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Concordia.
Mit dem Rufe:„Mutter, theure, geliebte Mutter, verzeih' Deinem unglücklichen Sohne!“ ſtürzte ich vor ihr nieder.
Wie von einer Natter geſtochen, ſprang ſie auf und rief: „Aus meinen Augen, verruchter Vatermörder!“ ſtürzte in die entlegenſte Ecke des Zimmers und brach ohnmächtig zuſammen.
Ebenſo erfolglos war ein zweiter Verſuch, und ich wanderte ohne Troſt und Hoffnung meiner Garniſon wieder zu. Einige Monate ſpäter ging auch ſie, nachdem ſie mir von ihrem Sterbebette ihre Verzeihung durch den Pfarrer berichten ließ, zur ewigen Ruhe ein.
„Bleib' bei uns, Kamerad!“ ſagte der Major zu mir, als ich ihm den Erfolg meiner Reiſe berichtete.„Ich bin Dein Vater, die Kompagnie Deine Mutter und die Fahne Deine Braut!“
Und ſo geſchah es auch.
„Ja, Kinder,“ fuhr er ſeufzend fort,„ich hab' oft recht
ſchwer an der mir vom Schickſal auferlegten Bürde zu tragen gehabt, und Ihr begreift wohl nun, warum ich heute, an dem 25jährigen Gedenktage dieſer furchtbaren Szene, ſo ernſt und verſtimmt bin.“—
Wir ſchüttelten dem alten ſchwergeprüften Kameraden ſtumm die Hände und folgten, tief erſchüttert, dem in dieſem Augen⸗ blicke ertönenden Signalruf„zum Sammeln“.
Wenige Tage darauf trat Erlau eine ruhige Stellung, die er durch Vermittelung des General⸗Lieutenants erhalten hatte und die er noch jetzt beklewet, in einem der königlichen Schlöſſer an.
Der General⸗Lieutenant beſucht ſeinen alten Kriegskameraden noch oft und iſt dem braven Erlau, der das Höchſte einſetzte im Kampfe für König und Vaterland und treu dem Schwure blieb, in ſteter väterlicher Liebe zugethan.
Plaudereien.
Einem alten polniſchen Schäfer, der auf einem Gute bei Stuhm in Weſtpreußen lebte, machte die Behörde die Mittheilung, in⸗ Polen ſei ſein Bruder geſtorben und habe ihm fünfzigtauſend Silberrubel hinterlaſſen. Statt darüber erfreut zu ſein, weigerte ſich zu allgemeinem Erſtaunen der Schäfer, jene Erbſchaft an⸗ zutreten; er wolle kein Geld von einem Bruder, der ein Gauner und Ruſſenfreund geweſen ſei und dadurch ſeine braven Eltern vorzeitig in's Grab gebracht habe; er ſei auch ſchon viel zu alt, und habe keine Luſt, für lachende Erben ſeine Ruhe aufzuopfern, darum wolle er zufrieden ſein mit dem, was er im Schweiße ſeines Angeſichts erworben. Die Anverwandten des Alten aber waren anderer Anſicht, und da alle Vorſtellungen bei dem eigen⸗ ſinnigen Schäfer fruchtlos blieben, ſo riefen ſie die Hilfe des Ge⸗ richtes an. Dieſes entſchied denn auch zu Gunſten der Kläger und verurtheilte den Schäfer— fünfzigtauſend Rubel zu erben. Gewiß ein Rechtsſpruch, wie er noch nicht dageweſen iſt!—*
Ein Anſiedler in Texas wurde eines Nachts durch ein eigen⸗ thümliches polterndes Geräuſch, welches von einem Topfbrete her⸗ kam, aus dem Schlafe geweckt, gleich darauf folgte ein heftiges Krachen, ein Theil des Küchengeſchirres ſtürzte herab und zerſchellte. Der Mann war mit einem Satze aus dem Bette, um nach der Urſache dieſer Zerſtörung zu ſehen, und was entdeckte er? Eine große Schlange in einer ſehr mißlichen, unbequemen Situation. Das Thier war durch eine Anzahl Eier, die auf dem Topfbrete umherlagen, herbeigelockt worden und hatte, um zu ſeiner Beute zu gelangen, den Kopf und einen Theil des Leibes durch den Henkel eines vor den Eiern ſtehenden großen Waſſerkruges geſteckt. Als es aber die Eier verſpeiſt hatte und ſich wieder entfernen wollte, fand es ſich gefangen; die verſchlungenen Eier hatten die Schlange derart angeſchwellt, daß ſie ſich nicht wieder durch den Henkel hindurch⸗ zwängen konnte. Wie ſich von ſelbſt verſteht, mußte das Thier ſeine Naſchhaftigkeit mit dem Leben büßen..
Auf der herzoglichen Bibliothek zu Oels, die gegen zwanzig⸗ tauſend Bände zählt, finden ſich zwei Merkwürdigkeiten. Die erſte iſt ein von Luther ſelbſt geſchriebenes Begleitſchreiben zu einer von ihm 1541 überſandten, auf Pergament gedruckten Bibel. Die andere Kurioſität beſteht in einer— Flinte des berüchtigten Räubers
Schütze⸗Melcher oder Melchior Hedlof, der 1650— 1654 die Medjiborer Waldungen unſicher machte und nach den noch vor⸗ handenen Unterſuchungsakten ſammt ſeinem Gefolge zu Oels hin⸗ gerichtet wurde. Dieſe Flinte weiſt zweihunderteinundfünfzig Einſchnitte auf, nach des Blutmenſchen eigenem Geſtändniß das genaue Regiſter der von ihm umgebrachten Menſchen. 4
Zur Verbeſſerung der Luft in Krankenzimmern ſtelle man 1 friſches Waſſer in größeren, weiten, offenen Gefäßen auf den Boden des betreffenden Lokals. Das Waſſer nimmt, beſonders bei anſteckenden Krankheiten, viel ſchädlichen Stoff aus der Luft auf, darf daher natürlich weder von Menſchen noch von Thieren be⸗ nutzt oder genoſſen werden, weil ſchon öfters der Genuß von Waſſer, welches in Krankenzimmern auch nur eine Nacht geſtanden, ſelbſt anſteckende Krankheiten weiterverbreitet hat. 2
Eine Dame in den beſten Jahren und von noch recht leidlichem Aeußeren hatte den Fehler, eine etwas rauhe Stimme zu beſitzen. Sie ſuchte freilich dieſes Unglück möglichſt zu verbergen, aber es gelang ihr nicht immer. Einſt begegnete ſie einem blinden Bettler, zog ihre Börſe, drückte dem Manne ein Geldſtück in die Hand und flötete ihm ein paar freundliche Worte zu. Der Blinde betaſtete das Geldſtück, lauſchte und ſagte dann gerührt:„Ich danke Ihnen,
Herr Oberſt!“—
Zu dem berühmten Arzte Hufeland ſagte einſt eine hoch⸗ V geſtellte Perſönlichkeit:„Sie ſind ein erfahrener Arzt und kennen den menſchlichen Körper ſo genau, daß Sie doch im Stande ſein müßten, alle Krankheiten heilen zu können.“—„Es geht uns Aerzten,“ erwiderte Hufeland,„wie den Nachtwächtern. Wir kennen wohl die Straßen genau, aber wie es im Innern der Häuſer ausſieht, können wir nur vermuthen.“
Mitte der fünfziger Jahre machte der Friſeur Deſine in Paris die Erfindung, die Augenbrauen zu vergolden. Mehrere Damen aus den höchſten Ständen machten dieſe Mode mit, aber ſie ver⸗ ſchwand bald wieder, weil die Kaiſerin Eugenie dieſelbe nicht annahm. 5
Otto Freitag in Dresdeu.— Oruck von
8. W. Gleihner in Dresden.


