Jahrgang 
1 (1879)
Seite
118
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Concordia.

keine Ehrenzeichen anlegen zu brauchen, und ſo wollen Sie mir geſtatten, auch dieſes Zeichen als Beweis der Huld meines Königs aufzubewahren.

Nun, wie Du willſt, Kamerad, heb' Dir's auf. Aber nun ein ernſtes Wort! Du haſt um Deine Entlaſſung aus dem Militärverbande und um eine Civilverſorgung nachgeſucht? Warum willſt Du uns verlaſſen?

Halten zu Gnaden, Erzellenz, es iſt mir ſchwer geworden, dieſen Schritt zu thun, aber ich kann's nicht ertragen, daß ich von allem ſchweren Dienſt dispenſirt werde, ſo geradezu das Gnadenbrot eſſen und mich von meinen Kameraden durch⸗ ſchleppen laſſen ſoll.

Ach, dummes Zeug, alter Kamerad, wirſt doch nicht in Abrede ſtellen, daß Alle Dich gern haben? Na, ich habe die Gründe geachtet und mich für Dich nach einem ruhigen Poſten umgeſehen, den ich glücklicherweiſe auch gefunden habe. Nun, Kamerad, jetzt frühſtücke und nach dem Einrücken komme zu mir, damit wir über das Weitere Rückſprache nehmen können.

Nach dieſen Worten ſchüttelte er dem Alten herzlich die Hand und ging zu den anderen Offizieren zurück.

Vater Erlau ſaß ſchweigend, mit dem Rücken an die Buche gelehnt, düſter vor ſich hinblickend, da und das reiche Frühſtück blieb unberührt.

Aber langt doch zu, Vater Erlau, mahnte ein im Kreiſe Sitzender den Alten.

Indeſſen er rührte nichts an, ſondern ſprach:

Theilt's Euch, Kameraden, ich habe heute keinen Appetit.

Ach, Vater Erlau, ſprach ich zu dem Alten,wem könnte ein Biſſen munden, wenn Ihr ein ſo ernſtes und trauriges Geſicht macht? Was iſt's, das Euch ſo quält, Kamerad? Theilt es uns vor Eurem Abſchiede noch mit.

Alle ſtimmten in meine Bitte ein und der Alte, heute mittheilſamer als ſonſt, kam derſelben nach und erzählte folgende ernſte Epiſode aus dem Soldatenleben, die ich mit ſeinen eigenen Worten wiederzugeben verſuchen will.

Er begann:

Meine Heimat iſt das Städtchen W. an der Grenze unſeres Landes. Als einziges Kind meiner nicht unbemittelten Eltern genoß ich eine gute Schulbildung, um mich ſpäter dem Kaufmannsſtande zu widmen.

Im Jahre 1847 wurde ich durch den Eintritt zum Militär aus meiner Carriére herausgeriſſen, doch ließ ich mir keine grauen Haare darüber wachſen, denn ich dachte mir, die kurze Dienſtzeit iſt ja bald zu Ende und dann kann ich meine Arbeit wieder aufnehmen.

Ja, der Menſch denkt und Gott lenkt, fuhr er ſeufzend fort,ich ſah meine Heimat nur noch einmal wieder und mußte ſie nach kaum zweiſtündigem Aufenthalte, begleitet von den gräßlichſten Flüchen meiner Mutter, ohne Troſt wieder verlaſſen.

Es war eine ernſte und böſe Zeit, als ich unſerem Regimente eingereiht wurde. Hier und da zuckten die Blitze der Revolution auf, Hunderttauſende von deutſchen Bürgern machten ſchon im nächſten Jahre Front gegen die Regierungen, indem ſie auf ihre wehenden Fahnen das ſtolze Wort Freiheit ſchrieben, und in vielen Städten Deutſchlands hob die wilde, zügelloſe Empörung ihr blutiges Haupt empor.

Auch mein Vater hatte ſich, aufgeſtachelt durch die exaltirten Reden der ſogenannten Volkstribunen, der Revolution in die Arme geworfen und ſeine Briefe an mich ſtrotzten von verletzenden Aeußerungen gegen den Soldatenſtand, und doch leuchtete zwiſchen jeder Zeile die zärtlichſte Vaterliebe hin⸗ durch.

Da begann, fuhr Erlau in ſeiner Erzählung fort,das fuchtbarſte Jahr meines Lebens, das Jahr 1849.

Bereits in den erſten Tagen des Monats Mai drang die Kunde von dem Ausbruche der Revolution in D. zu uns. In der Nacht zum 5. Mai wurde unſer Regiment alarmirt

und wir rückten nach dem Bahnhofe ab, woſelbſt die Erxtrazüge,

die uns nach D. bringen ſollten, ſchon in Bereitſchaft ſtanden.

Wir fuhren ab und gelangten am Morgen des 6. Mai in D. an, wo wir eine Stunde vor der Stadt ausſtiegen, uns formirten und zum Vorgehen in das Gefecht bereit hielten.

Der wundervolle Frühlingsmorgen bildete einen grellen Kontraſt zu den blutigen Szenen, die uns bevorſtanden! Die mit Millionen weißer Blüthen geſchmückte Landſchaft ſchien unter den Gewehr⸗ und Kanonenſchüſſen, die von der Stadt zu uns herausdrangen, zu erbeben, dichte Rauchwolken ſtiegen zu dem im reinſten Blau ſich über uns wölbenden Himmels⸗ dome auf, gleichſam als wollten ſie der hellſtrahlenden Sonne den blutigen Anblick verbergen, der ſich in der Stadt dem Auge darbot. Die Lerchen ſtiegen jubelnd in die Lüfte und ließen, unbekümmert um die Leidenſchaften der Menſchen, ihre Lieder erſchallen. Ach, ſie ſangen ſo manchem braven Kameraden und manchem unglücklichen Bethörten, der in der Stadt ſein Leben aushauchte, den Todtengeſang.

Zwei volle Stunden brachten wir in unſerer Unthätig⸗ keit zu.

Ihr Alle wißt, daß die Augenblicke vor einem bevorſtehen⸗ den Kampfe die aufreibendſten und erſchütterndſten ſind. Keiner wagt zu ſprechen, und hier und da flüſtert Einer dem Anderen zu:Kamerad, wenn ich fallen ſollte, nimm mir die Brieftaſche ab und ſende ſie meinen Eltern.Da habe ich einen Ring, ſagt ein Anderer,ſende ihn, wenn mir et⸗ was Menſchliches paſſirt, meiner Braut, ꝛc. Jeder denkt an ſeine Lieben in der Heimat und fragt:Werde ich Euch wiederſehen?

Nur ein eitler Prahler oder ein völlig herz⸗ und gefühl⸗ loſer Menſch wird behaupten, daß ſolche Stunden ohne Ein⸗ druck auf ihn geblieben ſind.

Endlich kam der Adjutant mit dem Befehl zum Vorrücken

aus der Stadt geſprengt und wir marſchirten vor.

Die Stadt bot einen grauenvollen und wilden Anblick dar. Das Pflaſter war theilweiſe aufgeriſſen, um im Verein mit Möbeln, Thüren, Fenſterläden ꝛc. zu Barrikaden zu dienen; mehrere Häuſer waren durch Feuer in Schutthaufen verwandelt und unter das Knallen der Gewehrſalven und den Kanonen⸗ donner miſchten ſich die grauſigen Töne der Sturmglocke.

Das war die furchtbarſte Illuſtration zu den Verſen Schiller's:

Freiheit und Gleichheit! hört man ſchallen, Der ruh'ge Bürger greift zur Wehr,

Die Straßen füllen ſich, die Hallen,

Und Wurgerbanden zieh'n umher.

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