thür hinter ihm geſchloſſen, ſo hielt ich die Hände vor die Augen und weinte bitterlich. Weder die beiden Vor⸗ ſteherinnen noch meine Mitſchülerinnen vermochten mich zu beruhigen; endlich hielt man es für das Angemeſſenſte, mich zu Bett zu bringen, damit ich mich im Schlafe von den An⸗ ſtrengungen der Reiſe und der Aufregung erhole. Am anderen Morgen ſchon trat eine Reaktion bei mir ein, und meine Heiterkeit drang bald wieder durch, die Jugend bannt ja ſo gern nur ſchnell Sorg' und Leid! Meine ganze


