—QO·————
Concordia.
„Ja, er ſonpirte dieſe Nacht in meiner Wohnung.“
„Allein mit Ihnen?“
„Nein. Mr. Dempſon und ſeine Gattin und meine Tochter waren in der Geſellſchaft.“
„Um welche Stunde verließ Sie Mr. Penwyn?“
Die Miene des Schauſpielers nahm etwas den Ausdruck der Verwirrung an.
„Es war halb ein Uhr Nachts, ehe wir uns zum Souper niederſetzten,“ ſagte er,„aber ich kann nicht genau ſagen, wie lange wir nachher ſaßen. Wir rauchten einige Cigarren und, um aufrichtig zu ſein, waren etwas luſtig. Ich habe in der That keine klare Idee, was die Zeit betrifft; meine Tochter mag das wiſſen.“
„Warum Ihre Tochter und nicht Sie?“
„Sie ließ ihn durch den Laden hinaus, als er fortging. Unſere Apartements ſind reſpektabel, aber beſcheiden, und liegen über dem Laden eines Krämers.“
„Ihre Tochter war mäßiger als Sie und mag eine Idee haben, was die Zeit betrifft. Wer werden ſie gleich fragen. Wiſſen Sie, ob Mr. Penwyn eine beträchtliche Sunme Geldes bei ſich hatte, als er Sie verließ?“
„Das weiß ich nicht. Er hatte uns in der Nacht zuvor eine Unterhaltung im„Waſſervogel“ gegeben und bezahlte am Renntage einen Wagen und eine Quantität Champagner, aber ich ſah ihn kein Geld direkt auslegen, ausgenommen das, was er für den Standplatz des Wagens bezahlte.“
„Sahen Sie ihn bei dem Rennen Geld von Jemand ent⸗ gegennehmen?“
„Nein.“
„War er den ganzen Tag bei Ihnen?“
„Von zwölf bis halb ſechs Uhr Abends.“
„Und in dieſer Zeit erhielten Sie keine Kenntniß davon, ob er eine Summe Geldes gewann oder empfing?“
„Nein.“
„Wiſſen Sie, ob er mit übelberufenen Leuten in Be⸗ rührung kam, zum Beiſpiel mit Wettenden?“
„Ich weiß nahezu nichts von ſeinen Geſellſchaften. Ich ſah nur, daß ihm am Tage vor dem Rennen eine alte Zi⸗ geunerin wahrſagte, als er und Einige von uns am Fluſſe zufällig miteinander gingen. Er gab ihr damals Geld und gab ihr auch am Renntage Geld, als ſie an den Wagen kam und um etwas zu trinken bettelte.“
Churchill Penwyn, der bisher zu Boden geſehen und in einer zuhörenden Stellung geblieben, erhob bei dieſer Be⸗ merkung halb fragend, halb überraſcht die Augen.
„Iſt das Alles, was Sie über den Verblichenen wiſſen?“ fragte Mr. Pergament.
„Beiläufig Alles. Ich hatte mich ſeiner Bekanntſchaft zur Zeit des Mordes erſt ſechsunddreißig Stunden erfreut.“
„Sie können ſich ſetzen,“ ſagte Mr. Pergament.
„Juſtina Elgood,“ rief der Beamte, und Juſtina erhob ſich in dem überfüllten Zimmer, bleich bis in die Lippen, aber ohne zu ſchwanken.
Wieder erhob Churchill Penwyn ſeine gedankenvollen Augen und blickte nach dem bleichen Geſichte des Mädchens.
„Keine gewöhnliche Art von Mädchen,“ ſagte er zu ſich ſelbſt.
12. Kapitel.
Muthige Geiſter ſind ein Balſam für ſich ſelbſt.
Maurice Cliſſold blickte ebenfalls auf das Mädchen, als ſie aufſtand und in den kleinen Raum trat, der für die Zeugen reſervirt war. Ein Sonnenſtrahl fiel durch ein in der Decke des Gemaches angebrachtes Fenſter. Der Raum wurde ſonſt gewöhnlich für Zuſammenkünfte von Freimaurern und für öffentliche Feſtlichkeiten benützt. In dem hellen Lichte ſah das Antlitz des Mädchens wunderbar durchgeiſtigt aus. Es wäre leicht geweſen, zu denken, daß ein überirdiſches Weſen daſtehe und daß dieſe bleichen Lippen die Wahrheit wie durch eine Offenbarung ausſprechen würden.
So dachte Maurice Cliſſold, als er auf ſie blickte. Nie⸗ mals bis zu dieſem Momente war ſie ihm ſchön erſchienen; und nun war es keine gewöhnliche Schönheit, die er in ihr ſah, ſondern ein ſeltſamer geiſtiger Zauber, den er nicht zu definiren vermochte.
„Sie waren die letzte Perſon, welche Mr. Penwyn lebend ſah, ſein Mörder ausgenommen?“ ſagte Mr. Pergament, nach⸗ dem die gewöhnliche Formel vorüber war.
„Ich öffnete ihm die Ladenthür, als er nach dem Nacht⸗ mahle fortging.“
„Um wie viel Uhr?“
„Um halb drei Uhr Morgens.“
„War er vollkommen nüchtern zu dieſer Zeit?“
„O ja,“ antwortete Juſtina mit einem Blicke des Un⸗ willens.
„Ging er allein nach dem„Waſſervogel“ zurück?“
„Ganz allein.“
„Sagte er etwas Beſonderes zu Ihnen, als er Sie verließ? Etwas, das zu wiſſen für uns nöthig ſein könnte?“
Eine ſchwache Röthe zeigte ſich bei dieſer Frage in dem bleichen Geſichte.
„Nein.“
„Iſt das Alles, was Sie uns ſagen können?“
„Nur noch Eines,“ antwortete das Mädchen ruhig.„Ich ſtand noch einige Minuten an der Thür und ſchaute Mr. Penwyn nach, als er die Straße dahinſchritt, und gerade, als er ſich um die Ecke wendete, ging ein Mann auf der entgegen⸗ geſetzten Seite in derſelben Richtung vorüber.“
„Gegen Lowgate?“
„Ja.“
„Wie ſah dieſer Mann?“
„Er war ziemlich groß und trug einen Oberrock und einen dicken Shawl um den Hals, als ob es Winter geweſen wäre.“
„Sahen Sie ſein Geſicht?“
„Nein.“
„Oder bemerkten Sie ſonſt etwas an ihm— etwas außer dem Oberrock und dem Shawl?“
„Nichts.“
„Sie ſagen, er war ziemlich groß. War er ſo groß wie dieſer Gentleman? Stehen Sie einen Augenblick auf, wenn es beliebt, Mr. Cliſſold.“
Cliſſold ſtand auf. Er war über der Durchſchnittshöhe großer Männer, wohl über ſechs Fuß. „Nein, er war nicht ſo groß.“ „Sind Sie deſſen gewiß? Ein Mann könnte in dieſem


