Jahrgang 
1 (1879)
Seite
130
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Concordia.

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Nach dieſen Worten trat er wieder in das Komptoir zurück, ohne die Thür zu ſchließen.

Es iſt leicht begreiflich, daß Graupner Haus und Komptoir des Komnmerzienraths mit einigem Herzklopfen betreten hatte. Handelte es ſich ja doch für ihn bei der Begegnung mit Falk um eine Lebensfrage, um ſeine fernere Zukunft. Das Peinliche ſeiner Lage während des Wartens wurde noch mehr vermehrt durch die in dem Kabinet lautwerdenden Stimmen, welche ſich eben nicht in Schmeichelreden zu ergehen ſchienen. Dem Bankier gleich nach dem Zanke gegenüberzutreten, konnte ſeinen Wünſchen nicht vortheilhaft ſein.

Doch dieſe Furcht ward verwiſcht durch das ganz freund⸗ ſchaftliche Scheiden des früheren Beſuches, und wenn die von Falk erlaſſene Einladung auch nicht eben höflich genannt zu werden verdiente, ſo hatte dieſelbe doch auch noch nichts Abſtoßendes.

Graupner erhob ſich daher und wankte durch das Komptoir in das Kabinet, deſſen Thür er hinter ſich in das Schloß drückte, während er zugleich einen höflichen Gruß bot.

Falk hatte inzwiſchen ſeinen Arnheim geöffnet und war beſchäftigt, die Geldſumme in demſelben unterzubringen.

Was wollen Sie? fragte er kurz, ohne Denjenigen, der das Kabinet betreten, näher anzuſehen.

Zuerſt, Herr Kommerzienrath, begann Graupner,möchte ich mir erlauben, meine Freude darüber auszudrücken, Sie als hochgeachteten und gutſituirten Mann wiederſehen und begrüßen zu dürfen!

Der Bankier ſchnellte mit einem Rucke herum und blickte auf den Sprecher, als ſehe er ein Geſpenſt; aus ſeinem Ge⸗ ſichte war jede Spur von Farbe gewichen.

Sodann, fuhr Graupner nach kurzer Pauſe fort,fühle ich mich gedrungen, Ihnen meinen Dank auszuſprechen. Trotz der Abgeſchiedenheit, in der ich lebte, erfuhr ich doch, daß meine Familie Rumſtadt, ſo wie Sie ſelbſt, verlaſſen, und ich darf wohl annehmen, daß Sie für jene geſorgt haben, was mir ſchon ſeit Jahren zu großem Troſte gereichte!

Der Bankier ſtand noch immer mit weitgeöffnetem Munde da, ohne zu antworten.

Endlich, ſprach Graupner wiederum nach einer Pauſe weiter,darf ich mit Ihrer gütigen Erlaubniß wohl an ein Verſprechen erinnern und die Bitte um Erfüllung deſſelben wagen!

Grauper hielt inne und ſah in banger Erwartung zu dem Kommerzienrath hinüber. Das Anſtarren und Schweigen des⸗ ſelben mochten ihm wohl als Vorboten ſchlechten Wetters er⸗

ſcheinen. Nun freilich Falk hatte heute entſchieden ſeinen ſchwar⸗ zen Tag einen reinen Unglückstag. Erſt die ſchnöde Ab⸗

weiſung und Abfertigung durch Römer; dann das Mißlingen eines gut berechneten Schlages, den er gegen denſelben zu führen gedachte, und nun dieſer Beſuch, der ſo recht geeignet war, die unangenehmſten Empfindungen bei ihm wachzu⸗ rufen. Es war durchaus keine beneidenswerthe Lage, in der er ſich befand, und dies macht es erklärlich, weshalb er einiger Zeit bedurfte, ſich zu faſſen und ſein Benehmen zu regeln. Dies gelang ihm denn auch endlich.

Was faſeln Sie da von Bitteerfüllen und Verſprechen? begann er demzufolge,was weiß ich von Ihrer Familie und

was habe ich mit derſelben zu ſchaffen? Ich kenne Sie nicht, Herr wer ſind Sie?

Wohl kennen Sie mich, Herr Falk! ſagte Graupner ſchüchtern,ich ſehe es Ihnen ja an; wozu mich durch dies Verſteckſpiel auf die Folter ſpannen?

Ich ſage Ihnen, ich kenne Sie nicht! polterte Falk heraus;wie heißen Sie?

Mein Name iſt Graupner! ſagte dieſer mit bebender Lippe.

Ich kenne keinen Graupner habe nie einen gekannt will keinen kennen!

Aber ich bitte Sie um Alles in der Welt, Herr Falk ſoll ich wirklich glauben, daß Sie mich verleugnen wollen, um mir Ihr Verſprechen nicht zu halten? Bedenken Sie, was ich für Sie gethan für Sie gelitten habe. Ihre Stellung, Ihren Reichthum haben Sie mir

Herr, Sie müſſen übergeſchnappt ſein, und dies hindert mich, für den Augenblick Ihre Worte ernſtlich zu nehmen; denn ſonſt

Graupner hatte ſich eben noch wie ein Wurm im Gefühl ſeines Elendes gewunden; nach den letzten Worten des Bankiers kam ein anderer Geiſt über ihn. Seine Geſtalt richtete ſich höher auf.

Ich bin tief, tief geſunken! ſagte er,ich bin nichts gegen Sie vor den Leuten aber bedenken Sie, mein Herr, daß Alles in der Welt ſeine Grenzen hat und daß die Ver⸗ zweiflung ſchon manchen armſeligen Wicht

Falk mochte ſchon auf einen ähnlichen Ausbruch gewartet haben; das Blut ſchoß ihm bei dieſer Rede des armen Teufels mit Macht in das Geſicht.

Was auch noch Drohungen?! ſchrie er mit gellender Stimme. Zugleich ſtürzte er auf Graupner zu und ergriff denſelben beim Kragen.

Falk war ein kräftig gebauter, ſtarker Mann, in ſeinen beſten Jahren. Graupner war zwar etwas größer wie er, doch das Zuchthaus hatte ihn ausgemergelt und ſeine Beine verſagten ihm augenblicklich ohnehin ja den Dienſt; auch mochte er wohl nie Raufbolds⸗Studien gemacht haben, um ſich mit Erfolg zur Wehr ſetzen zu können. Der Kommerzienrath fuhr daher mit ihm ab wie mit einem Bündel Lappen, und zwar nach der Thüre zu. Falk riß dieſe auf und ſchleuderte den armen Graupner in das Komptoir hinein, wo derſelbe der Länge nach auf den Fußboden ſtürzte.

Wer ſchickt mir dieſes Lumpengeſindel dieſe Zucht häusler auf den Hals? ſchrie der Kommerzienrath.Ich jage Euch Alle davon, wenn Ihr nicht beſſer auf Euren Dienſt aufpaßt! Hinaus mit dem Geſindel! ſage ich hinaus!

Graupner rappelte ſich ſo ſchnell er konnte empor und wankte der Thüre zu. Sein Begleiter hatte ſich bereits von der Bank erhoben.

Für den biederen Wirth der Vagabundenherberge hatte eine ſolche Szene zwar nichts Neues. Er war oft genug gezwungen, die Rolle, welche der Kommerzienrath hier übernommen, zu ſpielen. Dennoch ſtand er einen Moment ganz beſtürzt und wie rathlos da. Doch ein Buchhalter, der ſeinen Platz in der Nähe der Thüre hatte, verließ jenen und öffnete dieſe, indem er zugleich durch einen ſehr verſtändlichen Wink andeutete, zu welchem Zwecke es geſchehen. Dies gab dem Wirthe die nöthige Faſſung zurück, um ſich, wenn auch brummend, doch