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Concordia.
Er that verſchiedene Fragen bezüglich der Leichenbeſchau und begab ſich dann nach einem der erſten Hotels, welches noch mit vielen Beſuchern der Wettrennen angefüllt war.
„Sie werden dem Falle im Intereſſe der Familie natürlich Ihre Aufmerkſamkeit zuwenden,“ ſagte er zu Mr. Pergament. „Ich wünſchte auch, daß Sie für dieſen armen Mr. Cliſſold thun, was Sie können. Es kann kein Grund für ſeine Haft⸗ nahme vorhanden ſein.“
„So denke auch ich— er und James waren ja innige Freunde.“
„Und dann zeigt die leere Börſe, daß der Mord aus Ge⸗ winnſucht geſchah. Mein Couſin mag Geld gewonnen haben, oder man ſetzte dies voraus, und irgend ein Schurke be⸗ obachtete ihn und folgte ihm— ein Landſtreicher oder Zi⸗ geuner.“
„Es iſt nur wunderlich, daß Mr. Cliſſold es verweigert, über die letzte Nacht Rechenſchaft zu geben.“
„Ja, das iſt ſeltſam; aber ich bin gewiß, daß er eine Er⸗ klärung geben wird, wenn er dazu gedrängt iſt.“—
Nach dem gemeinſchaftlichen Diner erhob ſich Mr. Perga⸗ ment, um auszugehen.
„Es ſind nun die letzten traurigen Details zu ordnen,“ ſagte er.„Haben Sie, als ſein nächſter Verwandter, in dieſer Beziehung irgend einen Wunſch?“
„Nur den, daß ſeine eigenen Wünſche reſpektirt werden.“
„Des Ermordeten Eltern ſind zu Kenſal Green begraben. Ich meine, er würde auch lieber dort ſein, als zu Penwyn.“
„Man könnte das vorausſetzen.“
„Dann will ich ſehen, daß die Leiche dahin gebracht wird,“ ſagte Mr. Pergament, ſeinen Hut nehmend.„Neben⸗ bei— ehe es vielleicht zu ſpät iſt— wünſchen Sie, Ihren Couſin zu ſehen?“
Churchill zuckte leicht zuſammen; faſt mit Schaudern jagte er:
„Nein, ich ſehe dergleichen niemals an.“
11. Kapitel. „Wie! Ihr wußtet nichts von dieſer Blutthat!⸗
Juſtina durchlebte den Tag und ſpielte des Abends ſo wohl, als ſie es gewohnt geweſen war, zu ſpielen; aber ſie ſah ihre Zuhörer nur trüb durch eine ſchwere, blendende Wolke, und der Schimmer der Lampen an der Rampe ſchien ihr abſcheulich, wie ein Höllenfeuer. Die Leute ſprachen zu ihr in der Garderobe, wo ſie ihren ärmlichen Putz anlegte und ein wenig Roth auf ihre bleichen Wangen brachte; ſie antwortete mechaniſch. Sie hatte dieſe Art von Leben unter denſelben Leuten ſolange geführt, daß das bloße Geſchäft der Exiſtenz ohne Anſtrengung von ihrer Seite fortging. Sie war wie eine Uhr, die aufgezogen wird und ihre beſtimmte Zeit gehen muß. Sie ſaß in einem Winkel des Schauſpieler⸗ Zimmers, ſah gerade vor ſich hin und dachte, wie ihre heitere neue Welt dahingeſchmolzen ſei; Niemand nahm eine be⸗ ſondere Notiz von ihr.
Mrs. Dempſon war gütig und theilnehmend gegen ſie ge⸗
weſen und nach Juſtina's Ohnmachtsanfalle hatte ſie ihr die Stirn mit Eſſig und Waſſer befeuchtet, und ſaß, mit ihrem Arme um die Taille des Mädchens, ſie tröſtend und ihr Ver⸗ nunftsgründe hierzu bietend, ſie daran erinnernd, daß ſie den
armen Mr. Penwyn nur einen und einen halben Tag ge⸗ kannt, und daß es gegen die Natur ſei, ihn zu beklagen, als wäre er ihr nächſter Verwandter oder ein alter Freund ge⸗ geweſen. Wer, in dem nüchternen Mittelalter des Lebens, wenn die ſchmuzigen Alltagsſorgen die Oberhand führen; wer, wenn der Morgen der Jugend vorüber iſt, kann das leiden⸗ ſchaftliche Myſterium eines jungen Herzens verſtehen— die Liebe, welche, wie manche ſchöne tropiſche Blume, in einem einzigen Tage knospet und blüht— die Liebe, welche mehr als zur Hälfte Phantaſie iſt— die Liebe eines Liebenden nicht gemeiner Art— die ſchöne Incarnation der poetiſchen Träume der Mädchenſchaft, Liebe, an der die Sinne nicht mehr Antheil haben als die Irrlichter eines Sumpfes an dem hellen Glanz der Sterne?
Juſtina bewahrte das Geheimniß ihres kurzen Traumes. Sie dachte, Mrs. Dempſon und auch ihr Vater würden ſie verlachen und verſpotten, wenn ſie ihnen erzählte, daß der großmüthige junge Freund ſie zu ſeinem Weibe verlangt habe. Sie verhielt ſich ruhig, ſchloß ſich in ihre Boden⸗ kammer und ſenkte ihr müdes Haupt nieder auf das Polſter— dachte an ihren ermordeten Geliebten, dachte ſich das ſchöne heitere Geſicht in der Marmorruhe des Todes und verwünſchte den Elenden, der ihn getödtet hatte.
Mr. Elgood und ſeine Tochter waren Beide unter Strafandrohung zur anberaumten Unterſuchung vorgeladen. Der Schauſpieler, zufrieden mit der Gelegenheit, ſeine Talente in einer neuen Arena zu zeigen und ſeinen Namen in den Zeitungen zu ſehen, erſchien an dem Morgen der Verhandlung in großer Gala. Er hatte ſeinen Rock ſorgfältig ausgebürſtet, eine reine weiße Weſte und ein hübſches blaues Halstuch an⸗ gelegt, trug ein Paar alte, von ihm ſelbſt friſchgewaſchene Handſchuhe von Rehleder und ſeinen ſpaniſchen Rohrſtock, den er als polternder Alter in der Komödie zu ſchwingen ge⸗ wohnt war.
Juſtina war todtenblaß, als ſie in das Zimmer trat und ſich an der Seite ihres Vaters niederſetzte, die großen dunklen Augen auf den Coroner gerichtet, als ob von ſeinen Lippen das Geheimniß ihrer Liebe verurtheilt werden könnte. Sie hatte die unvollkommenſte Idee von der Natur des Verfahrens und von der Macht des Coroners.
Die Jury ſetzte ſich rings um den Coroner an dem oberen Ende des Zimmers. Mr. Pergameut, der Advokat, ſtand an einem Ende des Tiſches, bereit, Fragen zu ſtellen, die er von den Zeugen beantwortet wünſchte.
Zu Rechten der Vorſitzenden, etwas von der Jury ent⸗ fernt, ſaß Maurice Cliſſold, mit einem Konſtabler an ſeiner Seite. Nahe ihm gegenüber und nächſt dem Advokaten ſtand der neue Herr des Rittergutes Penwyn, bereit, Fragen anzuregen, wenn der Advokat ſie vergeſſen ſollte. Churchill und Mr. Pergament hatten mit den Detektives aus Spinners⸗ bury und den Lokal⸗Konſtablern über den Fall ſich gemein⸗ ſchaftlich inſtruirt und waren ſomit im Stande, wichtige Fragen anzuregen.
Die Jury antwortete auf das Vorleſen ihrer Namen, die Unterſuchung begann und Elgood war der erſte Zeuge, der ſchwur.
„Ich glaube, Sie waren in Geſellſchaft des Dahin⸗ geſchiedenen in der Nacht oder vielmehr am Morgen, als der Mord erfolgte?“ fragte der Coroner.


