Concordia. 111
er mir beim Ausſteigen und führte mich zitternd zur Couſine Marcia.
„Haſt Du Petronel mit ausgenommen?“ fragte dieſe in verdroſſenem Tone, als wir in's Zimmer traten,„und noch dazu in dieſem Aufzuge? Wenn Du es wollteſt, hätteſt Du es mir oder Jemandem im Hauſe ſagen können, wir haben Angſt und Sorge genug um ſie gehabt und ſie in allen Winkeln geſucht. Wir glaubten ſchon, das Mädchen ſei verloren.“
„Das war ſie auch oder wäre ſie faſt geweſen; ich fand ſie in der Fiſcherſtraße, in dem verrufenſten Stadtviertel von Nieder⸗Rockbury, wo ſie leicht beſtohlen oder beraubt oder in Gott weiß welcher Art hätte beleidigt werden können— auf dieſe Weiſe alſo verwalteſt Du Dein Amt, Marcia?“
„Mich trifft die Schuld nicht, ſie muß auf ihre eigene Veranlaſſung fortgegangen ſein. Kannſt Du es mir zum Vorwurf machen, wenn ſie ſo ungehorſam und unbändig iſt?“
„Der Vorwurf trifft uns Beide!“
„O nein, Vetter Ulih!“ rief ich aus, denn es ging mir zu Herzen, wie er ſich hierbei anklagte,„wirklich nicht, ich allein bin an Allem ſchuld. Ich wußte es wohl, daß ich nicht allein ausgehen durfte, doch ich fühlte mich ſo einſam, es war ſo köſtliches Wetter, ich hatte nichts zu thun und ſehnte mich ſo hinaus!“
„Gut, jetzt wirſt Du es doch wohl glauben,“ ſagte Marcia höhniſch lächelnd,„Du hörſt, was ſie ſelbſt ſagt, ſie wußte, daß ſie unrecht handelte, und that es doch. Von mir kannſt Du unmöglich verlangen, daß ich das Thun und das Treiben eines Mädchens in ihrem Alter überwachen ſoll.“
„Warum beſchäftigſt Du ſie nicht, wie es ſein muß, ich habe ja ſchon mehrfach mit Dir darüber geſprochen?“
„Ich kaufte ſchon Bücher und Nähzeug für ſie, doch ſie kann weder leſen noch ſchreiben, ſie kann ſich in keiner Art beſchäftigen.“
Bei dieſer Anſchuldigung, die leider nur zu begründet war, wurde ich blutroth; denn die großen Mängel in meiner Er⸗ ziehung kannte ich nur zu gut.
„Iſt dem wirklich ſo?“ fragte mich der Vetter Ulih.
„Man hat mich nie in alledem unterwieſen,“ antwortete ich mit angſtvollem Herzen und mit Thränen in den Augen, „ich hätte es ſo gern gelernt, wenn ich nur die Gelegenheit gehabt.“
„Gut, die ſollſt Du haben, Petronel, es war unrecht von uns, nicht daran zu denken.— In dieſem Augenblick habe ich keine Zeit, Marcia, doch heute Abend wollen wir die Sache beſprechen. Jetzt, Kind, trockne Deine Thränen ab, hier im Hauſe darf nicht geweint werden.“
Mit dieſen Worten verließ Vetter Ulih das Zimmer und ſtieg wieder in ſeinen Wagen.
Als die Thür ſich hinter ihm geſchloſſen, ſah ich zu ſeiner Schweſter auf, hoffend, daß ſie mir zu erkennen geben würde, daß ſie nicht mehr zürne. Doch der Blick, der dem meinigen begegnete, zeigte unverhohlen Abneigung, und ſie ſagte mir in ſchroffem Tone:„Geh' hinauf zu Pinner; überall, wo nur Dein Name genannt wird, iſt Zank und Aerger.“ Ich ging langſam fort, und offen geſtanden, nicht ohne Trotz; ſie mur⸗ melte mir nach:„Wollte Gott, wir hätten ſie nie geſehen; ich ſehe es ſchon kommen, wir erleben die alte Thorheit noch einmal!“
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Miß Penfold!
8. Kapitel.
Weder Vetter Ulih noch Couſine Marcia erwähnten wieder meiner verunglückten Entdeckungsreiſe. Das Reſultat ihrer Konferenz am Abend war, daß ich etwa acht Tage ſpäter heruntergerufen wurde, um einer ſehr nett ausſehenden Dame vorgeſtellt zu werden. Dem Anſchein nach war dieſe etwa fünfzig Jahre alt, ſie hieß Miß Penfold; bei meinem Er⸗ ſcheinen ſagte die Couſine Marcia:
„Dieſes iſt Petronel Fleming, Miß Penfold. Leider iſt ihre Erziehung bisher ſehr vernachläſſigt, und da ſie noch nichts weiß, iſt es dringend nothwendig, daß ſie jeden Augenblick ihrer Zeit benutzt; die Eintheilung derſelben überlaſſen wir ganz Ihnen, und hoffen dabei, daß Sie ihr nicht zu viel Freiheit geben.“
Hierauf erwiderte Miß Penfold mit einem Lächeln, was mir ſehr gezwungen vorkam, ſie wäre von vornherein über⸗ zeugt, daß ſie und ich, ihre Schülerin, immer die beſten Freunde ſein würden, und daß ich ſicherlich zu viel Eifer bei meinen Studien zeigen würde, um mehr Erholungszeit zu be⸗ anſpruchen, als meine liebreichen Beſchützer für gut erachteten.
Als die Couſine Marcia nun mein erſtauntes Geſicht ſah, ließ ſie ſich herbei, mich aufzuklären.
„Petronel, dieſes iſt die Dame, die Ulih und ich aus⸗ erwählt haben, um Deine Studien zu leiten; ſie hat ſich freund⸗ lichſt dazu verſtanden, täglich von Morgens neun Uhr bis Nach⸗ mittags fünf Uhr zu uns zu kommen. Während dieſer Zeit ſtehſt Du ganz unter ihrer Aufſicht; ich hoffe, Du benimmſt Dich in jeder Beziehung ſo, wie wir erwarten dürfen.“
„O, zweifelsohne!“ murmelte Miß Penfold ermuthigend. Ich meinerſeits war anfangs ganz ſtarr vor Erſtaunen, ich hatte wohl den Wunſch ausgeſprochen, Unterricht zu bekommen, wünſchte es auch wirklich, hatte dabei aber an den Beſuch einer Schule gedacht; nimmer war mir der Wunſch in den Sinn gekommen, in dem langweiligen Vorzimmer der Couſine, das noch dazu nach hinten, nach dem kleinen Hofe mit dem Brunnen lag, ſtundenlang feſtſitzen zu müſſen, nicht etwa in Gemeinſchaft mit einer Menge heiterer junger Mädchen meines Alters, ſondern ganz allein unter dem ſchroffen Szepter einer Ich hatte wohl Gouvernanten nennen hören, doch nie eine geſehen; als ich die nun ſah, die mir zudiktirt war, und der meine Bildung und Erziehung übergeben wurde, ſank mir das Herz. Miß Penfold war, wie ich ſchon erwähnte, in mittleren Jahren und, wie ich mich ſpäter überzeugte, ſehr klug und gebildet; ohne Zweiſel hatte ſie auch dem Vetter Ulih, der in ſeiner Güte für mich nur auf mein Beſtes be⸗ dacht war, vorzügliche Zeugniſſe vorgelegt und ſich nebenbei ein nicht unbedeutendes Salair ausbedungen, doch ſie verſtand es in keiner Weiſe, ein Mädchenherz für ſich zu gewinnen. Das Leben, das ſie bisher geführt, hatte manche Quälerei für ſie mit ſich gebracht, bei ihrer monotonen, langweiligen Be⸗ ſchäftigung war ſie verſauert und vertrocknet, früher hatte ſie vielleicht einmal Intereſſe und Herz für ihre Schülerinnen ge⸗ habt und hatte möglicherweiſe manche bittere Täuſchung erlebt; kurzum, als ſie zu uns kam, wollte es mir ſcheinen, als ſei ſie kalt wie Eiſen und außer Stande, für Andere je mehr als eine oberflächliche Neigung zu fühlen. Sie hatte das Beſtreben, meinen Geiſt zu entwickeln und zu bilden, doch das Herz mußte ganz aus dem Spiele bleiben; hierauf irgend⸗ wie Einfluß ausüben zu wollen, ſchien ihr zudringlich. Daher


