54 Concordia.
„Sie erſchrecken mich förmlich, Wellmann; ich habe ſtets einen eigenthümlichen Widerwillen gegen den Mann em⸗ pfunden!“
„Ihr Gefühl trog nicht—!“ hegann Wellmann, doch Frau Römer ward eilig abgerufen und verließ die Gruppe.
„Nun, Eduard?“ ſagte Klara, während Beide einen raſchen Händedruck wechſelten.
„Noch nichts, Klärchen!“ erwiderte der junge Mann,„es fand ſich heute keine paſſende Gelegenheit, und als ich trotz⸗ dem mir für eigene Angelegenheiten Gehör erbat, vertröſtete mich der Vater auf heute Abend!“
„Gut alſo!“ ſagte Klara,„ich muß Ihnen etwas anver⸗ trauen— aber—“
Klara legte den feinen Zeigefinger ihrer Hand auf die friſchen, rothen Lippen. Wellmann ergriff die Hand und führte den zarten Finger an den eigenen Mund, um ihn zu küſſen.
„Der wäre an die richtige Adreſſe gelangt,“ ſagte er lächelnd,„er wird die Stelle eines Siegels vertreten!“
„So war es nicht gemeint, mein Herr!“ rief Klara; „doch wir müſſen ernſthaft ſprechen.— Dieſer Falk hat ge⸗ wagt—“
„Ah, Sie wiſſen, Klärchen?“
„Und Sie auch?“
„Ich kannte ſchon geſtern die Abſicht des Herrn, und des⸗ halb mein Entſchluß!“
„Ah, das Billet!“ rief Klara,„jetzt begreife ich—“
„Ganz richtig. Das Billet hatte überhaupt ſeine böſe Bedeutung, die ſich jedoch hoffentlich für uns zum Guten wenden wird. Aber Klärchen, wir werden uns heute Abend ſchwerlich noch ſprechen, nachdem ich dem Vater mein An⸗ liegen vorgetragen; ich habe noch einen ſchweren Weg zu machen, von dem ich wohl erſt nach Mitternacht zurückkehren dürfte!“
„Das hört ſich ja ſehr ernſthaft an— darf man denn nicht wiſſen—“
„Ja, wenn ich überzeugt wäre, daß mein Klärchen auch—“
Wellmann legte ebenfalls den Finger auf den Mund.
„Ach, ſo iſt es gemeint!“ rief Klara und gab ihm einen leichten Schlag auf die Hand.
„Nein, nein, im Ernſte, Klärchen—!“
Die nach dem Flur zu gelegene Saalthür ward geöffnet und die erſten Gäſte erſchienen. Klärchen mußte ihren Pflich⸗ ten als Gehilfin und Stellvertreterin der Hausfrau nach⸗ kommen.
„Auf morgen denn, Eduard!“ ſagte ſie flüchtig und eilte:
den Fremden entgegen.
Wellmann zog ſich etwas verdroſſen in ein Fenſter zurück.
Es erſchienen jetzt ſchnell nacheinander eine Anzahl Gäſte, welche von Frau Römer und Klara, zu denen ſich bald auch noch die Tante und Fräulein Hartmann geſellten, empfangen wurden. Endlich betrat auch der Bankier den Saal und zeigte ſich zur Verwunderung aller Anweſenden in ganz an⸗ derem Lichte wie gewöhnlich.
Römer ſcherzte mit den Herren und machte den Damen Komplimente; er war nicht nur geſprächig, ſondern lachte auch viel, ſichtlich ohne Zwang. Was aber noch mehr als dies auf⸗ fiel, war der Umſtand, daß er ſich auch im Genuſſe von Speiſen und Getränken, nicht wie ſonſt, einen Zwang auflegte oder Ent⸗
haltſamkeit beobachtete. Natürlich ward er dadurch längere Zeit hindurch Gegenſtand der allgemeinen Aufmerkſamkeit, was ihn ſchließlich zu der Erklärung veranlaßte, daß er ſich einer ſolchen Huldigung durch die Flucht zu entziehen ſuchen müſſe. Er gab Wellmann einen Wink und that wirklich, wie er angedroht hatte. In einem nur matt erleuchteten Neben⸗ zimmer traf er mit dem Prokuriſten zuſammen und Beide nahmen, nach Römer's Aufforderung dazu an Wellmann, auf dem Sopha Platz.
„So, nun wollen wir plaudern!“ begann der Bankier; „haben Sie aber noch ein Bedürfniß in Bezug auf Speiſe und Trank, ſo laſſen Sie ſich vorher kommen, wonach Ihr Herz ſich ſehnt!“
Wellmann lehnte dankend ab.
„Meißner hat ſich heute im Komptoir nicht blicken laſſen?“ fragte Römer.
„Nein, Herr Römer!“ erwiderte Wellmann.
„Natürlich, er hat ſeine Aufgabe erfüllt. Denken Sie nur, dieſer Amtmann Buchholz hat ſich mir gegenüber eben⸗ falls als Agent Falk's entpuppt. Sie hatten recht, Meißner iſt ein Schurke. Der ganze Handel war recht nett eingeleitet, nur hat ſich der Herr Kommerzienrath ſelbſt dabei in den Finger geſchnitten; er hat das Reugeld und die Koſten des Vertrages verloren!“
„Dennoch muß ich mir zu bemerken erlauben, Herr Römer,“ erwiderte Wellmann,„daß die gelegte Mine, wenn ſie nicht übereilt zum Explodiren gebracht wurde, gefährlich werden konnte!“
„Ja, das konnte ſie,“ ſagte Römer nachdenklich,„aber man muß ſich auch ein wenig auf das Glück ſtützen, und dieſe Stütze hat ſich diesmal bewährt. Alſo dieſer Menſch, der Paul, hat ſich noch ſolche Ausſchreitungen zu Schulden konnmen laſſen; das hätte ich nicht geglaubt!“
„Sein ganzes Weſen und Benehmen, ebenſo ſeine Aeußer⸗
ungen,“ antwortete Wellmann,„machten den Eindruck eines Irrſinnigen. Die bei ihm gefundenen Werthpapiere belaufen ſich auf ungefähr fünfzehntauſend Thaler!“
„Das iſt viel— ſehr viel!“ ſagte Römer,„wenn man auch annimmt, daß in dieſer Summe der ihm von Falk ge⸗ zahlte Verrätherlohn ſteckt. Apropos, von Falk zu ſprechen, Ihnen kann und darf ich es ſagen. Der Kampf zwiſchen uns iſt noch nicht zu Ende, er wird auf Leben und Tod geführt werden müſſen, und für mich iſt die Looſung: vernichteſt du ihn nicht, ſo vernichtet er dich. Falk iſt zu Allem fähig, und wenn das Gerücht, von welchem Sie heute geſprochen, auf Wahrheit baſirt iſt, ſo iſt er nicht allein eine Verbrechernatur, ſondern bereits ein wirklicher Verbrecher!“
„Ich werde ſehr bald in der Lage ſein, Ihnen darüber Gewiſſes mittheilen zu können, Herr Römer!“ entgegnete Well⸗ mann,„der Zufall hat mir den Menſchen, von dem ich heute bereits geſprochen, wieder zugeführt; ich werde ihn heute noch ſehen und ſprechen!“
Der Bankier ergriff den Arm Wellmann's mit einer Heftig⸗ keit, daß dieſer faſt erſchrak.
„Wenn Sie das könnten!“ rief er lebhaft,„ſparen Sie nichts, um zum Ziele zu gelangen. Seit ich Falk's Billet in Händen habe, bin ich überzeugt, daß er dem früheren Depeſchen⸗ ſchwindel nicht fremd geweſen und daß der Entreprenneur des früheren Handels auch bei dem gegenwärtigen Verſteckſpiel be⸗
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