Jahrgang 
1 (1879)
Seite
115
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Concordia.

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Frau und Tochter hingen ſich ſchluchzend an ſeinen Hals, während Edgar ernſt vor ſich hinblickte.

Endlich ſprach er:

Edgar, bleiben Sie bei Weib und Kind! Und dieſe feſt an ſich drückend, fuhr er mit erhobenem Blicke fort:Gott! Du kennſt mein Herz! Du ſiehſt dieſe Thränen Du ſiehſt, daß uns die Menſchen verderben! Verzweifelnd heben wir unſere Hände zu Dir auf, Du biſt gerecht, in Deine Hände befehle ich unſer Schickſal! Verzaget nicht, meine Lieben! Hoffentlich ſehen wir uns bald wieder.

Unter den lauten Thränen der Seinen wurde er abgeführt.

10. Kapitel. Auf der Fährte.

Wie recht hat doch Anderſen, wenn er ſchildert, daß der Mond mehr Leid als Freude ſieht! Und wenn dies ſchon an gewöhnlichen Tagen geſchieht, um wie viel mehr iſt es am Weihnachtsfeſte der Fall!

Was nützt dem der ſtrahlende Chriſtbaum, deſſen Herz von namenloſem Weh erfüllt iſt! Was nutzen die Geſchenke, wenn man die liebſten Perſonen betrauert, deren Gegenwart allein das Glück ſchaffen könnten! Wohl giebt es auch Häuſer, in welchen die Weihnachtsfreude ungetrübt Einzug gehalten hat. In ein ſolches Haus will ich Dich jetzt führen, lieber Leſer.

Der helle Wintertag neigte ſich ſeinem Ende zu. In Schlaf verſunken ſtanden bereits die dunklen Fichten und Tannen und ächzten unter der Laſt des ſie bedeckenden Schnee's.

Trotz der Kälte herrſchte aber in den Straßen der Stadt ein äußerſt reges Leben. Durch die Straßen liefen ſorgliche Eltern, heitere, erwartungsvolle Kinder und aus mehr als einem Munde ſchallte das Lied:

Stille Nacht! Heilige Nacht!

Es war Chriſtabend. Feierlich ſchon riefen die Kirchen⸗ glocken zur Chriſtmette, und hier und da drang bereits heller Lichterglanz aus den Fenſtern.

Auch das Stübchen, welches Werner mit ſeiner Mutter und Schweſter bewohnte, ſtrahlte im Kerzenlicht, das von einem duftigen Tannenbaume ausging.

Man ſage nicht, daß der Chriſtbaum nur für Kinder eine Berechtigung habe; o, nein! ein Herz, ſei es auch noch ſo alt, wenn es nur ſeine Jugendfriſche bewahrt hat, wird ſich ſtets des Chriſtbaumes freuen und ſelbſt im Greiſenalter an die Zeit denken, wo es als Kind den Lichterbaum umjubelt, von dem glücklichen Wahn befangen, der heilige Chriſt habe ihn gebracht.

Die Geſchwiſter hatten die Mutter zur Chriſtmette ge⸗ ſchickt und waren jetzt bemüht, die Liebesſpenden für ſie auf dem Tiſche zu ordnen.

Bei dieſer ſüßen Beſchäftigung wurden ſie durch den Eintritt eines Knaben unterbrochen, der Hand trug und nach Fräulein Bertha Werner fragte. Das Mädchen erröthete leicht, nahm aber den Brief an, und nachdem ſie den Knaben beſchenkt entlaſſen hatte, trat ſie an den Chriſtbaum und las den Brief.

Ihr Geſicht bedeckte dunkle Röthe.

Was iſt Dir, Bertha? fragte der Bruder.

Dieſer Brief

welcher einen Brief in

Enthält er Unangenehmes?

Hier, lies ſelbſt, entgegnete ſie, reichend.

Auch ſein Geſicht röthete ſich beim Leſen des Briefes, und als er geendet, murmelte er:

Clender, nichtswürdiger Bube! Was denkſt Du zu thun, Bertha? fragte er die Schweſter ſanft.

Was ſoll ich anders thun als das Schreiben, ſowie den Schreiber ignoriren.

Nein! rief Werner,ich will den Buben züchtigen!

Ernſt! bat Bertha.

Laß mich, Schweſter! Es iſt jetzt fünf Uhr; die Mutter kehrt erſt in einer Stunde zurück, und deshalb will ich ihn ſtatt Deiner in der Laube empfangen, und zwar auf ſolche Art, daß ihm die Luſt zu ferneren Inſulten vergehen ſoll.

Trotz des Bittens der Schweſter, welche fürchtete, daß der Hofrath Salfeld denn von dieſem war der Brief deu Bruder zu einer heftigen That reizen könne, griff er er nach dem Hute nnd ſprach:

Fürchte nichts, Bertha! In einer halben Stunde bin ich wieder bei Dir.

Er eilte hinab in den Garten, und kaum war er in der Laube angelangt, ſo trat der Hofrath ein.

Die herrſchende Finſterniß mochte wohl ſchuld ſein, daß er die Umriſſe Werner's für die Bertha's hielt.

Ich komme, liebe Bertha, mir heute den Lohn zu holen

Für was? rief Werner, indem er anfſtand und ihm den Weg vertrat.

Ah, irre ich nicht Herr Werner? ſtammelte der Hof⸗ rath verlegen.

Gewiß, ich bin Werner, der die Pflicht hat, ſeine Schweſter vor den bubenhaften Inſulten eines eines Elenden zu ſchützen!

Herr Werner, ſprechen!

O, gewiß nicht! höhnte Werner.

So menagiren Sie ſich und mäßigen Sie ich könnte ſonſt

Was? fragte Werner feſt.

Nun, ich könnte dafür Sorge tragen, daß ſich Ihnen die Thüren des Gefängniſſes auf's Neue öffnen!

Sie überſchätzen Ihre Macht, Herr Hofrath! entgegnete Werner kalt,und vergeſſen, daß es auch Gefängniſſe für Schurken giebt, die in ſogenannten hohen Stellungen leben doch dies nur nebenbei. Sie haben die Frechheit gehabt, meiner Schweſter heute einen Antrag zu ſtellen, der ſowohl von der Erbärmlichkeit Ihres Charakters als auch von Ihrer bodenloſen Gemeinheit zeugt. Die Ehre meiner Schweſter aber habe ich zu ſchützen, und bei Gott! dieſe Pflicht werde ich in ihrem ganzen Umfange thun. Ihren heutigen frechen Brief werde ich mit Ihrer vollſtändigen Unterſchrift und der gehörigen Einleitung in unſerer Zeitung veröffentlichen, damit das Publi⸗ kum lieſt, was es von Leuten Ihres Gelichters zu halten hat, und der Fürſt erfährt, an welche Buben ſeine Titel ver⸗ ſchwendet.

Herr Werner Sie werden doch nicht

Ich werde, Herr Hofrath! Ich werde!

Aber wenn ich nun

dem Bruder den Brief

Sie ſcheinen zu vergeſſen, mit wem Sie

Ihre Ausdrücke,

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