Jahrgang 
1 (1879)
Seite
108
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108 Concordia.

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liche ausſahen, und plötzlich ſtand der Vetter Ulih mit dem freundlichen Geſicht hinter mir. Durch ſeinen Blick ermuthigt, ſagte ich ihm, daß ich ſo große Freude über Bilder hätte und mich oft mit geſchloſſenen Augen hinſetzte und mir für mich neue entwürfe; doch das ſchien ihn unangenehm zu be⸗ rühren, denn zu meinem Leidweſen ging er fort. Das große Wohnzimmer, das reiche Schätze enthielt, war für mich keines⸗ wegs unerſchöpflich, bald war ich damit fertig, und eines Tages, während die Couſine ausgegangen war, um Viſiten zu machen, und nachdem Wheeler ſchon zweimal mit der wichtigſten Miene heraufgekommen war, um mir anzudeuten, daß er mich verklagen würde, wenn ich nicht aufhörte, die Treppengeländer herunterzugleiten, wanderte ich gelangweilt im Hauſe umher, bis ich an einen mir bisher ganz un⸗ bekannten Raum kam, nach dem Berathungszimmer Vetter Ulih's. Wenngleich mir der Zutritt zu dieſem nie verboten war, ſo wußte ich doch, daß es von allen Hausgenoſſen wie geheiligt angeſehen wurde; die Thür war gewöhnlich feſt ver⸗ ſchloſſen, nur Wheeler allein durfte dort reinigen und eintreten, ſelbſt die Couſine Marcia kam nie in deſſen Bereich, wenn der Bruder ſie nicht ausdrücklich rufen ließ. All' dieſer Be⸗ wehr ließen es nur um ſo verführeriſcher erſcheinen, einen Blick in dieſes Heiligthum zu thun, darin mußten ja Dinge von beſonderem Intereſſe zu finden ſein. Ein flüchtiger Ein⸗ blick, den ich früher gehabt, machte mich begierig, mehr zu ſehen; als ich daher bei dieſer Gelegenheit die Thür an⸗ gelehnt fand und Wheeler fern wußte, öffnete ich kühn und trat in Blaubart's Zimmer. Anfänglich war ich etwas ent⸗ täuſcht, ich konnte nichts Abſonderliches finden; das Zimmer war mittlerer Größe, die Möbel von geſchnitztem Eichenholz mit Lederüberzügen; an der einen Wand ſtand ein großes Sopha, und ich dachte beim Anſchauen deſſelben in meinem Sinn, daß darauf wahrſcheinlich die armen Menſchen feſt⸗ gebunden würden, denen Vetter Ulih die Arme und Füße ab⸗ ſägte, begriff gar nicht, wo Alles dieſes dann bliebe, und wie Wheler, der doch ſicher überall mit Hand anlegen mußte, die Unglücklichen wieder aus dem Hauſe ſchaffte. Vor dem Fenſter ſtand ein großer Lehnſtuhl, der wurde ſicher bei Zahn⸗ operationen benutzt. Wie entſetzt würde der Vetter Ulih ge⸗ weſen ſein, wenn er eine Ahnung von dieſen meinen Gedanken gehabt hätte! Inniges Mitleiden hatte ich mit all' den Leidenden, die dieſem Zimmer verfallen waren, denn ich ſelbſt war nie krank geweſen; dabei ſetzte es mich in Erſtaunen, daß das Sopha und die Stühle trotz der verſchiedenen ſchaurigen Operationen, die vielleicht ſchon darauf vorgenommen ſein mochten, noch ſo wohl konſervirt ausſahen. Alle dieſe überſpannten Ideen vermochten doch nicht, meinen Glauben an den Vetter Ulih zu erſchüttern, im Gegentheil, meine Be⸗ wunderung über ſeine Geſchicklichkeit und darüber, daß er ſo außergewöhnliche Dinge ausführen konnte, ſtieg noch mehr; der Gedanke, daß er Jemanden peinigen könnte, ohne ihm zu helfen, kam gar nicht in mir auf, dazu war er zu menſchen⸗ freundlich; wenn er quälte, half er auch; zu Anderen, wie zum Beiſpiel zu Herrn Auſtin, den ich mitunter ſah, hatte ich gar kein Vertrauen. Plötzlich hielt ich mit meinen Be⸗ trachtungen inne, denn mein Auge fiel auf einen ſchönen ſo⸗ liden Schreibtiſch, der überſäet war mit Dingen von Glas, Bronce und Ebenholz und mit beſchriebenen und reinen Papier⸗ ſtücken; auf einem Nebentiſch und in einem Bücherſchrank

lagen Bücher aller Art. Dieſe ſah ich mir natürlich an. Endlich zog eine große offene Schublade meine Aufmerkſam⸗ keit auf ſich, die mit Sammet ausgeſchlagen war und worin ſich eine Menge der reizendſten polirten Gegenſtände be⸗ fanden, die alle in beſondere Fächer eingepaßt waren. Dieſe ſah ich mir mit Vergnügen an und nahm ſie einzeln zur Hand, nie hatte ich eine ſolche Sammlung geſehen. Darunter waren lange, ſchmale Scheeren, die ausſahen, als ſeien ſie verhungert, und auch kurze, breite, die auseinandergenommen werden konnten, und wieder andere, die wie Korkzieher aus⸗ ſahen ſonderbare Dinge! Stricknadeln jeder Größe und Stärke lagen auch darin und kleine Rollen mit Seide und Draht, auch Sägen und ſcharfe lange Meſſer und Dinge, die Bohrern gleichen; zuletzt wurde ich faſt blind und unſicher darüber, ob der Vetter ſich in ſeinen freien Stunden mehr mit Damen⸗ oder mit Tiſchlerarbeiten beſchäftigte. Während ich mir Stück für Stück anſah und Alles auf einen Haufen legte, kam mir plötzlich der Gedanke, daß ſich damit herrlich ein Spiel machen ließe, das ich von früher kannte und das ich in Saltpool ſelbſt beſeſſen hatte. Ich hatte mich immer köſtlich damit amüſirt, leider ward bei meiner raſchen Abreiſe die Schachtel, worin das Spiel war, wie auch noch mancher meiner kleinen Schätze vergeſſen. Mit all' dieſen blanken Nadeln und Dingen mußte es ebenſo gut gehen ich ſetzte mich auf des Vetters Maroquin⸗Stuhl und ſuchte mir das geeignetſte Inſtrument aus, um aus dem großen Haufen die einzelnen Stücke behutſam herauszufiſchen, ohne die übrigen zu berühren.

Wie lange ich mich noch bei dem Spiel mit Vetter Ulih's Inſtrumenten amüſirt, weiß ich nicht, denn ich wurde ſo eifrig dabei, daß ich bald die ganze Außenwelt vergaß, bis ich plötz⸗ lich daran erinnert wurde durch das Oeffnen der Thür und durch den Ausruf des VettersPetronel! Er ſchien mir ſo erſtaunt, als traue er ſeinen Augen nicht.Petronel? und in Deiner Stube?! ſchallte auch die Stimme ſeiner Schweſter im Tone des höchſten Unglaubens. Da ſah ich auf und erblickte die mich anſtaunenden Geſchwiſter. Ich fühlte, daß ich blutroth wurde, denn hatte ich auch vorher keine Ahnung davon gehabt, daß ich Unrecht gethan, ſo wurde mir dieſes durch den Ausdruck in ihren Mienen klar. Couſine Marcia, die bei der Unerhörtheit dieſes Falles gewagt hatte, ohne Weiteres über die Schwelle zu treten, ließ mich auch keinen Augenblick mehr im Zweifel.

Petronel! rief ſie nochmals aus,iſt es möglich, daß Du es gewagt haſt, dieſes Zimmer zu betreten? Weißt Du denn nicht, daß das Niemandem ohne beſondere Erlaubniß ge⸗ ſtattet iſt, daß ſelbſt ich mir dieſe einholen muß, wenn ich herein will? Und Gott im hohen Himmel! Ulih, fuhr ſie fort, wie ſie meine Beſchäftigung ausſpionirt,ſieh', was das Mädchen gethan Petronel hat alle Inſtrumente an⸗ gefaßt, aus den Fächern genommen und durcheinander ge⸗ worfen!

Ich ſpielte das Zauberſpiel damit, ſagte ich, auf mein Spielzeug deutend, um es ihr zu erklären.

Das Zauberſpiel mit dieſen werthvollen Inſtrumenten, die Hunderte von Pfunden koſten? Das Kind iſt zu dumm! Und bitte, Ulih, ſieh' auf den Schreibtiſch, dort liegen alle Deine Papiere vollgekritzelt und beſchmutt, und alle Deine