Jahrgang 
1 (1879)
Seite
128
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128 Concordia.

Nun können wir weiter verhandeln! ſagte Römer kalt; hoffentlich wiſſen Sie auch, daß Ihnen das Vergnügen, welches Sie ſich bereiten wollen, fünftauſend Thaler koſtet, die Sie als Konventionalſtrafe in meinen Händen laſſen müſſen!

Ja. Können Sie denn zahlen? platzte der Amtmann heraus. Römer wollte auffahren. Doch er faßte ſich. Ein un⸗ beſchreiblich verächtlicher Blick traf den Mann, der ihm gegen⸗ überſtand.

Jetzt begreife ich! ſagte er,aber mir kann es recht ſein; dort iſt Schreibzeug und Papier, ſtellen Sie eine Quitt⸗ ung über fünfunddreißigtauſend Thaler aus und geben Sie den Kontrakt heraus; hier iſt das Geld!

Römer entnahm dem Schranke ein Packet Geldſcheine. Der Amtmann ſchien ſich nicht entſchließen zu können.

Nun, was zögern Sie? meinte der Bankier,Ihnen kann es ja keinen Schaden bringen!

Buchholz brummte einige Worte vor ſich hin, dann warf er ſich auf den Stuhl, daß derſelbe krachte, um die geforderte Quittung zu ſchreiben.

Das Geſchäft der beiden Männer wickelte ſich jetzt ganz glatt und ohne weitere Wechſelrede ab. Der Bankier las die Quittung, ohne ſie zu berühren, hielt dann mit der einen Hand das Geld hin und nahm mit der anderen die Quittung und den Kontrakt entgegen.

So! ſagte Römer hiernach,theilen Sie Ihrem Herrn mit, daß mir dieſer kleine Verdienſt angenehmer iſt, wie viele andere, welche bedeutender waren!

Der nunmehr völlig entlarvte Agent Falk's zog ſich unter höflichen Verbeugungen zurück; Römer beachtete dieſelben nicht, ging ihm jedoch bis zur Thür nach und warf dieſelbe heftig hinter ihm zu.

Schmuziges Ungeziefer! ſtieß er dabei hervor;Well⸗ mann hat recht, dieſer Meißner iſt ebenfalls ein Schurke!

7. Kapitel. Nur Fänſchung.

Die Gäſte der Vagabunden⸗Herberge, ſämmtlich unſichere Exiſtenzen, hatten am Morgen ihrenSchlafſaal verlaſſen, die Revue eines Sicherheitsbeamten ausgehalten, ihr mageres Frühſtück genoſſen und waren dann nach allen Richtungen der Windroſe hin auseinandergeſtoben, Einige, um ſich nie wieder an dieſem Orte blicken zu laſſen, Andere, um den⸗ ſelben von Zeit zu Zeit wieder mit ihrer Gegenwart zu be⸗ glücken, und noch Andere, um ſchon am Abend zurückzukehren, wie ſie es allabendlich thaten, wenn die Bettelei ſoviel ab⸗ geworfen, daß ſie ein Nachtlager unter Dach bezahlen konnten.

Erſt als der letzte Strolch die Herberge verlaſſen, konnten Wirth und Wirthin daran denken, für die Standesperſon, welche außerdem noch bei ihnen logirte, zu ſorgen, und ſie trafen ſofort Anſtalten dazu. Die Wirthin begab ſich in die Küche, ein leidliches Frühſtück herzuſtellen dazu war ja noch Geld vorhanden und ihr Herr Gemahl ging in eine Kammer, deren Ausſtattung einem Kleidertrödel ſo ähnlich ſah wie ein Ei dem anderen.

Die hier aufbewahrten Gegenſtände waren theils von zahlungsunfähigen Gäſten für die Zeche zurückgelaſſen, theils

von anderen verkauft worden, und ihr Erwerb mochte nicht immer ganz reinlich geweſen ſein. Doch das hatte für den Wirth keine Bedeutung. Es waren noch recht gute Stücke darunter, und er ſuchte aus ihnen die einzelnen Theile eines Anzugs zuſammen, welcher ſeiner Meinung nach dem Gaſte wohl paſſen konnte. Einige Stücke Wäſche entnahm er dem eigenen Vorrath und begab ſich dann in das Zimmer Graupner's.

Dieſer war offenbar ſchon ſeit längerer Zeit munter; ge⸗ ſtärkt durch Speiſe und Ruhe, war er jetzt ein Anderer und ſogar aufgeräumt und heiter; nur machten ihm ſeine wunden Füße zu ſchaffen, Unter Beihilfe des Wirthes ward nunmehr die Verpuppung des entlaſſenen Züchtlings bewerkſtelligt, und ſiehe da Herr Graupner erſchien als ein ganz ſtattlicher Mann in der neuen Hülle; nur trat die gelbliche Züchtlings⸗ farbe ſeines Geſichts nach der Raſur noch mehr hervor und die Füße die Füße, verſagten in den nicht ganz paſſenden Stiefeln faſt den Dienſt.

Doch der Schmerz mußte verbiſſen werden und Graupner folgte dem Wirthe, um der Ehre theilhaftig zu werden, mit dieſem und ſeiner achtbaren Ehehälfte das Frühſtück einzunehmen. Während deſſelben wurden noch verſchiedene Pläne entworfen, und als das Mahl beendet, machte ſich auch der Wirth reiſe⸗ fertig. Bei guter Zeit, nicht zu früh und nicht zu ſpät am Vormittage, trat das ſonderbare Paar ſeine Wanderſchaft an. Da Graupner doch zu ſchlecht ging, mußte eine Droſchke requirirt werden. Im Grunde war das indeſſen nicht ſo ſtörend. Es gab ja ein beſſeres Anſehen, wenn man vorfuhr, ſtatt zu Fuße zu kommen. Herr Falk ſollte zuerſt beſucht werden.

Die beiden Leute erreichten ohne Hinderniß das Haus des Kommerzienraths und gelangten auch ebenſo in das Komptoir deſſelben, wo ſie ihren Wunſch zu erkennen gaben, den Chef des Hauſes zu ſprechen. Man fragte nicht erſt nach ihren Namen, ſondern erſuchte ſie nur, auf einer im Raume befind⸗ lichen Bank Platz zu nehmen und zu warten, bis ſich ein beim Kommerzienrath befindlicher Beſuch entfernt habe. Die beiden Männer kamen der an ſie gerichteten Aufforderung nach.

Man kann ſich wohl denken, daß Falk nicht in roſen⸗ farbener Stimmung von ſeinem Beſuche bei Römer zurück⸗ gekehrt war. Stürmiſch hatte er ſeinen Wagen verlaſſen und ſtürmiſch eilte er durch das Komptoir in ſein Privatgemach.

Wenn der Amtmann kommt! rief er jedoch, ſchon in der Thüre befindlich, zurück,laſſen Sie ihn ſofort eintreten!

Dann warf er die Thür heftig hinter ſich zu und begann in dem Kabinet auf und ab zu laufen wie ein in den Käfig geſperrtes wildes Thier; wiederholt ſtieß er die Luft mit aller

Kraft ſeiner Lungen hervor, als ſuche er ſich dadurch Er-

leichterung zu verſchaffen.

Eine halbe Stunde mochte ungefähr vergangen ſein, als der Amtmann Buchholz, ſo ziemlich in derſelben Verfaſſung wie der Kommerzienrath, eintraf.

Da bin ich! platzte der Biedermann heraus, ſo wie er die Thür geſchloſſen;aber wie bin ich behandelt worden! wie ein dummer Junge! wie ein Spitzbube!

Der Kommerzienrath hatte beim Eintreten des Mannes ſofort ſeinen Spaziergang eingeſtellt.

Nun, meinte er verwundert,ich denke, Sie führen den ſchmeichelhaften Titelder grobe Amtmann nicht umſonſt.