Jahrgang 
1 (1879)
Seite
112
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112 Concordia.

unterdrückte ſie denn auch mit ihrem ſtereotypen Lächeln und mit ihrer Freundlichkeit gegen Jedermann von vornherein konſequent jede Wallung in den Herzen ihrer Schülerinnen. Nach einigen Tagen ſchon hatten wir uns in der Schulſtube vollſtändig eingerichtet, und wenn auch Miß Penfold wahrhaft erſchrocken ſein mochte, als ſie ſah, wie ſchwach es um mein Wiſſen und Können beſtellt war, ſo war ſie doch zu wohl⸗ erzogen, um mich dieſes merken zu laſſen, und wir trieben unſere Studien, als ob ich eine ihrer hoffnungsvollſten Schüler⸗ innen ſei. Doch was nützte mir dieſe Pflege und Bildung meines Geiſtes, während mein Herz vereinſamt und vernach⸗ läſſigt wurde! Dieſes verſchmachtete faſt, eine Blüthe deſſelben nach der anderen ſiel ab, ſie fanden keine Nahrung, ſo oft ſie auch verſuchten, in dem dürren Boden des Umgangs mit Miß Penfold Wurzel zu ſchlagen.

Unendlich ſchmerzlich entbehrte ich meine Mama, jetzt noch mehr als zu Anfang. Es wurde mir klar, daß Niemand je mir dieſe erſetzen könne. Die Couſine Marcia würdigte mich nie eines Wortes, wie viel weniger noch einer Liebkoſung, mitunter kam mir ſogar oft der Gedanke, daß ſie mich haſſe; den Vetter Ulih ſah ich ſelten und eigentlich nur in Gegen⸗ wart der Schweſter; da hatte ich dann nie Gelegenheit, ihm mein Herz auszuſchütten. Auch Miß Penfold ſchnitt mir jede Möglichkeit dazu ab, obſchon ich nicht ſagen kann, daß ſie mich mit Worten zurückſtieß. Wenn ich jedoch einmal ver⸗ ſuchte, mir meine Studien zu erleichtern, indem ich behauptete, ſie ſeien mehr ein Vergnügen wie eine Pflicht, ſo wußte ſie durch ihr Weſen dieſen Gedanken bald zu unterdrücken; ließ ich es mir aber gar einfallen, während der Schulſtunden ihre Hand zu erfaſſen, ſo zog ſie dieſe abweiſend zurück und er⸗ mahnte, daß dergleichen während des Unterrichts nicht ge⸗ ſchehen dürfe, ich müſſe meine Aufmerkſamkeit ſtets bei der Sache haben. Ein⸗ oder zweimal wagte ich, meinen Kopf, der beim Studiren in der Arithmetik und Geſchichte oft ganz ſchwindelig wurde, an ihre Schulter zu lehnen; das nahm ſie jedoch ſo auf, als ob ich einen Verſtoß begangen hätte.

Miß Fleming, ich muß Sie dringend bitten, ſich gerade zu halten und nicht zu vergeſſen, daß wir bei der Arbeit ſind. Ich darf es nicht dulden, daß Sie ſich ſo gehen laſſen, Sie verderben Ihre ganze Haltung.

Was blieb mir anders übrig, als mich wieder auf meinen unbequemen Stuhl mit der geraden Rücklehne, den man als eine nothwendige Zugabe der Gouvernante für mich herbei⸗ geſchafft, hinzuſetzen, und der Gang durch die Grammatik, Ge⸗ ſchichte und Geographie begann auf's Neue.

Leider hatte die Couſine nur zu ſehr recht, wenn ſie be⸗ hauptete, ich wiſſe noch nichts; doch man hätte beim Beginn meiner Ausbildung wohl etwas gnädiger mit mir verfahren können, aller Anfang iſt ſchwer und unintereſſant. Bis dahin war mir jede Geiſtesbeſchäftigung fremd, und nur mich daran zu gewöhnen, war ſchon ein Studium für mich; doch das berückſichtigte weder Miß Penfold, noch die Couſine Marcia, die offenbar bei meiner ganzen Erziehung ihren Ein⸗ fluß geltend machen wollte. Sie wiederholte immer, ich ſollte meine Zeit nicht unbenutzt vorübergehen laſſen; mit Aus⸗ nahme der Mahlzeiten und der Morgenſpaziergänge, die ich nun nicht mehr mit Pinner, ſondern mit Miß Penfold machte, was auch ein ſchlechter Tauſch war, wurde mir kein freier

Moment gegönnt. Wenn ich mich ſo von der erſten bis zur letzten Stunde durchgearbeitet hatte, waren Kopf und Finger müde, mein kleines Gehirn wirbelte, und trotz meines mir angeborenen Frohſinns perlten mir oft die Thränen über die Wangen.

Mußten alle dieſe Proceduren, die hinreichten, auch das widerſpenſtigſte Kindesgemüth zu beugen, wenn ich jede Stunde mehrfach hinausgejagt wurde, jedes Wort zwei⸗ oder dreimal wiederholen mußte und dergleichen, nicht die Wirkung haben, den Muth eines Kindes, das keine Mutter hatte, bei der es Troſt und Rath ſuchen könne, niederzubeugen? Der meinige wankte, das fühlte ich. Wenn ich ſah, daß die mir zudiktirten Strafen das klarſte Unrecht waren, bäumte ſich mitunter mein altes Temperament dagegen auf; das hatte nur zur Folge, daß meine Leiden ſich verdoppelten. In ſolchen Augenblicken, wenn mir weder von der Couſine noch von Miß Penfold Recht und Gerechtigkeit zutheil wurden, floh ich verzweiflungsvoll auf meine Kammer, ſchloß mich dort ein, rief weinend nach meiner Mutter und ſehnte mich danach, in Saltpool an ihrer Seite ruhen zu können.

Ich bin überzeugt, der Vetter Ulih wußte von alledem nichts, denn merkwürdigerweiſe verhinderte die Couſine nie, ſelbſt nicht, wenn ich ihrer Behauptung nach beiſpiellos un⸗ gezogen geweſen war, daß ich nach Tiſch angezogen und nach der Wohnſtube geführt wurde; einſtmals, als ich dieſes nach einer der heftigſten Szenen hartnäckig abnahm, kam ſie ſelbſt, glättete eigenhändig mein Haar und wußte mich durch Schmeicheln zu beruhigen und meine gute Laune wieder hervorzurufen. Es kam mir nie in den Sinn, dem Vetter mein Leid zu klagen, in meiner Lebhaftigkeit war dieſes auch immer ſofort vergeſſen, und wenn ich zu ihm kam, hatte ich Anderes zu beſprechen. Oft war er auch Abends, wenn er daheim blieb, ſtill und angegriffen, ſodaß ich ihn nie mit Klagen um meiner unbedeutenden Perſönlichkeit willen be⸗ läſtigen mochte. Dazu kam noch, daß ich nicht ſicher war, zu welcher Partei ſich der Vetter, auf den ich ſo unendlich viel hielt, wenn er auch noch ſo kalt und ernſt erſchien, ſchla⸗ gen würde, und doppelt würde es mich gekränkt haben, wenn er, der Einzige im Hauſe, den ich liebte, mir unrecht ge⸗ geben und mich getadelt hätte. Ich vergaß es nie, daß er am Sterbelager meiner theuren Mutter geſtanden und ſich meiner angenommen hatte, als ich von aller Welt verlaſſen war; und wenn er mir auch nie mit einer Silbe ſeine Zu⸗ neigung verrathen, ſo ſagte mir doch eine innere Stimme, daß er mich nicht bei ſich behalten haben würde, wenn er nichts von mir gehalten hätte, und dieſer Gedanke war es, der mich mit allem Feuer meiner Seele an ihm hängen ließ. Ein Wort, ein freundlicher Blick von ihm war in jener ſchwe⸗ ren Zeit ein belebender Sonnenſtrahl für mich, und um dieſen zu erhaſchen, erſann ich alle möglichen Kriegsliſten. Mitunter ſtand ich in aller Frühe auf, um ihm zu begegnen, wenn er fortging, oder bei ihm zu ſein, während er frühſtückte; glück⸗ licherweiſe war die Couſine dann noch nicht bei der Hand, und bei Tage, wenn ich mit meinem ſcharfen Ohr den eigen⸗ thümlichen Ton ſeiner Thür vernahm, wußte ich ſtets einen Grund zu finden, um aus der Thür zu kommen und ihn zu begrüßen.

Eines Tages war ich beſonders ruhelos und lauſchte ängſt⸗ lich danach, den bekannten Ton zu hören; es war im Mai,