en
—
———
—,—
Concordia. 153
gedeulet, nicht die Tante, zu der jener Herr ſein Auge erhoben, ſondern— doch ich wünſche, daß Ihr dies für Euch behaltet — Du ſelbſt, mein Kind!“
„Unſer Klärchen?!“ rief Frau Römer verwundert.
„Ich—! Der Abſcheuliche!“ ſtieß Klara heftig hervor.
„Habe ich recht gethan, ihn abzuweiſen?“ fragte Römer lachend.
Mutter und Tochter antworteten nicht gleich.
„Ei, ei,“ meinte Römer,„das ſieht ja faſt wie Kummer um den verlorenen Freiwerber aus! Doch laſſen wir jetzt die Sache auf ſich beruhen, ich höre die beiden Damen zurück⸗ kommen!“
Fräulein Hartmann und Tante Amalie betraten das Zimmer wieder und Letztere hatte— ein ſchwarzes Kleid über⸗ geworfen; ſittſam und züchtig nahm ſie, ohne die Augen auf⸗ zuſchlagen, von Neuem Platz am Tiſche. Die übrigen Per⸗ ſonen lächelten und warfen ſich Blicke des Einverſtändniſſes zu. Doch machte Niemand eine Anſpielung— nicht einmal Klaza zeigte Neigung dazu. Sie hatte in dieſem Augenblicke auch wirklich genug mit der vom Vater zuletzt gemachten Er⸗ öſſnung zu thun und kümmerte ſich daher kaum um die Tante.
Römer erklärte hiernach bald, in das Komptoir zu müſſen, und entfernte ſich demnächſt. Ueber ſeine Beſtimmung in Be⸗ treff des Dieners hatte er geſchwiegen. Wahrſcheinlich glaubte er, daß die Verhaftung deſſelben ſo geräuſchlos ausgeführt werden könnte und würde, wie er es wünſchte. Doch dies verhinderte der gute Paul ſelbſt. Er mußte ſich, trotz der von ihm verübten Nichtsnutzigkeiten, ſehr ſicher fühlen, und des⸗ halb überraſchte ihn der gegen ihn ausgeführte Coup um ſo mehr. Die natürliche Folge dieſer Ueberraſchung war Faſſungs⸗ loſigkeit und eine von der Verzweiflung eingegebene Gegen⸗ wehr, welche einen heftigen Kampf zwiſchen ihm und den Ver⸗ tretern des Geſetzes hervorrief.
In dieſem Kampfe unterlag der verwöhnte Diener aller⸗ dings; aber während deſſelben hatte er Anſchuldigungen gegen ſeinen Herrn ausgeſtoßen, welche die Beamten, von denen er bewältigt wurde, in Erſtaunen ſetzten, auf die man jedoch gerade ihrer Ungeheuerlichkeit wegen vorläufig kein Gewicht zu legen ſchien.
Doch dies nur nebenbei. Paul's Widefſetzlichkeit ließ ſeine Verhaftung im Hauſe bekannt werden und bei Tiſche ſah ſich Römer wegen dieſes Vorfalles von ſeinen verwunderten Angehörigen befragt.
Paul hatte ſich keiner Sympathien bei den Mitgliedern der Familie des Bankiers zu erfreuen. Er hatte im Gegen⸗ theil ſchon ſeit zehn Jahren Alles nur Mögliche gethan, jede Perſon im Hauſe zu chikaniren oder zu verletzen und einige Jahre hindurch ſogar den Haustyrannen geſpielt, bis ihn Wellmann's determinirtes Auftreten wieder einigermaßen in ſeine Schranken wies. Man war daher auch weit entfernt, Theilnahme mit ſeinem Geſchick zu empfinden; dennoch machte es einen höchſt peinlichen Eindruck, zu wiſſen, daß ein lang⸗ jähriger Hausgenoſſe ſich als ſtrafwürdiger Verbrecher im Ge⸗ fängniß befand.
Doch Römer erklärte beſtimmt, ſeine guten Gründe zu haben, ſo wie es geſchehen, zu handeln, und damit war denn die Angelegenheit bei Tiſche erledigt. Im Uebrigen war der Bankier auch bei Tafel ganz derſelbe wie vorhin, und dies trug ebenfalls dazu bei, jenen unliebſamen Fall in Vergeſſen⸗
—
heit zu bringen. Die kurze Zeit, welche nach Tiſche den Damen noch zur Verfügung ſtand, ward wiederum von den Vorbereitungen zum Feſte in Anſpruch genommen, weshalb⸗ des Dieners während derſelben auch nicht weiter gedacht wurde.
Römer erſchien zwar, nachdem er geſpeiſt hatte, auf kurze Zeit im Komptoir, vermied jedoch, mit Wellmann ein Geſpräch anzuknüpfen. Die Kollegen des Letzteren beendeten ihre Ar⸗ beit wie gewöhnlich um fünf Uhr und verließen das Lokal. Dies hatte Wellmann nur abgewartet, um ebenfalls zu ſchließen. Er ging nicht erſt in ſeine Wohnung, ſondern be⸗ gab ſich ſofort in den Geſellſchaftsſaal, wo er, wie von ihm vorausgeſetzt worden, Frau Römer und Klärchen bereits vor⸗ fand.
„Gut, daß Sie kommen, lieber Wellmann!“ ſagte Frau Römer lebhaft,„ich habe mich ſchon recht geſehnt, Sie zu
ſprechen. Sagen Sie, Beſter, was geht mit meinem Manne vor, oder was iſt mit ihm vorgegangen? Iſt ſeine Um⸗
wandlung als ein günſtiges Zeichen zu betrachten oder nicht? Hat ein frendiges oder ein unangenehmes Ereigniß ſeine völlige Umſtimmung bewirkt?“
„Ob Freude oder ob Verdruß den Haupihebel zum Um⸗ ſchwunge in der Gemüthsverfaſſung des Herrn Römer bildet, verehrte Frau,“ erwiderte der Prokuriſt,„vermag ich ſelbſt nicht zu beurtheilen, jedenfalls hat ein von ihm geſaßter, männlicher Entſchluß ſeinen ſonſt ſtets gereizten Nerven momentan eine hohe Spannkraft verliehen. Es ſoll das unter Umſtänden möglich ſein, und es wäre nur zu wünſchen, daß dieſer Zuſtand dauernd würde!“
„Das gebe der Himmel!“ antwortete Frau Römer,„und ich glaubte den Grund zu ſeiner Veränderrng in einem guten Geſchäft ſuchen zu müſſen!“
„Aehnliches liegt auch vor, Frau Römer!“ meinte Well⸗ mann lächelnd,„und Eins kommt zum Anderen. Doch iſt Jenes eben ein Geſchäftsgeheimniß, über welches ich mich nicht näher ausſprechen darf.“
„O— ich will Sie auch nach jener Richtung hin nicht ausforſchen, lieber Wellmann. Ich begreife wohl den Bruch mit Falk, doch daß ſich mein Mann endlich entſchloſſen, den Paul von ſich zu laſſen, um zugleich ſo ſcharf gegen ihn vor⸗ zugehen, iſt mir doch ein Räthſel!“
„Und doch entſpringt die letzte Thatſache nur aus der erſten, Frau Römer. Paul's Unredlichkeit hätte Herrn Römer auch jetzt vielleicht noch nicht vermocht, ihn dem Gerichte zu überweiſen; denn er hat ſich volle vierundzwanzig Stunden Zeit genommen, einen Entſchluß zu faſſen. Doch die Ueber⸗ zeugung, daß Paul ſchon lange den Spion für Falk im Hauſe machte, ließ denſelben jedenfalls zur Reiſe gelangen!“
„Dieſer undankbare Menſch!“ rief Frau Römer;„ich habe es immer geglaubt und auch geſagt, daß er und Falk die Veranlaſſung zu dem Leiden meines Mannes geweſen ober gegeben!“
„Seit heute bin ich ebenfalls davon überzeugt, Frau Römer; daraus erklärt ſich denn auch die Erſcheinung, daß jenes Leiden durch den endlich gefaßten Entſchluß, jene Per⸗ ſonen von ſich zu weiſen, unterdrückt wurde. Uebrigens iſt dieſer Falk ein höchſt gefährlicher Menſch— ein moraliſches Ungehener!“
20


