Concordia. 109
Bücher durcheinander geworfen. Du ungezogenes, ungehorſames
Kind, Du ſollteſt Dich ſchämen!“
„Es hat mir ja Niemand verboten, dieſe Sachen anzufaſſen,“ erwiderte ich ſtörriſch, innerlich aber war ich zaghaft bei dem Gedanken, daß ich dem Vetter Ulih Aergerniß bereitet haben könnte. Dieſer ſtand während der ganzen Szene ruhig am Kamin und drehte uns den Rücken zu.
„Das hätteſt Du wiſſen müſſen, ohne daß man es Dir ſagte,“ fuhr Marcia heftig fort,„wenn Du nur einen Funken von Nachdenken gehabt hätteſt.— Ich begreife nicht—“
„Marcia,“ unterbrach ſie Ulih, ohne ſich umzuwenden, „nun iſt es genug, laß uns von der Sache nicht weiter ſprechen!“
„Nicht weiter?“ ſprach ſie erſtaunt nach,„ſiehſt Du denn auch wohl, was ſie gethan? Sie hat alle die Inſtrumente aus den Fächern genommen.“
„Wheeler kann ſie wieder einpacken.“
„Sie hat ſie aber ſicher bei ihrer Spielerei beſchädigt.“
„Wenn das der Fall ſein ſollte, können ſie leicht reparirt werden.“
„Das Schreibpapier hat ſie auch ganz verdorben.“
„Davon habe ich noch genug.“
Der Ton, in dem er dieſes ſagte, flößte mir wiederum einigen Muth ein, doch bei der Couſine ſchien er die ent⸗ gegengeſetzte Wirkung hervorzubringen, denn nachdem ſie ihn eine Weile angeſehen, brach ſie plötzlich in Thränen aus und lief, ohne ihm ein Wort weiter zu erwidern, aus der Stube. Danach mußte ich wirklich fürchten, einen Verſtoß gemacht zu haben, der noch größer war, als ich vermuthete. Ich näherte mich daher ſchüchtern dem Vetter Ulih und ergriff ſeine Hand.
„Es thut mir ſo leid!“ ſagte ich mit leiſer Stimme.„Ich wußte nicht, daß ich Dein Zimmer nicht betreten durfte. Wirk⸗ lich, Vetter Ulih, ich wußte es nicht.“
„Jetzt weißt Du es und vergißt es nicht wieder, Petronel,“ ſagte er ernſthaft zu mir;„Du haſt meine Sachen gewaltig in Unordnung gebracht, ſodaß es Mühe koſten wird, ſie wieder an die rechten Plätze zu legen. Dieſes Zimmer iſt nicht für Kinder, hier darf Niemand eintreten, dem ich es nicht geſtatte. Nicht wahr, in Zukunft denkſt Du daran?“
„Darf ich denn nie wieder herein?“ fragte ich trübe. „Selbſt nicht, wenn ich verſpreche, ganz ruhig zu ſein und Nichts anzurühren?“
„Warum wünſcheſt Du es denn ſo, Kind?“
„Nur weil Du hier biſt, ich bin ſo glücklich, wenn ich bei Dir ſein und Dich anſehen darf, Vetter Ulih. Laß mich nur mitunter, wenn auch nur flüchtig, herein!“ bat ich ſchmeichelnd, doch er lächelte, befreite ſeine Hand, die ich noch immer feſt⸗ gehalten, und ſagte ſcherzend, er würde mir jedenfalls eine recht bittere Medizin geben, wenn ich wieder die Schwelle über⸗ träte, und forderte mich dann auf, zur Couſine Marcia zu gehen, und ſtets wie ein artiges Kind Alles zu thun, was dieſe wünſche.
„Sag' aber erſt, daß Du mir verziehen!“ drängte ich in ihn, indem ich mich an ſeinen Arm hing und ihm in's Ge⸗ ſicht ſah.
„Ja, ja!“ rief er haſtig, verweigerte mir aber den Kuß, auf den ich ſtillſchweigend gehofft. Dieſes betrübte mich— warum, wußte ich ſelbſt nicht.
Die Couſine Marcia fand ich oben, ſie kämpfte noch mit ihren Thränen und klagte gegen Pinner bitter darüber, daß ſich Alles im Hauſe zum Schlechten geändert, ſeit ich darin ſei; ſo wie ſie mich aber ſah, ſchwieg ſie hierüber und fing an, mir auf's Ernſthafteſte die Leviten zu leſen und mir lange Reden zu halten; dieſe alterirten mich jedoch nicht ſehr, da ich wußte, daß ihr Bruder mir verziehen. Seit der Zeit nahm ich mich jedoch wohlweislich in acht, das Berathungs⸗ zimmer wieder zu betreten, ſaß aber oft lange vor der Thür in der Hoffnung, ein Wort oder einen Händedruck vom Vetter Ulih im Vorbeigehen zu erhaſchen.
Allmälig kam der Frühling in's Land, dem ungeſtümen März folgte ein warmer, freundlicher April, ſelbſt in der Stadt ſah man Spuren davon, daß die Ruhezeit der Natur zu Ende war, und ich kann es mit Worten gar nicht ausdrücken, wie ſehr mein Herz ſich danach ſehnte, daß mir wieder einmal die Gelegenheit gegeben würde, mich ungeſtört im Freien umherzutummeln. Meine Freiheit hierin war früher faſt unbeſchränkt, meine Streifereien mit Betſy Mitchell, deren Geſellſchaft ich oft ſchmerzlich entbehrte, und mit den Nach— barkindern in Saltpool waren ganz zügellos geweſen; da war es nicht zu verwundern, daß mir die ſittſamen Promenaden mit Pinner, die präcis eine Stunde dauerten und ſtets in derſelben Richtung ausgeführt wurden, ebenſo ungenügend er⸗ ſchienen, wie dem jungen Hirſch ein kurzer Galopp um einen Raſenplatz. Ich hatte eine wahre Sehnſucht, einmal einen ungeſtörten Lauf über die Wälle oder über den Paradeplatz machen zu dürfen, doch Pinner verſtand meine Wünſche nicht, ſie war ſteif und ceremoniös wie ihre Herrin, und klagte ohne Unterlaß über meinen Mangel an Stetigkeit, wenn mir das tägliche Einerlei langweilig wurde.
Eines Nachmittags war die Verſuchung, einmal eine meiner früheren Streiftouren zu unternehmen, zu groß für mich, als daß ich hätte widerſtehen können. Es war ein köſt⸗ licher, warmer Tag gegen Ende April, alle Feuer in den Oefen hatte man ausgehen laſſen, weit geöffnet waren die Fenſter, um der milden Luft den Zutritt nicht zu währen; Morgens hatte ich ſchon wit vollen Zügen die ſchöne Luft zur gewohnten Stunde eingeathmet und die alte Pinner flehentlich gebeten, unſeren Spaziergang noch etwas auszudehnen, doch treu ihrer Pflicht und ihren Inſtruktionen, führte ſie mich erbarmungs⸗ los wieder heim und entkleidete mich wider Willen meines Promenadenanzuges.
Bald nach dem Frühſtück hatte die Couſine Marcia ſich in gewohnter Weiſe auf ihre Geſchäftswege begeben, ohne mir einen Wink zu geben, ſie zu begleiten; nachdem ich mich einige Zeit damit amüſirt, aus dem Fenſter zu ſehen und die hüb⸗ ſchen Blumen zu bewundern, die vor dem Hauſe zum Ver⸗ kauf feilgeboten wurden, überkam mich plötzlich wieder die Sehnſucht hinaus, und ich ſah nicht ein, weshalb ich dem Beiſpiel der Couſine nicht folgen ſollte. Warum ſollte es mir denn nicht auch vergönnt ſein, etwas mehr von der großen Stadt, in der ich lebte, zu ſehen; Begleitung brauchte ich nicht, ich war groß genug, um für mich ſelbſt zu ſorgen. Hatte ich doch in Saltpool oft und ſtets ohne Unfall die höchſten Bäume erklettert, wenn es galt, ein Vogelneſt zu er⸗ haſchen, und Klippen erklommen, die ſo ſteil waren, daß ich Schuhe und Strümpfe ausziehen mußte, ehe ich mich daran wagte. Unter Pinner's Führung ſah und hörte ich nie viel,


