Jahrgang 
1 (1879)
Seite
106
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106 Concordia.

an ſeiner Angel zappeln müſſe, wie einſt der gute Materialiſt, den er als Fußſchemel zur Erlangung ſeines Vermögens be⸗ nutzte. Und nun ſah er ſich theils durchſchaut, anderntheils aber in einer Weiſe behandelt, die geeignet war, ſein Selbſt⸗ bewußtſein als falſche Einbildung erſcheinen zu laſſen. Er war mit der feſten Ueberzeugung gekommen, bei dem ein⸗ geleiteten Spiele die beſten Trümpfe in der Hand zu halten, und auch geneigt, wenn es nöthig werden ſollte, dieſelben mit Nachdruck auszuſpielen; trotz alledem ward er abgetrumpft, ohne auch nur an das Spiel zu kommen.

Ich bin ja deswegen nicht gekommen! murmelte er klein⸗ laut, indem er nach dem Gelde ſchielte,es wäre ja Alles unter uns geblieben; wer hätte denn ahnen können, daß wir vorher ich konnte das Geſchäft ja ſehr gut allein

Nehmen Sie das Geld und quittiren Sie! ſagte Römer in befehlendem Tone mit einer heftigen Handbewegung.

Falk trat verdrießlich zum Tiſche, überzählte das Geld, ſtrich es zuſammen und ſteckte es in die Taſche; hiernach voll⸗ zog er die Quittung, welche er Römer hinreichte.

Ich danke! ſagte dieſer, das Papier, während er es ent⸗ gegennahm, flüchtig anſehend;Ihr Geſchäftsanerbieten lehne ich natürlich entſchieden ab. Ich halte meine Hände gern rein!

Falk verbeugte ſich linkiſch; er verſuchte zwar zu antworten, brachte jedoch nichts hervor; es war dem ſonſt ſo ſelbſtbewuß ten Manne noch nicht gelungen, ſeine Faſſung wieder zu ge⸗ winnen.

Was die letzte Andeutung Ihres Billets betrifft, fuhr Römer fort,ſo fühle ich mich veranlaßt, der Formulation ihres Antrages zuvorzukommen. Sie einnern ſich wohl noch einer Unterhaltung, die wir vor ungefähr ſechs bis ſieben Jahren miteinander hatten? Nun gut, der Gegenſtand, welchen wir ſeinerzeit behandelten, duldet nicht, daß wir in ein ver⸗ wandtſchaftliches Verhältniß treten. Sparen Sie alſo gefälligſt jedes Wort in dieſer Hinſicht!

Falk's Geſicht erröthete dunkel; er machte eine heftige Be wegung; ſeine Faſſungsloſigkeit ging in Zorn über.

Das iſt die Stimme Ihres Prokuriſten, die ich da ver⸗ nehme! rief er grob.

Wellmann's, meinen Sie? fragte Römer, aufmerkſam werdend.

Ja jal dieſes Wellmann! erwiderte Falk heftig.

Weiß der auch um jenen Depeſchenhandel? meinte Römer lebhaft;davon hat er mir nie ein Wort geſagt. Meine Kenntniß von demſelben habe ich durch ſeinen Vor⸗ gänger!

Der Kommerzienrath machte ein Geſicht, welches deutlich zeigte, daß er ſich übereilt habe. Er murmelte zunächſt einige unverſtändliche Worte.

Iſt jenes Ihr letztes Wort in dieſer Angelegenheit? fragte er dann wie Jemand, der einen plötzlichen Entſchluß gefaßt hat.

Mein letztes! erwiderte Römer kalt, indem er ſich erhob.

Und ſind Sie denn rein von jeder ſchlechten Handlung? ſchrie der Kommerzienrath förmlich auf,fühlen Sie ſich wirklich ſo ſicher, daß Sie mir, einem allgemein anerkannten Ehrenmann, einen Makel anhängen wollen, für den Sie gar keine Beweiſe haben?

V V V V V

Falk's eigentlicher Charakter kam zum Durchbruch. Er war allerdings wenig rückſichtsvoll behandelt worden; dies mußte ihn, ſeinen Grundſätzen nach, um ſo mehr berechtigen, jede Rückſicht ſchwinden zu laſſen.

Römer war leichenblaß geworden bei den Worten des Kommerzienrathes. Doch antwortete er demſelben nicht, ſondern ergriff einen Klingelzug und zog denſelben an; hierauf nahm er die auf dem Tiſche befindliche Klingel und ließ ſie ebenfalls ertönen.

Auf dies letzte Zeichen ward die Thür des Kabinets ge⸗ öffnet und Paul erſchien auf der Schwelle.

Führe den Herrn hinaus! befahl ihm Römer.

Doch Paul rührte ſich nicht, ſondern blickte nur ſehr erſtaunt von einem der Herren auf den anderen.

Mir das?! rief der Kommerzienrath wüthend.

Hörſt Du nicht?! fuhr Römer ſeinen Diener an.

Paul hörte nicht; er ſchien zur Bildſäule verwandelt zu ſein.

Das ſollen Sie büßen, Herr! rief Falk zähneknirſchend; ja, das ſollen Sie rechnen Sie nicht länger auf Schon⸗ ung Sie Sie2

In der offenen Thüre hinter Paul erſchien Wellmann's Geſtalt; Falk unterdrückte, was er noch hervorzuſtoßen be⸗ abſichtigt hatte, ſo wie er Jenen erblickte.

Gut geſpielt! rief er dann,aber wir ſprechen uns weiter!

Damit ſchoß der zürnende Herr davon. Wellmann wich ihm aus und trat an Paul vorüber in das Gemach. Der Diener ſchien einen Augenblick Neigung zu haben, dem Kom⸗ merzienrath nachzueilen; doch nach einem Blick auf die beiden Herren im Zimmer ſchloß er erſt langſam die Thür und ging dann Jenem nach.

Guten Morgen, lieber Wellmann! ſagte Römer inzwiſchen im Kabinet, obwohl blaß, doch ohne ſichtbare Aufregung. Sie haben vielleicht das Ende des erſten Aktes eines Trauer⸗ ſpieles geſehen. Doch ich habe eine Ueberzeugung gewonnen, die mich muthig macht, ſtatt, wie ſie ſollte, mich niederzudrücken; ſagen Sie Freund, haben Sie nie darüber nachgedacht, von wem die gegenwärtig wieder graſſirenden falſchen Börſen⸗ Depeſchen herrühren können?

Nachgedacht wohl, Herr Römer! antwortete Wellmann, doch es iſt mißlich, ſo ohne Weiteres auf Jemand Verdacht zu werfen!

in Rumſtadt entdeckte Depeſchen⸗Fälſchung und Unterſchlagung?

Allerdings, Herr Römer; mein verſtorbener Vater hat mit dazu beigetragen, die Sache aufzuklären. Die Ihnen zur Zeit meines Eintritts in das Komptoir von meinem Vetter gemachte Andeutung und Mittheilung kamen von mir!

So ſind Sie aus Rumſtadt?

Es iſt mein Geburtsort und noch der Wohnort meiner

Familie! Und Sie haben dort den Herrn Falk gekannt?

Wie ich ihn als heranwachſender junger Menſch kennen konnte, ſehr oberflächlich!

Es iſt aber richtig, daß man den Bankier Falk für den Urheber der Depeſchen⸗Fälſchungen, Unterſchlagungen und Ddiebſtähle hielt, welche hier die ganze Börſe auf den Kopf ſtellten und ſo viel Unheil anrichteten?

Aber Sie wiſſen etwas über die etwa vor zehn Jahren