Jahrgang 
1 (1879)
Seite
110
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110 4 Concordia.

ſie ging ſo gemeſſen und langſam und hielt es immier für unpaſſend, wenn ich die hübſchen Schaufenſter mir näher be⸗ trachten wollte; dabei verlangte ſie unerbittlich von mir, ſtets die fatalen ſteifen Handſchuhe zu tragen, die meine Hände und Finger ſo einzwängten.

Heute wollte ich mir ungenirt und ohne Handſchuhe die Freude eines Ausganges machen, und ſollte mich die Couſine Marcia auch dabei attrapiren und ſich darüber ereifern. War ich doch überzeugt, Vetter Ulih könnte nicht böſe darüber wer⸗ den, es hatte ja nichts mit ſeinen Inſtrumenten und Büchſen zu ſchaffen. Raſch holte ich mir meinen Krepphut vom Haken, wohin Pinner ihn vorſichtig gehängt, ſetzte ihn auf meine Locken, ohne den Spiegel weiter zu Rathe zu ziehen, ſchlich mich durch die Halle und war draußen.

Hier überkam mich ein beglückendes, langentbehrtes Ge⸗ fühl der Freiheit, ich wußte nur nicht gleich, wie ich dieſe be⸗ nutzen und wohin ich meine Schritte richten ſollte; der Weg rechts führte nach dem Paradeplatz und von da nach dem Strande, den kannte ich, da Pinner ihn ſtets mit mir ein⸗ ſchlug; der andere links führte in den Theil der Stadt, worin die Läden waren, in denen die Couſine Marcia ihre Einkäufe machte. So wählte ich denn eine Straße, die von unſerem Hauſe geradeaus ging. Glückſelig wanderte ich dieſe hinab, die Sonne ſchien ſo köſtlich, die Läden glänzten in ihrer Pracht, und alle Welt ſah heiter und vergnügt aus. Aus meinem Gehen aber wurde bald ein Springen und ich ſang und pfiff, wie ich es früher ſo oft gethan, nie aber wieder ſeit meiner Abreiſe von Saltpool. Die Straße, die ich mir erwählt, war breit und hübſch, und die Läden befriedigten meine Schau⸗ luſt vollſtändig; ich konnte mich nicht ſatt ſehen an den vielen ſchönen Stoffen, Spiel⸗ und Putzſachen. Nach einiger Zeit jedoch wurden die Straßen ſchmäler und die Läden weniger anziehend; deſſen ungeachtet ſtrebte ich ſorglos vorwärts, die Wonne der Freiheit machte mich gegen meine Umgebung gleich⸗ giltiger. Straße nach Straße paſſirte ich, bis ich ſchließlich in ein Viertel kam, das mich ſelbſt in meiner Unerfahren⸗ heit etwas bedenklich machte die Trottoirs hörten auf, die Paſſage wurde immer enger und ſchmuziger, hier hingen die Handelsartikel nicht mehr von den Fenſtern, ſondern vor den Thüren, in den meiſten Häuſern waren Bier⸗ und Schnaps⸗ ſchänken, und davor ſaßen Frauen und Kinder, die mich alle erſtaunt anſtarrten. Wenn es mir nun auch anfänglich Spaß machte, die verſchiedenen Vögel und Kaninchen und die ab⸗ getragenen Kleidungsſtücke zu beſehen, die überall ausgehängt waren, ſo wurde mir in der Umgebung doch etwas unheimlich, und ich beſchloß, umzukehren. Raſch machte ich die Wendung und ging zurück, verfehlte aber meinen Weg gänzlich, ſodaß die Sache, anſtatt beſſer, noch ſchlechter wurde; die Straßen, in die ich nun kam, waren nicht mehr gepflaſtert, an einzelnen Stellen hingen Leinen querüber mit naſſen, zerriſſenen Lum⸗ pen, die Frauen, die ich ſah, waren beiſpiellos nachläſſig an⸗ gezogen, und von allen Seiten hörte ich Singen und lautes Schelten. Plötzlich kam mir ein Schiffer entgegen, der mit ſeinem ſchwankenden Gange faſt die ganze Straße einnahm und mit unſicherer Stimme laut ſingend drohte, mich zu fangen. Während ich, ihn beſorgt anſehend, ſtillhielt, faßte ein großer Straßenjunge in meine herabhängenden Haare und ahmte höhniſch mein angſtvolles Geſicht nach. Ich hatte gute Nerven, doch dieſe Manöver machten mich laut aufſchreien;

von Angſt erfüllt, riß ich mich los und lief ſpornſtreichs die Straße zurück. Wie lange und wie weit ich lief, weiß ich nicht; ich lief, bis ich vor Herzklopfen und Athemnoth nicht weiter konnte. Als ich dann anhielt, um mich umzuſehen und mich zu vergewiſſern, daß ich von meinen Peinigern befreit ſei, ſah ich auf einmal, wie eine Rettung vom Himmel ge⸗ ſchickt, Vetter Ulih's Wagen, vor einem kleinen, niedrigen Hauſe haltend. Ja, er war es, er mußte es ſein, er hatte dieſelbe dunkelglänzende Farbe! Ja, ich erkannte die edlen, prächtigen Pferde, die ich ſo oft ſchon gern hätte ſtreicheln und liebkoſen mögen, auf dem Bock ſah ich den Kutſcher, der immer bewegungslos daſaß und mich nie eines Blickes würdigte, wenn er bei unſeren Morgenſpaziergängen an uns vorüberfuhr.

In dem Augenblick war ich ſo erregt, daß eine Furcht beim Anblick der Equipage gar nicht bei mir auflam. Mein einziges Gefühl war das einer unausſprechlichen Freude über meine Rettung. So ſtürzte ich denn darauf zu, riß, ohne ein Wort zu ſagen, den Schlag auf und ſprang in den Wagen. Dieſer war, wie ich vermuthet, leer, drinnen ſtand des Vetters Wagenkorb, angefüllt mit Zeitungen und Briefen, mit ſeinem Notizbuch und der Holztrompete, wie ich ſein Stethoſkop immer ſcherzend nannte. Er ſelbſt war ſicherlich in dem Hauſe, vor dem wir hielten, und konnte jeden Augen⸗ blick kommen und mich auf ſeinem Platze ſitzend finden. Als ich mich aber dort etablirt hatte und in Sicherheit wußte, war mir doch etwas unbehaglich zu Muthe und ich ſah mit brennendrothem Geſicht ängſtlich durch die Fenſter nach Vetter Ulih aus. Endlich ſah ich ihn aus dem fraglichen Hauſe mit einem anderen Herrn kommen, und nachdem er ſich von dieſem verabſchiedet, wandte er ſich zum Wagen.

Petronel, Du hier? rief er in demſelben Tone des Er⸗ ſtaunens wie damals, als er mich in ſeinem Berathungs⸗ zimmer ertappte, doch diesmal noch ſprechender.

O, Vetter Ulih, bat ich flehentlich,ich hatte nicht die Abſicht, ſo weit zu gehen, wollte nur kurze Zeit die ſchöne Luft genießen, doch ich verirrte mich gänzlich und konnte mich nicht wieder zurückfinden.

Nach Hauſe! rief er dem Kutſcher laut zu und ſetzte ſich, ohne ein Wort zu ſagen, neben mich, blieb auch ſchwei⸗ gend, während wir raſch durch die ſchlechten Straßen fuhren.

Du biſt doch nicht zornig auf mich, Vetter Ulih? ſtam⸗ melte ich endlich hervor.

Zornig? nein; doch weißt Du denn auch wohl, wo Du geweſen biſt? Du warſt in dem ſchlechteſten Viertel der Stadt, wohin ſich ſonſt nie eine Dame wagt, und es war ein wahrer Glückszufall, daß ich gerade dort war. Du ahnſt wohl nicht, was Dir dort hätte paſſiren können, wenn ich Dich nicht getroffen? Doch wie ſollteſt Du auch! Wie aber konnte Pinner Dich ſo ganz allein ausgehen laſſen?

Ich that es ohne Erlaubniß, auntwortete ich, verlegen meinen Kopf ſenkend.In Saltpool ging ich immer allein aus; die Couſine Marcia nimmt mich nie mit ſich, und Pinner iſt ſo langweilig.

Hierauf ſagte er nichts, ſeufzte nur und ſah wieder zum Fenſter hinaus, während wir raſch unſerem Hauſe zufuhren. Ich wagte weiter kein Wort zu ſagen und dachte, diesmal den Vetter wirklich beleidigt zu haben. Vor dem Hauſe half

ä.