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Concordia. 117
„Ach geh', Du biſt ein ſchändlicher Menſch und handelſt geradezu als—“
„Nun, als?“ fragte der Hofrath lächelnd.
„Mindeſtens iſt Deine Handlungs⸗ und Denkweiſe ſehr unehrlich!“. b
„Ah, Dein Bruder Edgar ſcheint Dich angeſteckt zu haben! Aber es ſteht Dir verteufelt ſchlecht, den Moralprediger zu ſpielen.“
„Genug davon; aber wenn Du mein Freund bleiben willſt; ſo ſprich mit Achtung von Agnes.“
„Nun denn, zu etwas Anderem. Sämmtliche Vormund⸗ ſchafts⸗Rechnungen ſind zu meinem Vater gebracht.— Er iſt eben im Begriff, ſie durchzuſehen; da werden wir dem Fuchs auf die Schliche kommen.“
„Ganz gut! Ich habe nichts dawider, daß Ihr dem Vater
zu Leibe rückt; aber Mutter und Tochter zu quälen, das iſt— niederträchtig!“
Das Geſpräch, das in ziemlich gereiztem Tone geführt worden war, wurde durch den Eintritt des Sekretärs unter⸗ brochen.
„Meine Herren,“ begann dieſer,„eben läßt ſich Jemand bei dem Herrn Geheimrath zum Beſuch melden—“
„Nun, wer iſt's?“ fragten Arthur und der Hofrath faſt zugleich.
„Ihr Herr Bruder, Edgar Walther!“
„Mein Bruder hier in dieſem Hauſe? wollen?“
„Er ſieht äußerſt erregt aus.— Wollen Sie fragen, Herr Hofrath, ob es Ihrem Herrn Vater gelegen iſt?“
(Fortſetzung folgt.)
Was mag er
Treu dem Schwur.
Erzählung aus dem Soldatenleben.
Wenn ich im Buche der Erinnerung nachblättere und meine alten Kameraden Revue paſſiren laſſe, ſo kommt mir immer und immer wieder einer vor die Augen, deſſen Bild ſich tief in mein Herz eingeprägt hat.
Es iſt dies ein gar ſtiller, wortkarger Alter, der ſogenannte „Kompagnie⸗Vater“ in der dritten Kompagnie des X. Füſilier⸗ Regiments, welcher 27 Jahre unter der Fahne geſtanden und jede ihm gebotene Dienſtauszeichnung, ja ſogar jedes Avancement beharrlich ablehnte, nichtsdeſtoweniger aber in ganz beſonderer Gunſt der Mannſchaften und Offiziere, namentlich aber in der des Diviſions⸗Kommandeurs, des General⸗Lieutenants v. W., ſtand.
Erlau, ſo hieß der Alte, hatte eine tüchtige Schulbildung genoſſen und war faſt in jedem Fache der Wiſſenſchaft„au fait“. Wenn trotzdem Niemand mit ihm in näheren Umgang treten konnte, ſo lag der Grund nur in ſeinem ſchroffen, etwas ab⸗ ſtoßenden Weſen, welches er, wie wir ſpäter erfuhren, nur angenommen hatte, um unberufene Neugierige, die ſich in ſeine allerdings abnormen Verhältniſſe drängen wollten, von ſich fernzuhalten.
Nur Wenigen war es vergönnt, aus ſeinem Munde den grauenhaften Grund zu hören, der den braven Alten ver⸗ anlaßt hatte, bei der Fahne zu bleiben, ſie als ſeine Heimat und die Kompagnie als ſeine Familie zu betrachten.
Es war im Anfang Mai des Jahres 1874. Wir hatten ſoeben eine anſtrengende Felddienſtübung beendet und ſaßen nun, die einſtündige Friſt benutzend, beim frugalen Frühſtück in dem unſeren Exerzirplatz umſäumenden Walde. Ich hatte mit ſechs Kameraden, worunter ſich auch Vater Erlau befand⸗ unter einer mächtigen, weithin Schatten ſpendenden alten Eiche
Platz genommen, und eben im Begriff, es uns recht bequem
zu machen, wurden wir durch den Diviſions⸗Kommandeur ge⸗ ſtört, welcher, gefolgt von der mit einem Korbe bepackten Ordonnanz, gerade auf unſeren Platz zuſchritt.
„Laßt Euch nicht ſtören, Kinder, und bleibt ſitzen!“ rief er uns zu, als er ſah, wie wir, um das übliche Honneur zu machen, aufſprangen, und zu Erlau gewendet, fuhr er fort: „Da biſt Du ja, alter Kamerad! Hab' Dich von Ort zu
Ort geſucht, um'mal ein ernſtes Wort mit Dir zu reden. Vorerſt einen Platz, hab' da einen Imbiß und einige Fläſch⸗ chen Rüdesheimer mitgebracht, um heute mit Dir zu früh⸗ ſtücken.“
Bald waren die Flaſchen entkorkt, der Kommandeur reichte dem Alten das Glas und ſprach:
„Na, ſtoß' an, Kamerad!“
Der alte Soldat fuhr ſich mit der Hand über die Augen und ſtieß, nachdem dies geſchehen, mit dem General an; aber die Gläſer gaben einen gar dumpfen, unmelodiſchen Klang.
Der Alte hob ſein Glas in die Höhe und murmelte:
„Ruhe ſanft, armer guter Vater! Möge der liebe Herr⸗ gott Dir und mir verzeihen!“
Darauf goß er ſein Glas auf einen Zug hinunter und blickte ſtarr vor ſich nieder.
Der General ſchaute ihn mitleidig in das tiefgefurchte Antlitz, reichte ihm alsdann die Hand und ſprach:
„Laß die Todten ruhen, Kamerad!“
„Erzellenz,“ entgegnete mit bewegter Stimme der Alte, „' ſind heute gerade 25 Jahr und die alte Wunde will noch immer nicht aufhören zu brennen.“
„Weiß wohl, Kamerad,“ ſprach beſänftigend der General, „und eben weil es heute 25 Jahre ſind, komme ich zu Dir. — Seine Majeſtät der König haben geruht, Dir in Folge Deiner 27jährigen Dienſtzeit durch mich das Verdienſtkreuz zu überſenden, und es macht mir hohe Freude, Dir dieſen Ehrenſchmuck ſelbſt an die Bruſt heften zu können.“
Bei dieſen Worten hatte er ein Etui aus der Taſche ge⸗ zogen und war eben im Begriff, das darinliegende Kreuz anzuheften, als Erlau, die Hände zur Abwehr vorſtreckend, ſprach:
„Halten zu Gnaden, Exzellenz! So groß auch die Ehre iſt, muß ich doch auf das Tragen des Kreuzes verzichten.— Hab' da außen kein Kreuz nöthig!— Das Kreuz, das ich heute vor 25 Jahren bekam und das ich ſeit jener Zeit tief im Herzen mit mir herumtrage, iſt ſchon ſchwer genug! Exzellenz wiſſen, daß ich mir die Gnade ausgebeten habe,


