Jahrgang 
1 (1879)
Seite
151
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hielt mich alſo im Schatten, bis ich nahezu gegenüber der Stelle kam, wo er lag, und dann ſchlüpfte ich in den Graben hinab. Es war kein Waſſer darin, nichts als Koth und Schlamm und Binſen und dergleichen; ich kauerte da im Schatten und beobachtete.

Wie eine Kröte in ihrem Loche, ſagte Churchill. wöhnliche Menſchlichkeit hätte Euch ſchon veranlaſſen ſollen, dem Gefallenen zu Hilfe zu eilen.

Es gab da keine Hilfe mehr, mein freundlicher Gentleman. Er fiel ohne Stöhnen und ſtieß auch keinen Seufzer mehr aus, als er dalag. Und es war weiſer, den Mörder zu beobachten, um fähig zu werden, ſpäter Zeugniß gegen ihn vor Gericht abzulegen, wenn die rechte Zeit kam, anſtatt ihn durch ein Rabengeſchrei zu verſcheuchen.

Ge⸗

Concordia. 151

Nun wohl, Frau, Ihr habt beobachtet, und was habt Ihr geſehen?

Ich ſah einen Mann über den Ermordeten ſich beugen, einen großen Mann in einem weiten Oberrocke mit einem Shawl um den Hals. Er legte ſeine Hand an die Bruſt des Anderen, um zu fühlen, ob deſſen Herz zu ſchlagen aufgehört habe, und er zog ſie blutig zurück. Ich konnte das ſehen in dem trüben Licht zwiſchen Nacht und Morgen, denn ich habe Augen wie eine Katze, Euer Ehren, und bin es wohl gewöhnt, im Finſteren zu ſehen. Wir gebrauchen nicht oft Kerzen bei unſerem Volke. Er hob ſeine Hand, von der das Blut tropfte, empor, und zog ein weißes Tuch aus der Taſche, mit dem er ſich das Blut von der Hand abwiſchte.

(Fortſetzung folgt.)

Aus der Börſenwelt.

Erzählung von Karl Schmeling.

(Fortſetzung.)

Beide wendeten ſich von der Promenade dem Fahrdamme zu. Vor dem einen Eingange zu dem großen Römer'ſchen Hauſe hielt eine Droſchke. Noch war man jedoch nicht die Einfriedigung der Promenade paſſirt, als Graupner zu ſtöhnen begann und mit zitternder Hand den Arm ſeines Begleiters ergriff.

Warten Sie o, warten Sie! ächzte er im Jammer⸗ tone.

Geht's nicht mehr? ſagte der Wirth;na, ſetzen Sie ſich hier auf die Bank. Da giebt's auch etwas Böſes!

Der Mann ſprach dieſe Worte, ohne einen Blick auf Graupner zu werfen. Sein Auge hatte nämlich auf Anderes zu achten. Unter dem Portal, vor welchem die Droſchke hielt, war nämlich ganz plötzlich eine auffallende Perſonengruppe ſichtbar geworden; dieſelbe ward gebildet durch zwei Polizei⸗ Beamte und einen dritten Mann, deſſen Anzug in Unordnung, deſſen Geſicht blutig war und dem man die Arme über den Rücken weg gefeſſelt hatte. Derſelbe ward von den Beamten mehr fortgeſtoßen als geführt und auf dieſe Weiſe auch in die Droſchke befördert. Die Beaniten krochen ebenfalls in das Gefährt und dies ſetzte ſich ſofort in flotte Bewegung. Der ganze Vorfall ging, vom Anfang bis zum Ende, ſo ſchnell vorüber, daß vielleicht nur ein halbes Dutzend der Paſſanten von demſelben etwas bemerkt hatten.

Wieder Einer! ſagte der Wirth, als die Droſchke davon⸗ ſuhr;was der wohl eingerührt haben mag?

Aber ſein Gefährte antwortete nicht; derſelbe war auf die Bank geſunken, wo er ſein Geſicht mit den Händen bedeckte und zu weinen begann.

Oho Mann! rief der Wirth, als er dies bemerkte, was ſoll das heißen? Sind Sie denn ein Kind, daß Ihnen ein wenig Schmerz an den Beinen Thränen auspreßt? Rappeln Sie ſich auf, daß wir unſer Geſchäft zu Ende bringen!

Wir haben kein Geſchäft mehr vor uns! ſagte Graupner, der Menſch, welcher da eben abgeführt wurde, iſt mein Bruder!

Jetzt nahm das Geſicht des Wirths denn doch den Aus⸗ druck eines gewaltigen Fragezeichens an.

Na, das muß ich ſagen! ſtieß er hervor,Ihr ſeid doch eine böſe Sorte. Der Eine kommt aus Nummer Sicher, der

Andere geht hinein. Ja, da iſt die Sache freilich zu Ende. Nun, was mich betrifft, ſo ſage ich dazu: einmal auf dieſe Weiſe an der Naſe herumgeführt und nicht wieder. Aber jetzt, allons, wir müſſen zurück, und wenn Sie hier noch lange heulen, werden wir bald Zuſchauer haben. Kommen Sie vorwärts!

Graupner mochte ſich ſeiner Schwäche ſelbſt wohl ſchämen; freilich war ſie verzeihlich genug. Er ſuchte die Thränenſpuren zu vertilgen, erhob ſich und begann, wenn auch gebückt, fort⸗ zuſchreiten.

Es bleibt nur übrig, mir das Leben zu nehmen! mur⸗ elte er reſignirt, wohl mehr zu ſich ſelbſt, wie zu ſeinem egleiter.

Bei dieſem kam ſeit einiger Zeit die ganze Hartherzigkeit des, an allerlei Elend gewöhnten Vagabunden⸗Wirthes zur Geltung.

Erſt ſchälen wir uns aus! ſagte er gleichmüthig,und dann mögen Sie thun, was Sie wollen!

Ob Graupner auf dieſe Rohheit des Mannes zu antworten beabſichtigte, iſt fraglich; jedenfalls kam er nicht dazu, denn eine Hand legte ſich auf ſeine Schulter.

Einen Augenblick, mein Freund! ſagte zugleich eine Stimme eilig,ich habe ein paar Worte mit Ihnen zu ſprechen!

Graupner ſah ſich um und faſt wäre er zu Boden geſunken, als er den Sprecher erblickte. Es war Wellmann, den er vor ſich ſah.

Gerechter Gott, auch das noch! rief er, die Hände ringend.

Machen Sie kein Aufſehen! ſagte Wellmann,daß Sie mich kennen, ſehe ich; wiſſen Sie, daß wir uns geſtern Abend

ſchon geſehen haben?

Wohl weiß ich das ich erkannte Sie zu ſpät, ſonſt würde ich nimmermehr Laſſen wir das ich ſehe, Ihre Umſtände haben ſich

ſeit geſtern verändert. Doch das iſt am Ende gleich. Ich muß Sie nothwendig auf längere Zeit ſprechen. Wo kann ich Sie treffen?