Concordia. 119
Da werden Weiber zu Hyänen Und treiben mit Entſetzen Scherz, Noch zuckend, mit des Panthers Zähnen⸗ Zerreißen ſie des Feindes Herz.
Nichts Heiliges iſt mehr, es löſen
Sich alle Bande frommer Scheu.
Das Gute räumt den Platz dem Böſen Und alle Laſter walten frei.
Gefährlich iſt's, den Leu zu wecken
Und grimmig iſt des Tigers Zahn, Jedoch der ſchrecklichſte der Schrecken, Das iſt der Menſch in ſeinem Wahn. Weh' Denen, die den ewig Blinden Des Lichtes Himmelsfackel leihen!
Sie leuchtet nicht, ſie kann nur zünden Und äſchert Städt und Länder ein.
Ich will Euch die furchtbaren und erbitterten Kämpfe, die wir durchzumachen hatten, nicht ſchildern, aber das will ich Euch ſagen, daß eine reguläre Feldſchlacht lange nicht ſo entſetzlich für den Soldaten iſt, als ein Straßenkampf, wo die verderblichen und todtbringenden Kugeln, wie von unſichtbaren Geiſtern geſchleudert, aus allen Luken und Fenſtern herab⸗ hageln, ohne daß man einen Feind gewahrt.
Es war ſechs Uhr Abends, als unſer Bataillon den Be⸗ fehl erhielt, eine äußerſt feſte und gut vertheidigte Barrikade, die den Markt abſchloß, mit Sturm zu nehmen. Unſer Major, der jetzige General⸗Lieutenant von W., hielt eine kurze und feurige Anſprache an uns, und unter donnerndem Hurrah ging es den vernichtenden Kugeln entgegen.
Allen voran ſtürmte unſer tapferer Major; ich ſtand in der erſten Kolonne, unmittelbar hinter ihm, und ſchon waren wir am Fuße der Barrikade angelangt— heiliger Gott! da gewahrte ich auf derſelben meinen Vater und einige Bewohner meiner Heimatsſtadt. Der Schreck hatte mir faſt die Beſinnung geraubt; aber als ich ſah, daß der vorandringende Major mit den zuerſt oben Angelangten umzingelt wurde und ein Hagel von Steinen und Geſchoſſen das Nachdringen der Kameraden ungemein erſchwerte, da ſchwang auch ich mich hinauf.
Die zuerſt oben angelangten Kameraden hatte das tödt⸗ liche Blei bereits ereilt und unſer Major kämpfte wie ein Raſender.
In dieſem Augenblicke ſah ich, wie mein Vater ſein Ge⸗ wehr auf den Major anlegte!
„Vater!“ rief ich,„zurück! rück!— oder—“
„Ha, Burſche, auch Du unter den Volksmördern?“ rief er, mich erkennend, aus, und legte auf's Neue auf den Ma⸗ jor an.
Und da ſchlug auch ich an— ſchoß— und traf.— Mit einem mir noch heute in die Ohren gellenden Schrei ſtürzte mein Vater zuſammen.
Ich befreite den Major, die anderen Kameraden drangen nach und der Sieg war unſer.
Ich aber hörte das Viktoriarufen nicht und ſah auch die Siegesfahne auf der Barrikade nicht wehen.
Ich ſaß auf dem blutgetränkten Boden, hatte meinen Vater in die Arme geſchloſſen und weinte— weinte wie ein Kind um den durch meine Kugel gefallenen Vater!— Was fragte ich jetzt noch nach der Wunde, die ich bei dem Sturme empfangen hatte; ich konnte nicht von meinem Vater laſſen, ich herzte und küßte ihn, benannte ihn mit den zärtlichſten
Um aller Heiligen willen, zu⸗
Namen— umſonſt, er blieb todt und ich ſtürzte infolge meiner Wunde und der furchtbaren Aufregung ohnmächtig zu Boden. Als ich erwachte, befand ich mich in dem dortigen Militär⸗ hoſpital. An meinem Bette ſaß der Major. Er ſagte kein Wort, nur meine Hand hielt er erfaßt, und aus ſeinen Blicken las ich, daß das Ganze, mir wie ein wirrer, furchtbarer Traum erſchienen, Wahrheit, volle, grauenvolle Wahrheit ſei.
„Iſt er wirklich todt?“ fragte ich mit bebender Stimme den Major.
„Ja, Kamerad, ich kann nicht lügen,“ antwortete er,„er iſt todt. Doch rege Dich nicht ſo ſehr auf, wir ſprechen uns darüber ſpäter aus. Für jetzt komme ich, Abſchied zu nehmen, unſer Regiment rückt heute wieder nach der Garniſon ab, und ich hoffe, daß Du bald nachkommſt; dann wollen wir über⸗ legen, was weiter zu thun iſt.“
Mit dieſen Worten beugte er ſich über mich, drückte mir einen Kuß auf die Stirn, und ging, ſich eine Thräne aus dem Auge wiſchend, fort.
Nach Verlauf von vierzehn Tagen wurde ich als geheilt aus dem Hoſpitale entlaſſen. Die Stadt war ruhig, die Barrikaden waren beſeitigt und ich ſuchte vergebens den Ort, an welchem ſich die furchtbarſte Szene meines Lebeus abgeſpielt hatte.
Beim Eintreffen in meine Kompagnie wurde ich von allen Kameraden mit ſtillem Händedruck begrüßt und durch den Feldwebel ſogleich zum Major beſchieden.
Bei meinem Eintritt eilte der Major mir entgegen, zog mich an ſeine Bruſt und ſprach:
„Armer Erlau, Du haſt mir das Leben um einen furcht⸗ baren Preis gerettet und das Vaterland hat das größte Opfer von Dir gefordert.“
Da— ich will's Euch geſtehen, liefen mir die hellen Thränen von den Wangen herab; aber die Bruſt war mir wie zugeſchnürt und ich war nicht im Stande, ein Wort zu ſprechen.
„Weine Dich aus, Kamerad,“ ſprach der Major,„ſolche Thränen ſchänden den Soldaten nicht. Und da Du nun keinen Vater mehr haſt, braver Erlau, ſo will ich verſuchen, Dir, was Du verloren haſt, zu erſetzen.“
Er hat redlich Wort gehalten, und ſelbſt ſein Avancement bis zum General hat ihn nicht ſtolz gemacht, er blieb mir immer in väterlicher Liebe zugethan.
Von verſchiedenen Seiten ward ich mit Orden und Chren⸗ zeichen beſchenkt, allein ich bat mir die Erlaubniß aus, nichts anlegen zu dürfen, was mich an jene furchtbare Kataſtrophe erinnern könnte.
Nachdem meine Wunde vollſtändig geheilt und ich etwas ruhiger geworden war, beſchloß ich, meine Mutter zu beſuchen. Ihr könnt Euch wohl denken, mit welchen Gefühlen ich die Reiſe antrat, um ſo mehr, als meine an die Mutter gerichteten Briefe ſtets uneröffnet zurückgekommen und ſogar ein Sühne⸗ verſuch von Seiten des Prinzregenten und des Majors ohne Erfolg geblieben war.
Es war Abend, als ich mit klopfendem Herzen bei ihr eintrat.— Gott, wie hatte die kurze Zeit meine arme Mutter verändert! Ihr Haar war ſilberweiß geworden und ihr ſonſt ſo liebes Geſicht war mit tiefen Falten durchfurcht. Das von Gram entſtellte Antlitz auf ein vor ihr liegendes Buch gebeugt, ſaß ſie da, ohne meinen Eintritt zu bemerken.


