Jahrgang 
1 (1879)
Seite
123
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Penwyn war dazu viel zu klug. Er überließ das Wagniß anderen Leuten und nahm den ſicheren Gewinn.

Sie ſprachen hierauf noch eine Weile über die Beſitzung, dann lehnte ſich Penwyn zurück, öffnete eine Zeitung und ſchien zu leſen er ſchien es nur, denn ſeine Augen waren auf einen beſonderen Theil der Seite vor ihm gerichtet mit einem Blicke, der in der Regel ein Zeichen tiefen Nachdenkens iſt. In Wahrheit hatte er genug zu denken. Die Umwälzung, die James Penwyn's Tod in ſeinem Schickſale hervorgebracht, war ein Wechſel, der die meiſten Menſchen zum Nachdenken veranlaßt haben würde. Von einem Manne, der um das Leben zu kämpfen hatte, war er plötzlich ein Beſitzender, ſiebentauſend Pfund jährlich werth geworden, Herr von Ländereien, die ihm die Achtung ſeiner Mitmenſchen, Stellung und Macht brachten die Mittel, um auf der Leiter des Lebens höher zu klimmen, als es jemals ein Penwyn erreicht hatte.

Ich werde mich nicht lebendig in einem dumpfen alten Herrenhauſe begraben, dachte er,wie mein Großvater. Und doch muß es ein angenehmes Ding ſein, den Landedel⸗ mann zu ſpielen..

Zumeiſt dachte Churchill an Diejenige, welche mögen theilen ſollte an das neue, heitere Leben, das ſie miteinander führen konnten an ihre Schönheit, die eine wahrhaft gebietende war und nur der nöthigen Faſſung be⸗ durfte an ihre Macht, Alles zu bezaubern, die von Ein⸗ fluß ſein würde, ſein Emporſteigen zu fördern. Er träumte, ſich als Parlamentsmitglied für Penwyn im Hauſe der Ge⸗ meinen auszuzeichnen, wie er das bereits als Advokat vor den Gerichtsſchranken begonnen. Literatur und Politik ſollten ihm vereint emporhelfen. Er ſah ſich in weiterer Zukunft ſchon als Führer einer Partei. Er dachte, wenn er zuerſt die Schwelle des Parlamentes überſchreiten würde, ſollte es mit dem Gedanken geſchehen:Ich will thun, was an mir liegt, um eines Tages durch dieſe Thüre als Premierminiſter ein⸗

ſein

zutreten.

Churchill war nicht der Mann, deſſen Wünſche durch die Idee eines ſchönen Hauſes und Gartens, eines Stalles, Wein⸗ kellers und Kochs begrenzt wurden. Er verlangte etwas mehr von Fortuna. Wenn nicht um ſeinetwillen, ſo um ſeiner Ver⸗ lobten willen wünſchte er, etwas mehr zu werden als ein wohlhabender Landedelmann. Madge, dachte er, erwarte von ihm, daß er berühmt werde. Madge würde ſich getäuſcht fühlen, wenn er ſich nicht auszeichne in der Welt. Er be⸗ rechnete, wie lange es wohl im gewöhnlichen Laufe der Dinge gedauert haben würde, bis er ſich in ſeinem Berufe eine Stellung errungen, die es ihm ermöglicht hätte, Madge Bellin⸗ gham zu heiraten. Er ſeufzte voll Bitterkeit.Es hätte wohl zehn bis fünfzehn Jahre gedauert, bis ich ihr eine Heimſtätte hätte geben können wie die ihres Vaters, ſagte er zu ſich ſelber.Warum ſich das Gehirn abquälen durch ſo nutzloſe Spekulationen? Sie würde niemals mein Weib geworden ſein. Sie iſt ein Mädchen, das eine reiche Heirat machen muß. Sie hätte mir treu ſein können, aber ſonſt Jedermann wäre gegen mich geweſen. Ihr Vater und ihre Schweſter würden ſie faſt zu Tode gequält haben, und eines Morgens würde ich, muthig nach meinem entfernten Ziele marſchirend, einen Brief empfangen haben, mit Thränen getränkt, reuevoll,

der mir aber doch geſagt haben würde, daß ſie endlich den

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und beigeſtimmt, wie es nun eben

Ueberredungen ihres Vaters nachgegeben einen Millionär oder einen reichen Lord, der Zufall bringen mochte, zu heiraten.

Wer iſt dieſer Mr. Cliſſold? fragte Churchill endlich, ſeine ungeleſene Zeitung beiſeite werfend und ſich aus dem tiefen Nachſinnen erhebend, in welches er verſunken ge⸗ weſen war.

Ein Schulfreund des armen James, um einige Jahre älter als dieſer. Sie hatten gemeinſchaftlich Klaſſiker geleſen im Norden. Ich ſollte denken, Sie müßten Cliſſold in Arminſtre⸗Square getroffen haben, wenn Sie bei Ihrer Tante dinirten. Er und James waren unzertrennlich.

Ich habe eine ſchwache Erinnerung an einen großen, finſterblickenden Jüngling, der Einer von der Familie zu ſein ſchien.

Das war ohne Zweifel der junge Cliſſold.

Höflich war's von ihm, daß er mir telegraphirte, ſagte Churchill, und damit ließ er den Gegenſtand fallen. Die zwei Gentlemen gähnten. Churchill blickte aus dem Fenſter und verſank wieder in Gedanken, und ſo verging die Zeit und die Reiſe nahte ihrem Ende.

In Eborsham angelangt, fuhren ſie geradenwegs nach der Polizei⸗Station, um zu fragen, ob der Mörder entdeckt worden

ſei. Hier hörten ſie, daß Verdacht auf Maurice Cliſſold ge⸗ fallen. Das

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iſt abſurd! rief der Advokat.Kein mögliches

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Motiv vorhanden!

Der im Dienſte befindliche Beamte ſchüttelte weiſe den Kopf.

Es ſcheint einen Zank zwiſchen ihnen gegeben zu haben, ſagte er in ſeiner langſamen, gewichtigen Weiſe,und zwar die Nacht zuvor. Heftige Worte wurden in der Schänke ge⸗ hört und in der Nacht des Mordes war Cliſſold abweſend; außerdem verweigert er, über ſeinen Aufenthalt in der be⸗ wußten Nacht Rechenſchaft zu geben.

Mr. Pergament blickte auf Churchill, als ob er ſagen wollte:Das ſieht ernſt aus!

Junge Männer ermorden einander nicht wegen einiger heftiger Worte, ſagte Mr. Penwyn.Ich erlaube mir zu ſagen, daß Mr. Cliſſold eine befriedigende Auskunft geben wird, wenn die rechte Zeit kommt. Niemand, der bei Ver⸗ ſtande iſt, kann einen Gentleman eines ſolchen Verbrechens verdächtigen. Und dazu in der Woche eines Wettrennens, wo ein ſolcher Platz mit Schurken aller Art angefüllt iſt.

Ich bitte um Verzeihung, Sir, ſagte der Polizeibeamte, aber das iſt das Seltſamſte in dem Falle. Man hat die Fußſpuren des Mörders entdeckt. Mr. Penwyn wurde hinter einer Hecke hervor erſchoſſen, und der Eindruck der Sohle ſieht wie der Eindruck von dem Stiefel eines Gentleman aus ſchmal und mit einer kleinen Ferſe; das iſt nicht der Fuß eines Feldarbeiters. Der Boden iſt da etwas feucht und lehmig und der Eindruck war ganz ungewöhnlich deutlich.

Churchill Penwyn ſah den Mann einen Moment nach⸗ denklich an mit ſeinem durchdringenden Blick, der gewohnt war, aus den Mienen die Gedanken ſeiner Mitmenſchen zu leſen.

Es giebt Vagabunden genug in in der Welt, ſagte er, welche ſehr anſtändig gemachte Stiefel tragen, beſonders bei den Rennen.