114 Concordia.
„O,“ rief endlich Frau Elsner,„daß doch Arthur ſo ſchändlich handeln und Klage gegen den Vater anſtrengen konnte!“ „Ach, auch ohne dies wäre das Furchtbare geſchehen, Mutter,“ entgegnete Agnes.„Man will uns vernichten, wir ſollen unglücklich ſein!“ In dieſem Augenblicke trat ein Aktuar des Gerichtes mit zwei Gerichtsdienern in das Zimmer. „Was iſt das für ein Zimmer?“ fragte er ohne Gruß. „Unſer Wohnzimmer,“ verſetzte Frau Elsner. „Alſo Nr. 3.— Nun, Madame, Sie brauchen ſich nicht zu ängſtigen; wer den Bankerott recht verſteht, kann ein reicher Mann dadurch werden— und ich halte Herrn Elsner für einen ſchlauen Mann.“ Frau Elsner richtete ſich ſtolz auf und entgegnete ernſt: „Keine Beleidigungen, mein Herr! Wir ſind Unglückliche, und wollen es lieber ſein als Niederträchtige.“ „Nun denn, wie Sie wollen! Jeder iſt ſeines Glückes
Schmied; ſo will ich denn auch genau nach der Vorſchrift verfahren.— Alſo das Wohnzimmer, Nr. 3.— Allons, an⸗ geſchrieben!“ rief er den Gerichtsdienern zu, und nachdem dieſe mit Kreide die betreffende Zahl über die Thür geſchrieben, fuhr er fort:„Der Herr Sekretär notiren ſelbſt unten mit Herrn Elsner! Iſt keine Tapetenthür?“
„Nein!“
„Fall⸗ oder ſonſtige Thür?“
„Nein!“
„Was iſt von Effekten hier?“
„Was Sie ſehen!“
„Schließen Sie den Schreibtiſch hier auf!“
Frau Elsner that es mit einem Seufzer, während Agnes ihr Geſicht mit den Händen bedeckte.
Der Aktuar durchwühlte haſtig die Papiere; da Frau Els⸗ ner ſah, daß er Alles durcheinander warf, bat ſie:
„Bitte, verfahren Sie vorſichtig, mein Herr; es ſind Quittungen, nach Jahrgängen geordnet.“
„Können's ja wieder zuſammenlegen,“ entgegnete er grob; und einige Bücher erblickend, fuhr er fort:„Was iſt das?— Rechnungs⸗Bücher?“
„Nur meine Wirthſchafts⸗ und Ausgabe⸗Bücher.“
Er blätterte die Bücher durch und warf ſie wieder hinein. Jetzt griff er nach einem ſchönen Schmuckkäſtchen.
„Was iſt darin?“
Agnes entgegnete:
„Nur unbedeutende Kleinigkeiten.“
„Umgeſtürzt!— daß man es ſieht.“
Agnes war im Begriff, dem ſchroffen Befehle nachzukommen, doch Frau Elsner ſtellte ſich dazwiſchen, und mit Mühe an ſich haltend, fragte Sie:
„Muß das ſein?“
„Das werden Sie gleich ſehen!“ entgegnete der Aktuar; er ergriff das Käſtchen und ſtürzte es ohne Weiteres um. „Flortand— Putzſachen— nun, es kann immer noch etwas für die Maſſe gelöſt werden!— Jetzt kommen Sie in das andere Zimmer.“
Er ging mit Frau Elsner in das anſtoßende Zimmer und Agnes blieb weinend zurück.
Bald darauf trat Edgar ein.
„Meine gute Agnes,“ begann er nach herzlichem Gruß, „wir leben in einer Zeit, wo Sie von Jedem, der zu Ihnen kommt, erwarten müſſen, daß er Ihnen eine ernſte Nachricht bringt.“
„Leider!“ entgegnete bewegt Agnes.
„Auch ich habe eine ſolche. Ihr Vater hat einen heftigen Auftritt mit dem Sekretär gehabt. Dieſer hat ihn ſchändlich beleidigt—“
„O, mein Gott!“
„Ihr Vater hat dem Böſewicht die Mißhandlung thätlich zurückgegeben. Für den Augenblick kann ihm dies Fatalitäten zuziehen. Ich mußte Sie davon benachrichtigen, denn es läßt ſich nicht vorausſehen, wie der Haß des Geheimrathes dieſen Umſtand benutzen wird, um ihn ſeinen Racheplänen dienſtbar zu machen.“
In dieſem Augenblicke trat Elsner erregt ein; ihm folgte ſeine Frau, welche ſchmerzlich die Hände rang.
„Und wenn es mir auf der Stelle das Leben gekoſtet hätte!“ rief Elsner;„elender, nichtswürdiger Schurke!“
„O, mein Gott, nun ſind wir verloren!“ rief Agnes.
„Seien Sie ruhig!“ tröſtete Edgar,„ich war Zeuge, daß er Herrn Elsner mißhandelte.
„Als er von Unterſchleif der Pupillengelder ſprach— von Zuchthäuſern für pflichtvergeſſene Vormünder— ja, dann war's mit mir vorbei!— O, warum hielten Sie mich zurück, Edgar?“
„Bitte, hören Sie mich jetzt an, Herr Elsner,“ bat Edgar, „wir dürfen keine Zeit verlieren.— Alſo, um vorerſt die Hauptſache zu heben— bedienen Sie ſich meines Vermögens wie des Ihrigen.“.
Frau Elsner und Agnes reichten Edgar mit Dankesworten die Hand.
Elsner aber entgegnete feſt:
„Ich danke Ihnen, Edgar, aber ich kann Ihr Anerbieten nicht annehmen.“
„Ich bitte innig, nehmen Sie es!“ drängte Edgar,„es iſt kein Augenblick zu verlieren.“
„Ich kann nicht!“ entgegnete Elsner feſt.
„Sie thun mir namenlos weh, Herr Elsner.“
„Glauben Sie mir, Herr Walther, bei Gott! meine jetzige Verleugnung iſt nicht Hochmuth! Das Selbſtgefühl allein erhebt mich über das Unglückl“
„Aber bedenken Sie Ihre Familie!“ bat Edgar.
„Wenn mein Weib und meine Tochter nicht fühlten, wie ich jetzt fühle, ſo wären ſie arm, auch wenn ich ihnen Alles hinterließe, was ich jetzt verliere!— Sehen Sie, Edgar, be⸗ täubt mich das Unglück, oder hält mich eine höhere Hand auf⸗ recht?— Ich weiß es nicht.— Aber ich achte den Glücks⸗ wechſel nicht ſo hoch als Sie!“.
„Nun, ſo werde ich ohne Ihren Willen handeln!“ ſprach Edgar feſt.
In dieſem Augenblicke trat der Kommiſſar mit zwei Ge⸗ richtsdienern ein.
Er ſchritt auf Elsner zu und ſprach:
„Herr Elsner, Sie ſind verhaftet!“
„Auf weſſen Befehl?“ fragte der Angeredete ruhig.
„Auf Beſehl des Geheimrathes von Salfeld.— Bitte, kommen Sie.“


